fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
New York | 28.9.2007 | 12:46 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Bye Bye Coney Island Baby?
  Der ehemalige oberbayrische Juniorenmeister im Gewichtheben und sträflich vergessene Liedermacher Fredl Fesl erteilte einem zögerlichen Freund einmal folgenden Ratschlag: "Wenn du's nicht übers Herz bringst, dann schieb's halt unten durch".

Jetzt sehe ich mich selbst gezwungen, von dieser Anweisung zur Krisenbewältiung Gebrauch zu machen. Also kurz, schmerzlos und unten durch: New York City wird möglicherweise schon bald wieder um ein kulturelles Wahrzeichen ärmer sein.

Astorland, der letzte verbliebene Rummelplatz auf Coney Island, soll einem neuen Hi-Tech-Themenpark weichen.
 
 
Der Astorpark vom Strand aus gesehen. Im Hintergrund das Wonderwheel.
 
 
  Ich will gar nicht erst leugnen, dass ich beim Gedanken daran sentimental werde, nicht nur weil mein Alltime Favourite Song mit diesem Park zu tun hat, einer meiner Lieblingsfilme dort spielt ('The Warriors'), Coney Island meine Kirche ist und ich noch eine Herzensangelegenheit im Astorland zu erledigen habe, die sich nicht einfach unten durchschieben lässt, sondern, weil mir nicht recht einleuchten will, warum sich New York immer noch anschickt, nach und nach jene Orte aus dem Stadtbild zu tilgen, deretwegen viele Menschen überhaupt erst in diese Stadt kommen.

Da tröstet auch der Verweis auf den veränderungswütigen Charakterzug der Weltstadt wenig, die ist, wie sie ist, weil sie in einem Fort ihre Horte des schnellen, schrillen und lauten Verkehrs von Menschen, Gütern, Ideen und Vergnügen durch noch schnellere, lautere und schrillere ersetzt. Schöpfung und Zerstörung als dynamisches Gegensatzpaar der Metropole, schon klar.

Absurd ist es aber insofern, als New York (wie auch London) seit einigen Jahren offensiv mit dem Standortfaktor Pop um Touristen und Unternehmen wirbt, die diesbezüglichen Traditionen in Form historischer Einrichtungen und Institutionen jedoch immer häufiger mit der Abrissbirne pflegt.
 
 
 
Im Süden wird das Astroland von der Strandpromenade und ihren Imbissbuden begrenzt. Im Hintergrund der knapp 70 Jahre alte Parachute Jump.
 
 
  Es wird mir zum Beispiel auf ewig ein Rätsel bleiben, warum sich weder die Stadt New York, noch irgend ein Rock & Roll Millionär um den vor einem Jahr geschlossenen Punkclubs CBGB angenommen und eine Stiftung draus gemacht hat, die den Betrieb zu alten Konditionen weiterführt, mit Einnahmen aus dem Merchandise querfinanziert und um ein Zentrum für junge Bands erweitert, die hier gratis Proberäume nutzen und in Genuss anderer Serviceleistungen wie Beratung in Sachen Verträge und Labels kommen können.

Gar nicht zu sprechen von den tausenden Touristen, die auch wegen dieser alten Punkhütte in den Big Apple gepilgert sind. Einige Dollar fielen dabei natürlich auch immer für die Stadt New York ab. Mitgenommen wurde zumindest das T-Shirt mit dem berühmten Schriftzug und die Gewissheit, dass diese Metropole in ihrem dunklen Herzen doch auch etwas Liebe für ihre Nonkonformisten birgt. Hilly Kristal jedenfalls hat das unnötige Aus seines weltberühmten Clubs nicht sehr lange überlebt.

Die Lower East Side ist jetzt eine andere. Zynismus der Stadt: an jeder Ecke in Downtown schießen neue Bars und Clubs aus dem Boden, die mit krummen Lizenzen und finanzkräftigen Entertainment-Konglomeraten im Rücken vom Erbe des CBs leben und die Trustfund Kids der NYU mit Trinkstoff versorgen.
 
 
 
Die Warriors im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1979 kurz vor dem Showdown mit der verfeindeten Gang. Im Hintergrund einer der ältesten aktiven Rollercoaster der Welt, der Cyclone.
 
 
  Auch ich stelle mir im Zusammenhang mit dem Jammern über den Verlust popkultureller Wiegen immer wieder ähnliche (Sinn)fragen wie Kollege Rotifer: sind wir nun alle in einem Goldhauben-Traditionsverein für verlebte Popgeschichte gelandet? Aber lohnt es sich wirklich nicht, an diese Ideen zu erinnern, auch wenn sie auf das Hier und Jetzt hingespielt wurden? Um beim Beispiel CBGB zu bleiben: eben weil Punk tatsächlich tot, also mittlerweile historisch ist? Die Mythen sind ohnehin nicht mehr rückgängig zu machen. Und ergeben muss man sich ihnen deswegen noch lange nicht. Es ginge ja auch ohne Museum ...
 
 
 
Architektur des Fantastischen: das historische Coney Island.
 
 
  Aber zurück nach Coney Island und dem Astroland. Noch sind die Umbaupläne nicht bewilligt. Doch der Immobilienspekulant Joe Sitt hat Großes mit dem heruntergekommenen Amüsierpark am Atlantikufer vor. Das Gelände hat er für gut 30 Millionen Dollar übernommen. Seine Firma hört auf den ungemütlichen Namen 'Thor Equities'. Geplant ist ein gigantischer Indoor-Wasserpark samt Hotelkomplex auf dem Gelände des heutigen Astorland.

Obwohl noch immer 15 Millionen Besucher pro Jahr zum ehemaligen Nickel-Empire in den äußersten Süden New Yorks pilgern, will der traditionsreiche Vergnügungspark nicht und nicht mehr auf die Beine kommen. Gerade das aber macht seinen Charme aus. Hier kann man noch auf das alte New York der billigen und anrüchigen Vergnügen stoßen, das in Manhattan nicht mehr anzutreffen ist. Freilich: überleben können die Schausteller und Budenbetreiber von Astorland eher schlecht als recht. Und an manchen Ecken scheint die Amüsierzone auch schon ohne Enden.
 
 
 
Astorland 2004: Zeichen des Verfalls.
 
 
Dreamland
  Hier am südlichen Zipfel von Brooklyn befanden sich einst die größten Vergnügungsparks der Welt. Hier wurde bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Technologie des Fantastischen entwickelt, wie es der Architekturkritiker Rem Koolhaas in einem meiner Lieblingsbücher über den Big Apple ('Delirious New York') bezeichnete. Hier wird die Fantasie der Besucher zum Großteil noch immer analog angeregt. Hier wurde angeblich das Hot Dog erfunden ('Nathan's'). Hier kann man sogar noch eine echte Sideshow bewundern, wie wir sie aus dem Wanderzirkus alter Filme kennen. Hier wurden viele Filme wie 'Requiem For A Dream' oder 'The Warriors' gedreht, Dutzende Popsongs angesiedelt, Existenzen zerstört, Träume geboren; Coney Island war der erste Spot der neuen Welt, den viele Immigranten zu Gesicht bekamen, wenn sie über den Atlantik setzten und ihr Schiff in den Hafen von New York einlief.
 

 
audio
 
title: FM4-New York Noise Prt 14 Sideshow Announcer (automatic)
length: 1:00
MP3 (965KB) | WMA
   
 
 
Bye, Bye Coney Island Baby?
 
 
  Zumindest der Cyclone, die 80 Jahre alte Achterbahn, soll erhalten bleiben, ein Alibi-Koloss in Sachen Geschichtsbewusstsein. Die neuen Investoren haben den Abriss des Rollercoasters bedingt durch den Denkmalstatus wohl nicht übers Herz gebracht. Mal sehen, ob sie es unten durchschieben können.

Mit dem Abriss des alten Amüsierparks verliert die Strandzone im Süden Brooklyns ihre Seele. Was danach kommt, wird etwas ganz anderes sein. Anders: würde dem Gesicht von Lemmy Killmister nicht irgend etwas fehlen, wenn man die Warzen rausoperiert?

Bye, Bye Coney Island Baby
 
fm4 links
  Myspace.com/SaveConeyIsland
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick