Gute Besserung, Welt! Freundlichst: Ihr Musikus. Oder: Warum es keine Genies mehr braucht und trotzdem alle Musen mit einem Oberschwaben schmusen.
Pop-Trend-Vorsicht
Ich weiß, man sollte bei der Ortung von Pop-Trends etwas Vorsicht walten lassen, schließlich sitzt man ja nicht für den NME an der elektronischen Schreibmaschine. Und der erste bin ich mit Sicherheit auch nicht, dem das - nennen wir es Phänomen - aufgefallen ist.
Aber das Auftauchen von Acts wie Caribou oder Beirut lässt mich seit einiger Zeit über einen neuen Typus von PopmusikerIn nachdenken, der meiner Meinung nach - wie soll ich sagen - ein typisches Kind unserer Zeit ist.
Der Rahmen, innerhalb dessen sich dieser Typus entwickelt hat, ist uns allen mittlerweile schlafwandlerisch vertraut: Tonträger-Schwindsucht, schier unbeschränkter Zugriff auf die Archive, Genre-Hybris, prekäre Bedingungen für Nachwuchskünstler bei noch nie da gewesener Möglichkeit medialer Vernetzung und Präsentation.
Und im vorliegenden Fall eine sich auflösende Grenze zwischen E- und U-Musik - konkreter: Klassik und Pop - die im Nebel der Schaltkreise gar keine Chance mehr hat, sichtbar zu werden.
Gestatten: Gropper.
E & U = Musik
Konstantin Gropper aka Get Well Soon, 25-jähriger Oberschwabe mit Wahlheimat Berlin, eignet sich als Exempel für diesen neuen Typus deshalb so gut, weil er ihn verkörpert, wie momentan niemand sonst.
Konstantin ist klassisch versierter Musiker, sein Lieblingsinstrument ist das Cello. Konstantin hat darüber hinaus die Pop-Akademie (ja, so etwas gibt es) in Mannheim abgeschlossen, was ihm jetzt aber eher peinlich zu sein scheint, was ich nur allzugut nachvollziehen kann.
Konstantin hat im letzten Jahr für die Vertonung eines Gedichts den Erich-Fried-Kompositionspreis gewonnen.
Konstantin hat darüber hinaus und parallel dazu in mehreren juvenilen Krachkapellen gespielt - Nirvana mag man eben - aber auch in Chören gesungen und Orchestern konzertiert; der Vater ist Musiklehrer.
Konstantin schätzt seit Jugendtagen Aphex Twin und hat sich mittels Trial & Error-Prinzip die technischen Skills eines Bedroom Producers angeeignet.
Musikus und Hochgenuss
Konstantin spielte die meisten Instrumente auf seinem Debüt 'Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon' (City Slang / Universal) selbst ein.
Hie und da hat der Cousin mit der Trompete ausgeholfen oder die Schwester den stimmlichen Contra-Part gegeben. Live behilft sich Get Well Soon mit einer siebenköpfigen Band.
Irgendwann hat Konstantin seine Liebe zur Musik von Leonard Cohen und Tom Waits entdeckt. Konstantin findet aber auch trashige Horrorschocker aus den 60er und 70er Jahren toll, ihre Scores und die Musik von Ennio Morricone sowieso.
Das alles, dieses scheinbar beliebige Patchwork einer Sozialisation, zu der - laut Gropper - auch intensives FM4-Hören im Geradenoch-Empfangsgebiet Oberschwaben zählte, kann man auf dem Erstlingswerk von Get Well Soon hören.
Klingt verdammt nach postmoderner Referenzhölle. Ist es aber nicht.
Das Zitat als Beleg für nerdiges Auskennertum oder als Sound-Behübschung mittels fremder Federn ist so ganz und gar nicht mit dem künsterlischen Zugang des ernsthaften und höflichen jungen Mannes, der mir in Berlin zum Interview gegenübersitzt, in Einklang zu bringen. Eigentlich stehe er für einen konservativen Kunstbegriff, meint er, "da soll es schon gehaltvoll zugehen".
Das will man dem Spross einer Musikerfamilie gern glauben. Dass er sich für Pressefotos in eine Art Dandy-Kostüm des 19. Jahrhunderts stecken hat lassen, sodass er mal versonnen wie Lord Byron oder keck wie Oscar Wilde aus dem Frackteil blinzelt, mag diesen Eindruck angesichts des wunderbaren Einstandalbums nicht erschüttern.
title: 'Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon' artist: Get Well Soon length: 1:14 MP3 (1.188MB) | WMA
Von Nirvana bis Stockhausen
Was den vorhin erwähnten "neuen Typus" angeht, so zählt Konstantin zu jenen avancierten Popmusikern, die es sich im wahrsten Sinn des Wortes selbst besorgen.
Ob Get Well Soon, Caribou, Beirut, Patrick Wolf oder Lightspeed Champion (von dem im Bälde hier mehr zu lesen sein wird) und natürlich noch viele andere: die One-Man-Band als Arbeitsprinzip abseits der Bühne scheint sich nach und nach neben den klassischen Band-Besetzungen und Studioformationen zu etablieren.
Gemeint ist weniger der Bedroom-Producer aus den 90ern als Herr über den elektronisch generierten Soundpark im Wohnzimmer, sondern seine Gleichschaltung mit dem Bandprinzip samt Instrumenten-Fuhrpark.
Mit dem Spinner und Studio-Eigenbrötlertum im Geiste eines Hasil Adkins oder Ariel Pink hat dieser neue Typus von Musiker auch eher weniger am Hut, nomadisiert er doch durch die Welt, menschenfreundlich und offen für Erfahrungen und Sounds, anstatt sich zu Hause in einen Klangtresor einzusperren.
Geschuldet ist dieser ganzheitliche Musikus weniger einer Renaissance des Genie-Gedankens, sondern der technischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen, in der die Nischen-Musik von heute entsteht - behaupte ich jetzt mal.
Diese jungen Musiker agieren immer häufiger als Alleinverantwortliche ihrer Kunst - vom ersten Ton bis zum Design des oftmals selbst entworfenen (digitalen) Cover-Artworks.
Beim Interview in Berlin
Herr der Dinge
Wenn man so will, kann man sagen, dass der Indie-Gedanke, der sich bisher ideologisch und wirtschaftlich vor allem auf der Ebene des Vertriebes und der Labels manifestierte, nach und nach auf die einzelnen Musiker und Acts übergeht (dass das nicht nur Vorteile für die Künstler hat, sondern auch den finanziellen Druck auf den Einzelnen erhöht, ist die Kehrseite dieser Autonomie-Medaille)
So gibt Konstantin Gropper im Interview zu Protokoll, dass er ein Label hauptsächlich deshalb gesucht hat, weil er sich nicht auch noch um das Marketing und die PR kümmern kann/will. Er delegiert somit eine Funktion, die Beobachter der Musikszene den (bald ehemaligen) Plattenfirmen schon lange als einzige Option für die Zukunft voraussagen.
Hinzu kommt eine Produktionsautonomie, die sich möglicherweise daraus ergibt, dass Konstantin zu einer Generation zählt, die von Anfang an nicht nur am Spielen von Musik Interesse zeigte, sondern via Heimcomputer auch spielerisch an ihre Produktion herangeführt wurde.
Diese Entwicklung ist so wenig sensationell, wie sie per se nicht notwendigerweise Genies am Laufband generiert.
Arbeitsprinzip und Kompostion
Viel interessanter finde ich, wie sich dieses Arbeitsprinzip aufs Songwriting auswirkt. Speziell bei Caribou und Get Well Soon fließen Track und Song wie selbstverständlich ineinander, ohne dass das eine als Ornament für das andere herhalten muss. Was vielmehr entsteht, ist eine ganz eigene Textur, die den Autor, trotz Referenzfülle, immer ganz klar in den Vordergrund stellt.
Klänge und Instrumente unterliegen prinzipiell keiner Hierarchie, ihre Wertigkeit ergibt sich aus der Komposition.
Als Zuhörender, der noch aus einer Zeit kommt, in der das Spielen klassischer Instrumente im coolen Pop grundsätzlich verpönt war und man nichts lieber tat, als sich von seiner diesbezüglichen Ausbildung so weit wie möglich zu entfernen, ist es befreiend, wenn hier Symphonisches neben einem abgeschabten Low Fi Zirpen eines Beck Hansen steht und zwar sehr wohl als musikalischer Kontrast, nicht aber als Symbol der künstlerischen Distanzierung.
Dasselbe gilt für den Umgang mit exotischen Klängen.
So wie bei Beirut ist auch bei Get Well Soon die Ukulele nicht Träger eines geborgten und klischeehaften Lebensgefühls aus dem Osten, sondern einer grundsätzlichen Emotion, die keinen Wodka- und Wilde-Horden-Subtext benötigt, um als Mittler der Gefühle zu funktionieren.
Hallo hier Gropper, wünsche gute Besserung!
No Band No More
Apropos Horde, die Band als Gang oder soziale Entität hat bei unserem automerkantilen Musikus ausgedient. Es sind Verwandte und Freunde, die Konstanin live zur Seite stehen, im Studio schwingt er allein den Taktstock.
Kein Wunder also, dass Gropper von Get Well Soon immer in der dritten Person spricht. Es ist eines unter vielen Projekten, "das immer den Letztstand meiner musikalischen Entwicklung und aller Einflüsse wiederspiegelt", wie Gropper im Interview meint.
Sieger ist hier zweifelsohne die Musik.
So mag beim ersten Hördurchgang von 'Rest Now, Weary Head! You Will Get Soon' zwar die Referenzdichte verschrecken, die einem da entgegentönt. Uns widerfahren die Leibhaftigen: Nick Cave, Leonard Cohen, Calexico, Tom Waits, Beirut, Sigur Ros, Ennio Morricone und (eine dezidierte Lieblingsband Groppers) Naked Lunch.
Doch die musikalische Vision und Handschrift von Get Well Soon tritt aus den oben beschriebenen Gründen immer deutlich hervor.
Mit dunkler und grimmiger Stimme wird die Endlichkeit beklagt und gleichzeitig herbei gesungen. Doch da ist auch Witz und Trash und (ui - schwerstes Kunst-Verbrechen zur Zeit) feine Ironie.
Himmlische Hexen
Am deutlichsten zeigt sich das in meinem persönlichen Lieblingssong 'Witches! Witches! Rest Now In The Fire'. Das Stück ist eine Hommage an einen Film von Adrian Hoven, seines Zeichens Darsteller in schwülstigen Heimatfilmen, der in den späten 60ern wohl aus Überreizung plötzlich die Idee hatte, "den wohl härtesten Nachkriegshorrorfilm in Deutschland zu drehen", wie Konstantin im Interview erzählt.
Herausgekommen ist ein ultrabrutales Trash-Movie namens 'Hexen bis aufs Blut gequält'. Passenderweise hat der Instant-Regisseur den deutschen Schlagerfuzzi Michael Holm ('Tränen Lügen Nicht') für die Gestaltung des Soundtracks engagiert, der dann eine "unglaubliche Easy Listening Schmonzette zu den brutalen Bildern komponiert hat".
Anstatt daraus aber ein Augenzwinker-Tarantino-like- Gimmick zu basteln, setzt Gropper ein pathetisch betörendes Stück Musik im Stile von Ennio Morricone, das getragen von himmlischen Chören zwar in angezuckert kitschige Höhen führt, durch den Kontrast der Bariton Stimme aber auch direkt in den Abgrund, dort wo das Höllenfeuer lodert und die Hexen brennen.
Dieser dann doch sehr edle und respektvolle Umgang mit Trash ist so originell, wie die Musik dazu herzerwärmend ist.
Alles in allem ein klasse Debüt von einem jungen Musikus, der schon am nächsten Album ganz anders klingen könnte.
Am 19. Jänner live zu Gast mit Band beim FM4-Geburtstagsfest in der Wiener Arena. Das Album erscheint offiziell einen Tag vorher bei City Slang / Universal.