Über den kollektiven Selbstbetrug einer Multikulti-Weltstadt anlässlich der Puerto Rican Day Parade am Sonntag.
Parade-City
Über die heurige 'National Puerto Rican Day Parade', die letzten Sonntag auf der Fifth Avenue in Manhattan stattgefunden hat, gäbe es eigentlich nicht viel mehr zu berichten, als dass sie heiß (90 Grad Fahrenheit + Salsa!), laut (Bomba, Meringue, Plena + Salsa) und die größte ihrer Art war (ca. 100 000 Teilnehmer, 3 Millionen Besucher + Salsa), hätte es im Vorfeld nicht diese klitzekleine Auseinandersetzung um ein Papierschild gegeben. Eine Auseinandersetzung, die einmal mehr verdeutlicht, was eh alle in New York wissen, aber nicht so gerne zugeben: Nicht alles, was in einem Schmelztiegel zusammenkommt, kommt auch wirklich zusammen. Oder anders ausgedrückt: Natürlich gibt es auch im sich oberflächlich durch Parolen des Zusammenhalts umarmenden Post-9/11 New York ethnische Spannungen.
Photo & (c) by Martin Fuchs
Das Schild
Wie die meisten Umzüge in Manhattan findet auch die Parade der größten Latino-Gemeinde New Yorks auf der Fifth Avenue statt. Und wie die Parade der Iren oder Italiener zieht auch der Salsa-Tross über die "Museumsmeile" am Central Park direkt durch die Upper East Side, den Hort der superexzentrischen Superreichen.
In der Vorbereitungsphase brachte das New York Police Department (NYPD) - wie gewohnt - "Parken Verboten" Schilder an Laternen und Absperrungsgitter in der Upper East Side an, damit die Paradenbesucher nicht die gesamte Neighbourhood mit ihren Benzinkutschen verstellen und die Sidewalks unpassierbar machen. So weit so gut die normale Paraden-Sause-Vorbereitung; bis auf diesen einen kleinen Zusatztext auf den Verbotsschildern. Der vollständige Text lautete nämlich "No Parking for the Puerto Rican Day Parade on Sunday".
Photo & (c) by Martin Fuchs
Der Zusatz
Dieser kleine Zusatztext erhitzte die Gemüter der Veranstalter, die dann auch gleich die Medien einschalteten. Und so tauchten zwei Tage vor der Durchführung des festlichen Umzugs erboste New Yorker mit Verbindung zu Puerto Rico im Programm des Stadtfernsehens NY1 auf und bezichtigten die Stadtbehörden und Bewohner der Upper East Side des Rassismus. Die Reichen würden wohl etwas dagegen haben, dass die Ärmeren (sprich Latinos) quasi in ihr Wohnzimmer marschieren, lautete der Tenor von Community-Vertretern und befragten Passanten auf der Straße.
Die Anschuldigungen kommen nicht von ungefähr. In den vergangenen Jahren hatten Anwohner und Geschäftsleute im Effektgebiet des bunten Treibens ihre Häuser und Geschäfte aus Angst vor "Vandalismus" regelrecht verbarrikadiert, obwohl es in der zehnjährigen Geschichte der Parade noch nie zu nennenswerten Vorfällen dieser Art gekommen ist. Bürgermeister Michael Bloomberg bat heuer die Bewohner und Geschäftsleute der Upper East Side, von diesen "disrespectful actions" Abstand zu nehmen. Im Jahr der Bürgermeisterwahl kann diese Parteinahme für die größte Latino-Communtiy (ca. 870 000 Einwohner) der Stadt nur von Vorteil sein.
Photo & (c) by Martin Fuchs
NYPD-Blue(s)
Das NYPD rechtfertigte den Fauxpas mit den Parkverbotsschildern aus Papier mit dem Hinweis, dass die explizite Nennung seit heuer für alle Paraden gelte. Die Veranstalter der 'National Puerto Rican Day Parade' spielten daraufhin den Ball wieder zurück und erklärten, dass bei der letztwöchigen 'Salute to Israel Parade' dieser kleine, aber entscheidende Zusatztext fehlte, worauf das NYPD neuerlich mit einer Erklärung konterte. Die Veranstalter hätten gegen diese Nennung ein Einspruchsrecht, erklärte ein Polizeisprecher auf NY1. Nur blöd, wenn diese davon nicht in Kenntnis gesetzt werden.
Photo & (c) by Martin Fuchs
Schildbürger in NY?
Als ich am Sonntag Nachmittag auf der 44th Street, Ecke Madison Ave auf die ersten Menschenhaufen der Paradenteilnehmer stieß, galt meine Aufmerksamkeit aus all den oben genannten Gründen vorerst weniger den tausenden Puerto Rico-Fahnen, kunstvoll gestalteten Highriser Fahrrädern mit "Großraumdisco-Soundanlagen" (ein Community Hobby) und Salsa-Combos; sondern simplen kleinen Papierschildern. Und siehe da:
Der Zusatztext war verschwunden... die diesbezügliche Skepsis wollte dennoch nicht weichen.
Ich mischte mich unter die Paraderos (OK! das Wort hab ich jetzt erfunden), ließ mich zwei Stunden durch das Menschenmeer treiben, das sich über mehrere Straßenzüge der Upper East Side erstreckte, und stellte mit Erstaunen fest, dass im Gegensatz zu anderen Umzügen kaum einheimische Weißbrote oder ausländische Touristenscharen im Gewühl auszumachen waren. Kann ja gut sein, dass das "restliche New York" schon am Vormittag vorbeischaute. Irgendwie aber beschlich mich das leise Gefühl, dass diese Schildergeschichte möglicherweise doch kein dummer Zufall war. Vielleicht entsprang sie ja dem dunklen Unterbewusstsein einer Stadt, die seit jeher versteht, ihre Linien der Segregation als Schaniere der Kulturen und Ethnien zu verklären.
Photo & (c) by Martin Fuchs
Dabei sind die Ängste der Anrainer bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Wo andere Umzüge Seniorenverbände, Brassbands und Keulenschwinger über die Fifth Ave ziehen lassen, rollen bei der Puerto Rican Parade Trucks mit lauten Soundsystems entlang des Central Parks und werden von einem sehr jungen, ausgelassen feiernden Publikum flankiert, das in seiner Gesamtheit von der Optik her wie eine riesige Hip Hop Gang wirkt. Dementsprechend die Fleischbeschau, die Muskeln, die Tattoos, die Gesten, Sprüche und Macho-Posen. Doch das Menschentreiben war keinen einzigen Augenblick lang von jener aggressiven Atmosphäre geprägt, wie sie zB. im Ösiland bei diversen Volks- und Zeltfesten scheinbar zum Standard-Inventar der zünftigen Unterhaltung gehört.
Am Montag blieb der Newsticker bezüglich der Puerto Rican Day Parade jedenfalls relativ ruhig (nur ein kleiner Artikel in der NY-Times, ein Polizist wurde leicht an der Hand verletzt). Das bedeutet in der Logik der modernen Nachrichtenwelt: alles weitgehend friedlich gelaufen und deshalb nicht berichtenswert. Auch so ein kollektiver Selbstbetrug, das.
Vor der Parade ist nach der Parade
TX Man!
Danke an dieser Stelle an den zur Zeit in NY lebenden Photoblogger und Magnum-Photos Praktikanten Martin Fuchs, von dem die S/W Bilder stammen, die er während der Parade und der tags davor stattfindenden Warming-Party auf der 116th Street aufgenommen hat.