'Return To Cookie Mountain'. Mit dem Narrenschiff zum Berg der Erkenntnis.
I was a lover
Vielleicht muss man die Sache isoliert betrachten. Ob TV On The Radio die zur Zeit "beste Band" des Planeten sind, diese im Superlativ-Wonderland Pop durchaus legitime Inthronisierung für den Augenblick, scheint im Zusammenhang mit dieser Ausnahmeformation aus Brooklyn nur von Dödel/Blödel Interesse. Das funktioniert nicht, weil - wie die New Yorker Village Voice schreibt - diese Band keine Band im herkömmlichen Sinn ist. Sie ist auch kein amorphes Kollektiv mit wechselnden Mitgliedern wie etwa die Broken Social Scene. Vergleichbares in Sachen Sound, Zusammensetzung oder Ausrichtung der Musik sucht man vergebens. Wie könnte man also "der Beste" sein, wenn es keine weiteren Kandidaten für den Pokal gibt? Genau deshalb ist es wohl sinnvoller, TV On The Radio als die außergewöhnlichste Band des Planeten zu bezeichnen. Billig ist, als Beispiel dafür das Line Up anzuführen, bestehend aus vier Afroamerikanern (Tunde Adebimpe, Kyp Melone, Jaleel Bunton, Gerard Smith) und einem Weißbrot (David Andrew Sitek). Rechtens ist es allemal. Und Zufall ist es auch keiner. Das behaupte ich jetzt einfach.
'Return To Cookie Mountain', der Nachfolger des ersten Albums Desperate Youth, Blood Thirsty Babes ist auf alle Fälle eine tolle Sache. Alle paar Seltenheiten bekommen wir Menschleins von anderen Menschleins ein Geschenk, das uns sagt was wir denken, uns erklärt, was wir fühlen und uns zeigt, was wir sehen und uns dann genau wieder darüber nachdenken lässt. Das funktioniert auch ohne Bevormundung. Ein Schlüssel zur Öffnung anderer Gefühls- und Sinneshaushalte reicht da vollkommen.
before this war
Müsste ich ein Tondokument aussuchen, das folgenden Generationen von der Verfasstheit der Erde und ihrer Bewohner anno 2006 erzählt, dann wäre dies "Return To Cookie Mountain". Wo dieser süße Berg liegt und wie man dort hinkommt, darüber darf spekuliert werden. Ob wir es gar mit einer Parabel auf ein fehlgesteuertes Narrenschiff mit Post 9/11 Kurs zu tun haben, das uns doch endlich wieder "zurück ins Paradies" bringen soll, darauf könnt ihr wetten oder auf einen 8000er steigen.
Noch so eine Behauptung ohne Genierer: TV On The Radio sind wahrscheinlich die wahrhaftigste Band des Planeten. Sänger/Songwriter Tunde Adebimpe singt in 'I Was a Lover' "I was a lover before this war". Diese simple Zeile benennt nicht nur eine drastische Konsequenz des Krieges, sie begnügt sich darüber hinaus (und entgegen der vordergründigen Aussage) nicht nur mit dem abstrakten, heuchlerischen Leiden eines Künstlers, der fern vom Kriegsgeschehen im Irak lebt. Diese simple Songzeile ist von universeller Aussage für alle Betroffenen aller Kriege, keine Pose. TV On The Radio's Stadtkollegen von Radio 4 bringen das auf drei Alben des oberlehrerhaften und selbstgefälligen Wetterns gegen Krieg und Präsident Bush nicht zustande. TV On The Radio wirken in all ihren großen Gesten nie altklug oder peinlich.
Wenn sie auf gleich drei Stücken die durch Hurricane Katrina sichtbar ins Trudeln geratenen Verhältnisse der US-Gesellschaft benennen, dann erfolgt das in einer selten geglückten Synthese aus Wort und Ton - leidend: ja, darin schwelgend: nein, anmaßend: never. Clever: ever.
TV On The Radio live @ Prospect Park in Brooklyn 30.06.06. Pics by Gregor Hofbauer.
title: Prime Cuts TV On The Radio length: 1:09 MP3 (1.105MB) | WMA
Love
Und auch musikalisch ist die Reise eine mutige. Die beiden Sänger Tunde und Kyp Melone führen ihre Stimmen weit hinaus auf die Klippen, dorthin wo die Felsen hoch und schroff sind. Das gleicht dann immer so einem Balance-Akt über dem Abgrund. David Sitek's Soundlabor des Wahnsinns trägt dieses Hinaustasten ins Dunkle ebenso wie ein unsichtbarer, oft disharmonischer Chor. Als da wären Katrina Ford von Celebration, Kazu Makino von Blonde Redhead und ein gewisser David Bowie, der auf dem Song 'Province' den sich freundlicherweise im Hintergrund aufhaltenden Schutzengel gibt.
Solcherart wird hier konsequent an der Weiterentwicklung einer eigenen Ästhetik gearbeitet. 'Return To Cookie Mountain' ist eine sonischen Fahrt ins Ungewisse. Fast jeder Song transportiert eine Multitude an Stimm(ungs)lagen, fast so, als ob das Quintett davon überzeugt wäre, dass es nie diesen einen Zustand der Trauer, Wut, Freude, Liebe, des Hasses usw. geben kann. Dass das Isolieren einzelner Elemente die Sicht aufs Ganze verunmöglicht. Deshalb wirkt diese Musik trotz Ausreizung aller Möglichkeiten nie prätentiös oder kitischig. Sie lässt einen auch nicht einfach schwelgen oder zergehen - einfach Soul können viele. Über das Soundsprektrum, das hier ausgebreitet wird, ist ohnehin schon genug geschrieben worden. Zu dieser Mischung von Rock, Soul, Gospel, Doo-Wop, Electronica, Hip Hop fällt mir noch die Soundästethik von Drum & Bass ca. 2000 ein (Dom & Roland, Total Science).
is a province of the brave
'Return To Cookie Mountain' wurde in Sitek's neuem Studio in Williamsburg eingespielt. Der Erfolg des Debutalbums ermöglichte die Einrichtung eines eigenen Soundlabors. Dazwischen wurde viel getourt, David's Wohnung ist abgebrannt, sämtliche Habseligkeiten gingen im Feuer auf, die Freunde von den Yeah Yeah Yeahs vermittelten TV On The Radio zu einem Major Label. Dort zierte man sich so lange mit dem US-Release des Albums, bis es auch die letzten Netzjünger von irgendeiner Börse runtergezogen hatten. Bleibt nur zu hoffen, dass TV On The Radio nach dem Major Debut deshalb nicht wieder 'Back To Cookie Mountain' marschieren müssen, wenn der Recorddealer auf seinen Platten sitzen bleibt; ein Publikum der Radiohead Dimension hätten sich die hornbebrillten Brooklynites auf alle Fälle verdient.
Es würde mich aber auch nicht wundern, wenn dieses Leck im Narrenschiff namens Recording Industry Teil des TV On The Radio Master-Plans wäre.
TV On The Radio gastiern am 29.August gemeinsam mit den Yeah Yeah Yeahs u.a. in der Wiener Arena.