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New York | 5.12.2007 | 20:58 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Zwei Gigtipps
  Caribou (Can) und Die Türen (D) live in Wien.
 
 
 
6. Dez: Caribou im B72
  Ich bin mir nicht sicher, wie das der Glaskobel, der das B72 am Wiener Gürtel nun mal ist, aushalten soll. Der Schalldruck, den Dan Snaith aka Caribou samt Band live aufbaut, kann locker mit jenem an der Start- und Landebahn des Flughafen Schwechat mithalten; vorausgesetzt das Whizzkid aus Kanada mit Wohnsitz in London bringt zwei Drumsets in Stellung - so wie im September in Berlin im Rahmen der Popkomm.

Zur Überprüfung vor Ort empfehle ich grobschlächtige Baustellenkopfhörer in Orange (modisch) und das Postieren der eigenen Physis direkt vor der Bühne.
 
 
 
Der Doktor und sein Labor: Dan Snaith live @ Popkomm 2007.
 
 
Meine Damen und Herren,
  Sie werden während dieses akustischen Experiments bunte Kräfteparallelogramme vor Ihrem geistigen Auge tanzen sehen, ohne auf ungesunde Substanzen aus dem Chemielabor zurückgreifen zu müssen.

Der Doktor der Mathematik namens Caribou verschneidet nämlich Stilmittel des 60ies Psychedelic mit Kompositionstechniken, wie sie für den Prototypen des nerdigen Bedroom Producers typisch sind, den Dan Snaith auf den ersten zwei Alben noch etwas formelhaft gegeben hat.

Auf seinem aktuellen Album Andorra fallen nun die mathematische Präzession der richtigen Taktung mit ausfransenden Fuzz-Gitarren, Drum-Orgien und dem Schönklang von Glockenspiel und Sitar zusammen. Dieses Klanggemisch setzt eine Reihe toller Songs mit einer Halbwertszeit von Uran frei, mindestens.
 
 
 
Caribou´s psychedlisches Beinkleid: grooovy!
 
 
  So ist 'Andorra' ein Ort zwischen Auge und Hirnrinde geworden: The Mamas And The Papas flirten mit DJ Shadow, surfen mit Brian Wilson an Pink Floyd's 'See Emily Play' vorbei und halten direkt auf die untergehende Sonne zu, wo jenseits des Horizonts auf einer The Zombies-Insel übermütige Hot Chips aus 4/4 Beats rosa Wattebauschen drehen.

Live muss man sich das in etwa so vorstellen: unten fährt der Schnellzug durch den Tunnel während oben liebliche Vögelchen zwitschern und entrückte Gesänge die Atmosphäre anreichern. Da rumpelt die Harmonie.

Den Pisa Test für das Fach neurochemische Akustiklehre hat der Herr Doktor aus Kanada jedenfalls locker bestanden.
 
 
 
Eine Zugmaschine des Caribou-Live Express: Brad Weber on drums.
 
 
9. Dezember: Die Türen in der Wiener Arena
  Von olympisch/psychedelischen Höhen auf den prekären Boden der Realität holen dann am Sonntag Die Türen aus Berlin. Passend dazu haben sie ihr neues Album - frei nach unser aller Stitzfleisch - Popo genannt. Dies löste unter den professionellen Beobachtern in der Bundesrepublik Merkel ein Spekulationsfieber aus, an dessen Ende mindestens eine dialektische Betrachtung a la "Pop ist im Arsch" (Pop-O?) zu stehen hatte.

Dabei wagen Die Türen weitaus mehr, nämlich die heute fast als obszön geltende Verbindung von Pop und Politik (Po-Po?). Auf 'Popo' geht es zu einem Gutteil um die Arbeit und ihren Bedeutungswandel zwischen Malochen und Vergnügen, 9to5 und Freizeit, McJob und Kultur und immer auch um das Missverhältnis von Leistung und Entlohnung und der zunehmenden Verteilungsungerechtigkeit, deren Entwicklung auch in Europa die Strahlkraft des Wortgebildes "Soziale Marktwirtschaft" nach und nach verblassen lässt.
 
 
 
Die Türen von und in Berlin
 
 
Es wäre keine Berlin-Platte,
  wenn sie nicht aus dem Blickwinkel multikreativer Allesmacher mit 0-Kohle erzählt werden würde. 'Popo' bindet die prekären Verhältnisse, die zwischen der künstlerischen (und in diesem Fall auch familären) Selbstverwirklichung und dem Nebenjob im Call-Center liegen, in Songform. Es sind Verhältnisse, die so gar nichts mit dem aktuell von Politik und Medien hinausposaunten Berlin- und Wirtschaftswunder-Hype gemein haben.

Bei den Türen macht sich der Originalärger darüber Luft in Songs wie 'Pause Machen Geht Nicht' (" ... sonst bist Du arbeitslos und pleite"), oder 'Everybody's Darlehen', 'Ehrliche Arbeit' (" ... allein von Arbeit kann man nicht leben") oder 'Der Blues Kommt Zurück In Die Stadt' (" ... man kann einem Nackten nicht in die Tasche greifen.").
 
 
 
Dass die ganze Schose
  nicht tranig, moralinsauer und hochnotpeinlich rüberkommt, hat viel mit dem vertonten Nachdenken über die eigenene Positionierung innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik zu tun (man kennt, worüber man singt), die aber frei von Selbstmitleid oder dem neidvollen Blick auf den vermeintlich erfolgreicheren Nachbarn ist und auch damit, dass Sänger Maurice Summen und seine prekären Mitstreiter auf einen alten Pop Trick zurückgreifen, nämlich schwere Inhalte in leichte Formen zu kleiden. Das Album verfügt nicht nur über Witz in Wort, sondern auch in Ton.

Nachdem auf den Vorgängeralben 'Das Herz War Nihilismus' (2003) und 'Unterwegs Mit Mother Earth' (2005) Schlager mit Electro und Punk kurzgeschlossen wurde, haben die Türen für ihr neues Album auf einen herrlich unmodernen Bigband-Sound der 70er zurückgegriffen, wie ihn die Orchester Öffentlich-Rechtlicher Fernsehstationen in den Samstagabendshows der Dekade nicht besser hingekriegt hätten (Rocko Schamoni bezeichnet ihn in einem Begleittext zum Album als puren Soul).
 
 
 
Die Türen auf dem Namen ihres neuen Albums sitzend ...
 
 
So wackelt 'Popo'
  souverän zwischen James Last, Palais Schaumburg, Ton Steine Scherben, Whirlpool Productions und den Lassie Singers. Wer sich live davon überzeugen will: am kommenden Sonntag heißt es für Die Türen "Hosen runter!" in der Wiener Arena.

Außerdem: wer sein Label ganz bescheiden Staatsakt tauft und darauf in Bälde die erste Soloplatte von Frank Spilker (Die Sterne) veröffentlichen wird, kann kein Schlechter sein. Vereinte Kreativprekariats-Verbündete - hört die Signale! Die Türen klopfen an.
 
 
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