'March on Washington': Eindrücke von einer Anti-Kriegs-Demonstration.
Es ließ sich an wie eine Klassenfahrt. Wäre der Hintergrund dieser Busreise nicht so ernst, könnte man fast an einen Ausflug ins Blaue denken. Noch vor der Abfahrt in Brooklyn fliegen die Witze durch die Luft wie Tennisbälle. Viel Gelächter. Dann ruft Kevin, der Chauffeur, zur Ruhe. Als der Geräuschpegel fällt, beginnt er ein Gebet. "Holy Moly", denke ich, als wir gegen 7 Uhr morgens in Richtung Washington DC aufbrechen. Ich war mit Martin und Irene gekommen. Beide Fotografen absolvieren gerade ein Praktikum bei Magnum Photos in New York. Martin stellte mir schon einmal freundlicherweise seine Fotos für eine Story zur Verfügung (weiter unten seht ihr seine Serie über den 'March on Washington').
Da im Bus keine freie Sitzreihe mehr zu erspähen ist, setzen wir uns getrennt voneinander zu anderen Passagieren dazu. So hat jeder von uns Gelegenheit, die Leute von 'Brooklyn Parents for Peace' kennen zu lernen. Die in den 70er Jahren gegründete Organisation hat insgesamt acht Busse für den 'March on Washington' organisiert.
Aufbruch in Brooklyn um 7 Uhr früh.
In unserem Gefährt sitzen zur Hälfte Afroamerikaner mittleren Alters. Als ich neben Robert platznehme, erfahre ich auch warum. Die Männer und Frauen gehören zu den 'Black Veterans For Social Justice'. Die meisten von ihnen haben im Vietnam-Krieg gedient. Es sind überwiegend Menschen mit sozialen Problemen, die ohne die Hilfe der Nonprofit-Organisation zum Großteil auch homeless wären. "Everyone got the stickers 'Support our Troops'. Where are those who claim 'Support our Veterans', fasst Robert das Dilemma vieler ehemaliger Soldaten zusammen. Erst als wir später bei einer Raststätte haltmachen, fällt mir auf, dass viele von ihnen kriegsinvalid sind.
Robert erzählt mir auch von den Schwierigkeiten, die er selbst nach seiner Rückkehr aus Vietnam hatte und den Problemen, die auf die Irak-Soldaten zukommen werden. Der Autor und Psychologe ist weiß. Er hat sich freiwillig gemeldet. Damals wie heute. Nur dass es dieses Mal eine Organisation ist, die Leben gibt und nicht nimmt. Den "Black Vets" gehe es als Organisation nicht so gut. Da wolle er helfen.
Ankunft in Washington DC
Wir benötigen knapp vier Stunden nach Washington DC. Alle im Bus scheinen gleichzeitig miteinander zu reden. Unterbrochen werden wir durch Anweisungen über den Ablauf der Demo, die ein älteres Pärchen namens Jackie und Henry erteilen, sowie durch die Vorstellung mitreisender Vereine und Gruppen durch deren Sprecher.
Emilia von Brooklyn Parents for Peace erzählt mir, dass die Behörden unter fadenscheinigen Erklärungen einige Zugverbindungen nach Washington unterbrochen hätten, um den Zulauf zum Protestmarsch einzudämmen. Sie hat die Nachricht gerade via SMS von einer befreundeten Organisation in Washington erhalten. Methoden wie diese seien durchaus üblich, meint die 25-Jährige. Mit Ähnlichem sei auch in der Hauptstadt zu rechnen. Dass dann die U-Bahnlinie, die uns vom Busbahnhof in die City bringen sollte, ausgerechnet an diesem Wochenende wegen Umbauarbeiten massive Transportverzögerungen hatte, trug nicht gerade viel dazu bei, Emilia's Verdacht zu zerstreuen. Zwar sind Reconstructions während des Wochenendes in allen US-Großstädten mit U-Bahnsystem üblich. Doch die Demo-Veranstalter hatten die Betreiber der Subway in Washington schon Wochen vor dem Protestmarsch über den zu erwartenden Massenandrang informiert.
Es ist seltsam, aber die Busfahrt in die US-Hauptstadt hat bei mir stärkere Eindrücke hinterlassen, als der anschließende Demonstrationszug. Vielleicht weil unsere Zeit vor Ort sehr knapp bemessen war und wir nach gut vier Stunden Aufenthalt wieder zurück zu den Bussen an die Peripherie aufbrechen mussten. Vielleicht weil in den weiten Plätzen und Straßen Washingtons trotz über 100.000 Demonstranten keine spürbare Massenwirkung aufkommen wollte. Vielleicht weil sich die Marschroute durch die Innenstadt wand wie eine Schlange, die nicht genau weiß, wo sie hinkriechen will. Vielleicht aber auch, weil eine Demo eine Demo ist. Wie überall.
Pennsylvania Ave
Einige starke Momente des Marschs wirken jedoch noch 24 Stunden später. Zum Beispiel der von der Frau am Straßenrand, die es sich in einem Camping-Sessel gemütlich gemacht hatte. Als ich sie ungezwungen nach dem Gebrauchsteil fragte, brach sie plötzlich in Tränen aus vor lauter Gram über diesen Krieg. Dann der Junge, der trotzig ein Schild mit den Porträts seiner Neffen hochhielt. Die darauf zu sehenden Marines sahen nicht viel älter aus als der 17-Jährige. Beide haben noch einige Monate Dienst im Irak vor sich. Was sie über den Krieg denken, darüber wollte der Junge nicht mit mir reden. Er fürchtet negative Auswirkungen auf seine Neffen.
Oder der Moment, als der Zug eine kleine Gruppe wütender Kriegsbefürworter passierte, die durch Polizisten von den Demonstranten abgeschirmt wurden. Als ich auf ihren Korridor zugegangen bin, hat es plötzlich fürchtbar nach Scheiße gestunken. Da bemerkte ich die großen braunen Haufen auf der Straße, die von den Pferden der berittenen Polizei stammen mussten.
Die berühmteste Camperin der Welt, Cindy Sheehan, die den Protestmarsch anführte, habe ich kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Dafür erhaschte ich nach Ende des Marsches noch einige Laute von der Rockbühne. Ich saß beim Obelisken (Washington Monument) und ließ meinen Blick abwechselnd zwischen dem Weißen Haus und der nur wenige Steinwürfe entfernten Rockbühne pendeln. Personen konnte ich zwar keine erkennen. Dafür aber hörte ich wie Wayne Kramer (Ex MC5) 'Kick out the Jams' anstimmte. Da musste ich natürlich schon schmunzeln. Und dann trat Joan Baez auf die Bühne und folkte die Szene vor dem Weißen Haus für die Dauer von zwei Songs zurück in die 60ies. "All That Weary Mothers Of The Earth".
Eine der zahlreichen Installationen am Park vor dem Washington Monument (Obelisk).
Photos von Martin Fuchs
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Links und Programmhinweis
'March on Washington' Reportage in der heutigen FM4-Homebase (Montag) ab 19 Uhr.