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New York | 2.3.2007 | 19:41 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Notes On A Day
  Die neue Spex, im Grünen Salon mit der Digital Boheme, mit Eastwood bei Japanern und ein typisch unseriöses Angebot.
 
 
 
Das Angebot
  Der gestrige Tag begann mit einem unseriösen Angebot. Da dachte ich mir, weil ich doch schon in Berlin bin, und weil ich da für ein Radio arbeite, und weil da in dem Berlin demnächst Musikpreise vergeben werden, na also dachte ich: Schau dir das mal vor Ort an und berichte darüber. Also ich per Mail um eine Akkreditierung angesucht und dann von der zuständigen Agentur ("sehr geehrte Frau Lehner";-) eine Antwort mit dem Hinweis erhalten, dass meine Akkreditierung davon abhänge, ob ich die Veranstaltung im Vorfeld auch ausführlich ankündigen würde. Obendrein sei es Pflicht für die berichtenden Journalisten, den Namen des übertragenden Medienpartners in den Reviews zu nennen. Und selbst wenn ich all diese Auflagen erfüllen würde, sei noch lange nicht garantiert, dass ich dann auch tatsächlich ein Presseticket ausgestellt bekommen würde. Ich war schon versucht, unschuldig rückzufragen, ob ich denn auch etwas kritisch sein dürfte, nur so ein bisschen, habe es dann aber doch einfach bei einer Nichtantwort belassen. Dabei ist mir schon klar, dass diese dreisten Forderungen mittlerweile als Selbstverständlichkeit des Medienbetriebs gelten. Ich bin dann aber doch etwas altmodisch und schreibe meine Geschichten lieber selbst und werde mich wohl am Tag der Gala tattrig vor die Glotze setzen und die Quote des übertragenden Medienpartners erhöhen... So viel zum Proseminarsdauerbrenner "Journalismus & PR".

 Journalismus & PR
 
 
Die neue Spex
  Sie hat es nicht leicht, die neue Spex. Das wussten alle: die alte, geschasste Redaktion in Köln, die neue in Berlin, die LeserInnen und sämtliche Meinungsträger des Feuilletons. Für die ist Pop schon lange nicht mehr das, was er einmal war. Kein Selbstverständnis mehr von Dissidenz, entwertete Zeichen der Rebellion, eine Ware, Revolution gescheitert, Betrug. So schreiben sie also, mitten im prallen Leben, den gut abgesicherten Jobs, längst in der bürgerlichen Normalität angekommen, vom Verlust einer Dringlichkeit und Relevanz, die angeblich bei Dylan anfängt und bei (der Vereinnahmung von) Punk aufhört. Ich bin mir ja nicht so sicher, ob Pop tatsächlich so schwächelt, oder ob das Problem vielleicht doch eher in den definitionsmächtigen, deutschsprachigen Schreibstuben, Kuratoren- und Popakademiker-Kaschemmen der Generation "plus/minus 5 auf 40" zu suchen ist, dort wo die eigentlichen Gewinner der anhaltenden Nostalgiewellen (denn da kennt man sich ja aus, da kann einem das junge Gemüse ja nix vormachen) zu finden sind und in denen das Schattenboxen gegen die Vorgängergeneration der 68er und das Dauerverweisen auf die Lahmarschigkeit des aktuellen Pop zu den Lieblingssportarten zählt.

Dieser Ermächtigungskrampf, was Pop alles nicht kann und warum die neue Spex zwanghaft zum Scheitern verurteilt wäre, begleitete den Umzug des Magazins von Köln nach Berlin und begleitet es anscheinend noch immer. Denn der Start in etwas Neues hat sich zumindest (und leider) im Editorial zu einer Abrechnung mit dem Alten verheddert. Da wird das Scheitern der Altspexler, also der kulturlinken Schule unter Diederichsen und Co. nachgezeichnet, obwohl man im Vorfeld zur Neuauflage der Spex immer wieder darauf hingewiesen hat, dass man eben diese Diskurshoheit von damals wieder zurückerobern will.

 
 
  Der Abnabelungsdrang vom übermächtigen Spex-Erbe der Alten ist ja aus den oben genannten Gründen auch nachvollziehbar, würde sich der Autor/die Autorin nicht der gleichen akademischen Diktion bedienen wie die Kritisierten, anstatt eine eigene Sprache zu suchen und wäre da am Ende nicht das große weiße Nichts. "Die Redaktion", die im Text verwirrenderweise als "ich" auftritt, endet im Editorial mit der Feststellung, dass der alte Popdiskurs an der "Nostalgie der Echtheit, die eine problemlose Unterscheidung zwischen 'uns' und 'ihnen', zwischen einem an Gruppenzugehörigkeiten festgemachten 'gut' und 'böse' suggeriert", gescheitert sei. "Gut, wenn das heute nicht mehr so ist", heißt es abschließend.

Gut, dass wir jetzt wissen, was die neue Spex nicht mehr will. Was aber will sie nun? Das erfahren wir nicht. Kein Hinweis ist im Editorial zu finden. Das zu formulieren, wäre aber doch eine spannende Herausforderung gewesen. Und so was kann, ja muss man von einem Blatt, das sich wieder zum Opinion Leader in Sachen Popdiskurs aufschwingen will, in der Startnummer auch verlangen. Schade.
 
 
 
  Inhaltlich hingegen kann das neue Heft zumindest mit einigen lesenswerten Leckerbissen über den Hip Hop Underground in Berlin, einem Interview mit Martin Kippenberger (von Spex Veteranin Jutta Koether, allerdings aus 91, der Interviewpartner ist ja schon etwas länger tot), einer kurzen, aber sehr erhellenden Interviewstory über den Reißbrettansatz der Klaxons, die den britischen Popboulevard schwindelig raven wollen, und vor allem den Reportageartigen Portraits der Städte Houston und Tiflis punkten. Das ist kein schlechter Anfang, obwohl mit den Titelhelden Maximo Park auf Nummer Sicher gesetzt wurde und ich über Musik nachdenkende Ansätze in den Portraits und Stories bisher eher vergeblich suche. Die neue Spex bietet also vorerst Pop, der über sich selbst hinausschaut, sich auch wieder mehr als zwei Seiten pro Story gönnt, aber dabei die Musik als Gegenstand der Reflexion etwas zu kurz kommen lässt.
 
 
 
Japaner sind auch nur Amerikaner
  'Letters From Iwo Jima' ist ein richtiger Film, er ist aber auch gleichzeitig ein falscher. Es ist ein so genannter Anti-Kriegsfilm, dessen "Anti" sich mir, wie bei den restlichen Anti-Kriegsfilmen auch, einfach nicht und nicht erschließen will (mit Ausnahme des unerreichten Kubrick Wahnsinns namens 'Paths Of Glory'). Eigentlich habe ich das Weltkriegsdrama nur zur Abgleichung einer Aversion gegen Clint Eastwood, den Regisseur, angeschaut und wurde vom alten grimmigen Mann auch prompt darin bestätigt. Eastwood leidet nämlich an einer Krankheit namens "pathetische Multi-Heldomanie im Gewand der Gesellschaftskritik und Versöhnung". In seinen Filmen begegnen wir stets strauchelnden und mit sich selbst und den (US-)Verhältnissen ringenden Außenseitern, erfahren im Fortlauf der Geschichte aber, dass sie gerade dadurch die besseren Amerikaner, ja geradezu die Verkörperung der Werte der USA als Idee sind. Ohne den Helden, der im US-Kino so etwas wie einen verfassungpatriotischen Rang einnimmt und dessen Moral ständig verhandelt werden muss, geht es auch bei Eastwood nicht.

 
 
  Er bettet seine Außenseiter, wie etwa den vergewaltigten Falschverdächtigten oder die krankengebettete Boxerin, in ein Setting heroischer Gesten und menschlicher Größe, bevor sich deren Leben in einem Tränenbad des Schicksals zu Ende neigt. Es ist dann auch diese Gartenpflege des "kleine Heldentums", das sich im Gegensatz zum patriotischen Staatsgedöns des offiziellen Amerikas zu wissen meint, das Eastwood so viele Freunde namens Oscar beschert. Nicht anders bei 'Letters From...' Über blutige zweieinhalb Stunden erfährt der Zuseher, was er doch schon vorher wissen musste: japanische Soldaten sind auch nur Menschen. Sie streiten miteinander, sind traurig, stellen Autoritäten in Frage, können auch feig sein, zeigen Gefühl (sie haben sogar Familien, die sie vermissen!) und sind deshalb natürlich allesamt menschlich menschelnde Helden. Clint Eastwood zeigt also sich und der Welt, was wir immer schon ahnten: Japaner sind auch nur Amerikaner.
 
 
 
Zu Besuch bei der Digital Boheme
  Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, der Grüne Salon. Eigentlich bin ich gekommen, um der Podiumsdiskussion 'Kein Geld, aber tausend Ideen: Urbane Penner' zu lauschen. Dabei sollte es um die Frage gehen, ob und wie die Stadtpolitik den kreativen Unternehmergeist junger, selbstständiger "Kulturarbeiter", die ja von Bürgermeister Wowereit nach außen hin prahlerisch immer als Imageträger aufgestellt werden, fördern soll. Im Auditorium saßen dann auch jene, die Sascha Lobo und Holm Friebe von der Zentralen Intelligenz Agentur in ihrem Bestseller 'Wir nennen es Arbeit' als "Digital Boheme" bezeichnet haben. Im Grünen Salon tummelten sich also jede Menge prekär arbeitender Jungis (und auch ein paar Altis), von denen allerdings niemand den Eindruck eines Penners machte. Holm Friebe war als Mitdiskutant eingeladen, neben der Grand Dame der Berliner Indie-Boheme, Christine Rösinger (Ex-Lessie Singers, Britta), Ingrid Walther (Senatsverwaltung Wirtschaft, Arbeit und Frauen) & Dr. Volker Hassemer (Senator a.D.).

Viel mehr kann ich Euch darüber leider nicht berichten, denn die Diskussion wurde vom Moderator in eine sinnlose Generationendebatte um Grundsicherung und "Künstler waren schon immer arm" Richtung gelenkt, deren "Höhepunkt" die öffentliche Fortführung einer anscheinend über die Jahrzehnte gepflegten Feindschaft zwischen einem verbitterten Mann im Publikum und dem abartig weltfremden Senator a.D. darstellte. Lange Gesichter und rote Ohren im Grünen Salon also. Vielleicht erfahre ich ja heute Freitag in der Volksbühne mehr über urbane Penner beim Konzert von Die Sterne, denn die haben laut taz mit ihrem letzten Album 'Räuber & Gedärm' das "Bild einer gestrandeten Boheme" gezeichnet: "Ich bin billig, ich bin billig, ich bin billig, nimm mich mit"!

 
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