"Hi! My name ist Matisyahu". Matisyahu springt vom Sessel auf und schüttelt mir dir Hand. Alle Anwesenden lachen. Zunächst Verwirrung meinerseits. Dann stimme ich ein in den Chor der Zwerchfell-Akrobaten. Witzbolde! Matisyahu war gar nicht Matisyahu. Der falsche Matisyahu ist ein Freund des richtigen Matisyahu. Die uniforme Kleidung der Chassiden, das obligatorische Käppi, der Bart und die Schläfenlocken, diese Abwesenheit von Individualität, würde einem Außenstehenden wie mir die Identifizierung eines Einzelnen erschweren - zumindest im Moment der Überraschung. Und so ist es ja immer mit dem Fremden. Der falsche Matisyahu wusste das. Jetzt steht er grinsend neben mir. Nicht peinlich, diese Situation, eher lustig. In anderen Zusammenhängen kann so was schon mal ins Auge gehen. Hier nicht. Im Youth Action Movement Center in Crown Heights herrscht ausgelassene Stimmung an diesem Tag im April. Alle freuen sich auf das bevorstehende Passover Fest, einem der wichtigsten jüdischen Feiertage. Ein korpulenter Typ mit rotem Bart lächelt verschmitzt, wendet sich wieder seinem Gesprächspartner zu und erzählt die Schnurre von einem Rabbi in Coney Island, der heimlich Schinken essen würde. Wieder Gelächter im Raum. Matisyahu, der echte, grinst und beißt in ein Koscher Sandwich.
They call him the Rapping Rabbi
Crown Heights/Brooklyn. Heimat der Chassiden der Lubawitsch Gemeinde.
Von außen betrachtet wirken die Chassiden sehr ernst und streng. Sind sie auch, sind sie aber auch wieder nicht. Sie gelten unter den orthodoxen Bewegungen des Judaismus als lebenslustigste und dem Sinnlichen durchaus zugeneigte Gruppe. Singen, Tanzen und Feiern im Allgemeinen sind direkte Wege zu Gott. Matisyahu erzählt auch von gelgentlichen Alk-Exzessen, die von der Gemeinde aber offiziell nicht toleriert werden würden. Einer meiner israelischen Freunde hier in New York berichtete mir unglängst von chassidischen Jugendlichen, die auf LSD high werden und Techno hören. Zalman, ein 15jährigen Schüler, den ich im Jugendzentrum getroffen habe, lehnt jedenfalls jede Form von Berauschung ab und hört außer Matisyahu keine Popmusik.
Die Chassiden werden von vielen Vertretern des jüdischen Mainstreams als Sekte abgelehnt. Verehelichungen werden oft vom Rabbi bestimmt und auch Matisyahu erhielt erst die Erlaubnis Popmusik zu machen, als er seinem Rabbi versprochen hat, dass er vorher heiraten würde (was Matisyahu auch getan hat). Die Chassiden wurden im Osteuropa des 17 Jahrhunderts vom Mystiker Baal Schem Tow als Gegenbewegung zum vorherrschenden, streng hierarchischen Rabbiner-System ins Leben gerufen. In Folge der Naziverfolgung und Unterdrückung durch die nachfolgenden Kommunisten in Osteuropa, emmigrierten die Chassiden in großer Zahl in die USA, vor allem nach New York.
Youth Action Movement Center
Es ist sehr typisch für New York, dass hier die größten chassidischen Gemeinden weltweit entstanden sind. Typisch vor allem, weil diese abgeschottet in ihren Communities in Williamsburg und Crown Heights wohnen. Von wegen "Schmelztiegel". Dieses Klische ist in der Realität kaum haltbar. In Wahrheit leben die vielen ethnischen, kulturellen, religiösen Communities New Yorks eher nebeneinander als miteinander. In Crown Heights sind das vorwiegend Einwanderer aus den West Indies und die Chassiden-Gemeinde der Lubawitsch.
Das Youth Action Movement Community Center liegt im Herzen von Crown Heights, das wiederum tief im Herzen von Brooklyn liegt. Es sieht aus wie jedes andere Jugendzentrum auch: Graffiti und Musikinstrumente, ein Dart-Automat und Poster zieren den Innenraum. Der Unterschied: statt markiger Adoleszenz-Phrasen stehen Tora-Sprüche an der Wand. Die Bilder zeigen nicht das Konterfei des gerade angesagtesten Gangster-Rappers, sondern das Portrait von Rabbe Menachmen Mendel Schneerson. Viele Lubawitscher sehen in dem 1994 verstorbenen Anführer der chassidischen Untergruppe den Messias. Matisyahu glaubt das nicht. "Aber die Prophezeiungen sagen uns, dass er noch in unserer Generation kommen wird". Die Chassidim New Yorks sind sich in dieser Frage uneins. Genau so wie in ihrem Verhältnis zu Israel. Viele von ihnen sind strikte Anti-Zionisten. Nur den Matisyahu finden alle toll. Und nicht nur die orthodoxen Juden. Mit seinem zweiten Studioalbum "Youth" stieg der Reggae Shootingstar im März auf Platz 4 der US-Billboard Charts ein und landete auf Platz 1 der i-Tunes Wertung. 120.000 Stück seiner neuen CD gingen allein in der erste Verkaufswoche über den Ladentisch. Die Kabbalah Anhängerin Madonna lud ihn als Eröffnungs-Act für einige Konzerte ihrer Tour und zum diesjährigen Passha Fest ein. Letzteres hat Matisyahu dankend abgelehnt und lieber mit seiner Frau Tahli und seinem Baby Laivy bei einem Rabbi der Lubawitscher gefeiert.
Matisyahu beim Interview im Youth Action Movement Center
Jetzt sitzen wir also im Aufführungsraum des Jungendzentrums. Neben uns ein Fußballtisch und hinter uns ein Klavier. "Junge Leute mit Problemen kommen hier her, um in der Gemeinschaft darüber zu sprechen", erklärt Matisyahu. Mit Troubles kennt sich der 26-jährige aus. In Berkeley und White Plains aufgewachsen, begann der pubertierende Matthew Miller - wie Matisyahu mit bürgerlichem Namen heißt - zu rebellieren. "Ich stieg vorzeitig aus der Highschool aus und zog durchs Land. Ich war auf der Suche nach meinem eigenen Weg." Der sah vorerst ein drogeninduziertes Leben als Fan der Hippieband Phish vor. Anfang 20 in einem Sommerlager dann die Rückbesinnung auf die Religion. Damals hatte er schon seine ersten Auftritte als Rapper absolviert. "Diese Rückkehr zum Glauben entsprang demselben Impuls wie meine Auflehnung gegen die Welt der Erwachsenen. Die Autoritäten in Frage zu stellen, bedeutete für mich die Zeit in der wir leben in Frage zu stellen. Die Antworten fand ich dann in den Schriften meiner Religion."
Matisyahu singt metaphernschwanger über die Liebe zu Gott, aber auch seiner Frau. Stücke wie 'Late Night in Zion', 'King without a Crown' oder 'Jerusalem' sind religiöse Songs ohne missionarischen Charakter - auf der Bühne entfesselt vorgetragen im schwarzen Mantel der Chassidim; Yalmuke-Käppi auf dem Kopf, Rauschebart und im Rhythmus wackelnden Seitenlocken. Interkonfessionell wolle er Orientierung anbieten, damit "alle ihren eigenen Weg" finden mögen, erklärt Matisyahu. Der für die chassidische Lehre typische Mystizsmus dient ihm dabei als Mittler zwischen der inneren Welt, Gott und der Realität "in der wir alle leben und glücklich sein sollen". Nicht nur musikalisch erinnert das bisweilen an Bob Marley - auch wenn es bei Matisyahu um einen anderen "Boss" geht. Trotz gleichem Glaubensstamm, mit dem "King of Kings" der Rastafari, Haile Selassie I, kann er naturgemäß doch eher wenig anfangen.
Matisyahu bei den Plug-Awards 06 in der Webster Hall/NY.
Musikalisch ist die Welt Matisyahu's schnell erschlossen. Bob Marley als Vorbild, Jam-Rock als Einfluss aus der Jugend, ein bisschen Freistil-Beatboxing, ein wenig Ragga Stakkato. Ein etwas dünnes Stimmchen, aber superbes Toasting. Das neue Album 'Youth' hat der Weltmusik-Experte Bill Laswell produziert, der auch schon für David Byrne, Yoko Ono und Peter Gabriel an den Studioknöpfen gedreht hat. Das bedeutet mehr Roots-Reggae im Stile der 70er Jahre als Dub und Electronica aus dem Pro-Tools Kasten. 'Youth' ist ein gelungenes Album, wenn auch die Songs einzeln oft besser dastehen als in der Reihenfolge der CD. So strange dieses Pop-Dasein von Matisyahu erscheinen mag - es wird wahrscheinlich auch noch über das aktuelle Album hinaus Bestand haben - mit oder ohne göttlichen Segen.