Am Donnerstag startet in Timelkam/OÖ die dritte Auflage des Benefizfestivals zu Gunsten des Flüchtlingsprojekts von Ute Bock - u.A. mit Gustav, Killed By 9 Volt Batteries und Binder & Kriegelstein.
Lauter Suam!
Wenn man auf die Großkopfatn der Bezirkshauptstadt schimpfen will, kramt man im Umland von Vöcklabruck folgenden Spruch aus der Gedächtniskiste: Vorn a Turm und hint a Turm, in da Mitt'n lauter Suam.
Wie weit dieses Gedichtlein für AußeroberösterreicherInnen verständlich ist, kann ich als herkünftiger Inneroberösterreicher nicht beurteilen. Doch selbst die nasalenden SchönbrunnsprecherInnen im fernen Osten und die Felsen sprengenden Kauderwelschen im Westen werden erkennen, dass der Urheber des Sprüchleins keine hohe Meinung von den Bewohnern dieser Stadt im Salzkammergut hatte.
Die spöttischen Zeilen stammen vom oberösterreichischen Heimatdichter Franz Stelzhamer (1802 - 1874), aus dessen Feder auch der Text der Landeshymne floss, den in der FM4-Redaktion - trotz hohem OÖerInnenanteil - nur Hans Wu problemfrei rezitieren konnte. Und "Mr. Lexikon" hat niemals in Oberösterreich gelebt! Hui Deifi!
Franz Stelzhamer: Vorn a Turm...
Das sind nicht einmal ansatzweise alle freiwilligen Mitarbeiter des Bock Ma's Festivals und dennoch passen sie nicht in den Bilderrahmen dieser Seite. Hier also Teil I.
Vöcklabruck: Kultur & Landflucht
Stelzhamer war in jungen Jahren ein Wandervogel mit Hang zum Glücksspiel und einem stets leeren Geldbeutel. Einmal trug es sich zu, dass er unsanft vor die Tore der Stadt gesetzt wurde. Warum die VöcklabruckerInnen den dichtenden Landbohemien ausgejagt haben, weiß ich nicht mehr (schon damals kulturfeindliches Klima? Spielschulden? Gehörnte Ehemänner? Any help?). Aber der Sager mit den zwei Stadttürmen und den vermeintlichen Deppen dazwischen funktioniert noch heute als Sinnspruch für alle Landflüchtlinge und Provinzfrustierten aus der Umgebung.
Dass die wohlhabende Bezirkshauptstadt ein traditionell gestörtes Verhältnis zur Jugendkultur geradezu kultiviert, habe ich in diversen Geschichten mit Bezug zu meinem Geburtsort immer wieder angedeutet. Skater, progressive Kulturvereine oder Musikprojekte sind seit jeher systematisch aus der Stadt geekelt oder in ihrer Entfaltung gehemmt worden. Kein Wunder, dass Vöcklabruck immer ein Hort der etwas forscheren Jugend-Tribes war und noch heute eine äußerst aktive Psychobilly-Szene als Pustel am Arsch der harmoniesüchtigen Repräsentationskultur sitzen hat.
Bock Ma´s 2007 Line-Up!
Man muss schon vor die Tore der Stadt, in diesem Fall in die Nachbargemeinde Timelkam, ziehen oder privaten Initativen vertrauen, um in den Genuss von Kultur jenseits von Musical-Schmonk und Kunstofffolklore zu kommen.
Eine dieser Initiativen lädt ab Donnerstag nun schon zum dritten Mal in die Altwartenburg, dem ehemaligen Sitz der Stadtherren von Vöcklabruck. Das Bock Ma's Benefiz- und Integrationsfestival trägt nicht nur den lokalen Bezug im Namen, es legt auch Wert auf Einbindung der Festivalbesucher und macht deshalb alles doppelt und dreifach richtig.
Mehr oder weniger bekannte Acts aus ganz Österreich erhalten eine gemeinsame Plattform - nicht weil man auf einen nationalen Duktus setzt, sondern weil diese Musiker einfacher für die Sache zu gewinnen sind als zum Beispiel die Band Rumpsteak aus South Dakota.
Bock Ma´s 2006
Bock auf Benefiz
Und die Sache ist eine gute und speziell in dieser Gegend, eine wichtige. Der Gewinn fließt dem Flüchtlings- und Integrationsprojekt von Ute Bock zu, die Bands spielen gratis und die Organisation und Infrastruktur wird von Freiwilligen aufgebaut. Als Trägerverein tritt das Sozialforum Freiwerk auf. Rund 150 Menschen treffen die Vorbereitungen und sorgen für eine reibungslosen Ablauf des gemeinnützigen Festivals.
So konnten im letzten Jahr satte 15.000 Euro aus Eintrittsgeldern an Ute Bock überreicht werden. Das waren knapp 10.000 mehr als im Jahr davor.
Das Festvial kommt also an und ist darüber hinaus ein Beleg für die soziale Kompetenz der in dieser Gegend viel geschmähten "alternativen" Jugend. Denn diese beteiligt sich mit eigenen Projekten, mit Ideen und freiwilliger Mitarbeit am Bock Ma's, belässt es also nicht bei der gönnerhaften Spenden-Mentalität der "von und zu" - Seitenblickegesellschaft der Altvorderen.
Das Bock Ma's bezieht seinen Charme aber nicht nur aus all den genannten Faktoren und der heimeligen aber auch etwas gespenstischen Burgruine. Es ist der selbstverständliche Einbezug der lokalen Wurzeln, der sich vor allem in der Aufbereitung des Festivals und der Ansprache der Veranstalter zeigt.
Hier wird weder die Herkunft verleugnet, noch wird sie ins Folkloristische überdreht. Schließlich geht es um Integration und nicht um Distanzierung. So konterkarieren die Veranstalter auf smarte Art und Weise den Dauerbrenner ländlicher Resigantion ("do is jo nie wos los"), weil sie selbst etwas auf die Beine stellen und zwar jenseits der üblichen Subventionstöpfe. Das sie dabei gar nicht erst versuchen, die Coolness der großstädtischen Kultur zu simulieren, macht dieses Projekt umso sympathischer.
Teil II der Bock Ma´s Crew.
Bock Ma's (auch) 2007
Das Bock Ma's dauert von Donnerstag, 23.8. bis Samstag 25.8. und mit 33 Euro (Abendkassa 39 Euro) für den Festivalpass zupft man vergleichsweise sanft am sauer verdienten Salär, das der Ferienjob abgeworfen hat. Die Tagestickets kosten 18 Euro, am Gelände befindet sich ein Campingplatz.
Übrigens: Franz Stelzhamer wurde noch zu Lebzeiten von der Stadt Vöcklabruck geehrt und mit einer satten Pension ausgestattet. Da war er schon wer, da hatte er schon was. Sein Spruch lebt bis heute - zuletzt habe ich ihn in einem Falter-Artikel gelesen. Da ging es um eine bsoffene Gschicht im Zusammenhang mit einem Haifisch im namensgebenden Fluss, der Vöckla. Der Autor wusste nur allzu gut, warum er der Geschichte das Stelzhamer Zitat vorangestellt hat.