fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
New York | 26.2.2008 | 21:13 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Der Sturm,
  der nie kam. Oder: Schneewaten zu Jason Grant Friedman von The Boggs und einige Gedanken dazu in Wort und Bild.
 
 
 
 
 
  Während ihr euch in Österreich warmwetterbedingt an exponierten Körperstellen den gefährlich schmeichelnden Strahlen der Sonne hingebt, hat New York den ersten (und längst überfälligen) Schneesturm der Saison erlebt.

Blizzard time: die Zeit des Blitzes, Donners und der Marshmallow großen Schneeflocken in waagrechtem Sturmflug. Schulfreie Tage. In Schneehaufen steckende Yellow Cabs. Gestrichene Flüge, gestrandete Reisende, hysterische News-Reporter.
 
 
 
 
 
  Eine Stadt macht auf Ausnahmezustand und freut sich unter der Schneedecke insgeheim über seltene Entschleunigung. Sieht ja niemand. Vielleicht weigert sich die City Hall deshalb so hartnäckig, eine eigens zum Zweck der Schneeräumung ausgerüstete Unit ins Leben zu rufen.
 
 
 
 
 
  Stattdessen montiert man lieber Pflüge an die Front gewöhnlicher Müllwagen und heuert für die manuelle Schneeentsorgung Arbeitslose an und alle anderen, die ein paar zusätzliche Dollar brauchen können.

Ein Bekannter meinte unlängst, dass sich immer häufiger trendig aussehnde Jugendliche unter den Schneeschippern befänden. Bei den Wirtschaftsaussichten, hohen Mieten und Student Loans wundert mich das kaum. Wie passend, meint der Zyniker in mir, dass die Ohren wärmenden Tschapkas aka "Russenmützen" im 80er Jahre Stil gerade wieder angesagt sind.
 
 
 
 
 
  Doch welch Enttäuschung! Die weiße Katastrophe ist in diesem Jahr ausgeblieben, hat auf halben Weg kehrt gemacht und sich innerhalb weniger Stunden in ein dünnes Tröpfeln verwandelt. Noch ehe die ersten SUVs Pirouetten auf den Avenues von Manhattan drehen konnten, hat der Regen den halben Schnee geschnupft.

Amüsant war in diesem Zusammenhang die Berichterstattung des lokalen Murdoch Ablegers Fox5. Da wurde zwar in einem fort der Schneekrieg ausgerufen, doch bei den Zuschaltungen der Außenteams von Long Island bis New Jersey dann doch nur verlegen im Slush herumgestochert. Zumindest die Kids durften ganz offiziell den Schulen fernbleiben.
 
 
 
 
 
  Zugegeben, auch ich war zunächst etwas enttäuscht, denn ich wollte mir den Weg von Clinton Hill in Richtung Norden nach Williamsburg zu einem Interview mit Jason Grant Friedman von The Boggs mit der Aufnahme einiger Winterfotos verkürzen. Das habe ich dann auch getan, aber das hier ausgestellte Anschauungsmaterial gleicht dann doch eher dem Footage der TV-Reporter.

Dennoch möchte ich Euch diese Bilder nicht vorenthalten, denn durch die Abwesenheit des Offensichtlichen habe ich die Kamera auf scheinbar weniger signifikante Objekte des Stadtbildes gerichtet, in Hinterhöfe hinein, auf Straßenkreuzungen und Tankstellen.
 
 
 
 
 
  Die Pics sind für mich insofern brauchbar, weil sie die bisherigen Aufnahmen ergänzen. Denn kurz nach meiner Rückkehr in die Stadt bin ich zunächst enrneut jenem exotischen Flair auf den Leim gegangen, auf dem das Gros aller New York (Erst-)Besucher picken bleibt.

Dieses Flair speist sich aus einer bildlichen Vorstellung von New York, wie sie uns bereits bekannt ist. Aus Filmen, Büchern, Songs. Da ist das Brownstone in Brooklyn, der Skyscraper im Financial District und natürlich die obligatorische Hydrantendusche in Harlem. Diese Bilder schaffen vor allem eines: sie vertiefen eine Wunschvorstellung, die mit der Lebensrealität vor Ort nur selten in Einklang zu bringen ist. Es sind Sehnsuchtsbilder, die viel mehr mit uns zu tun haben, als mit den aufgesuchten Orten und Menschen.
 
 
 
 
 
  Diese Projektionen bilden die Grundlage des boomenden New York Tourismus und natürlich kommen die meisten Besucher in den Big Apple, um sich genau diese Bilder abzuholen. Und ich bin der Letzte, der nicht zugeben würde, dass ich mich ab und zu nur allzu gern von diesem Postkarten-Flow mitreißen lasse.

Wahrscheinlich gibt es keine andere Stadt, die so vertraut scheint, ohne dass man jemals vor Ort gewesen sein muss. Call it das CSI-NY oder Godfather Prt I & II Syndrom.
 
 
 
 
 
  Es ist natürlich wenig sinnvoll, sich diesem kulturell und medial getriggerten Tand völlig zu verweigern, denn diese Bilder gehören ja tatsächlich zur Stadt und ihrer Geschichte. Doch hinter jedem schmucken Block lauert eben nicht notwendigerweise Armut und Verbrechen, wie uns das NY-Brainscript vorschreiben will, sondern auch eine stinknormale, trostlose Reihenhaussiedlung, eine Schule oder Tanke.
 
 
 
 
 
  Die diesjährige NY-Snow Picture Show taucht also in beide dieser Welten ein und ist so slush, so Regen und Schnee, wie der weidlich antizipierte Sturm, der keiner war.

 
 
 
 
 
  Alte Straßenkreuzer werde ich wohl auch weiterhin fotografieren. Call it.
 
fm4 links
  The Boggs auf Myspace
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick