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New York | 20.3.2008 | 13:14 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Prime Cuts: Hercules & Love Affair
  Discokugel im Olymp
 
 
 
As a child, I knew
  Über den göttlichen Sangesbarden Antony Hegartay of Antony And The Johnsons fame gibt es zwei in Blogs und Presse kursierende Missverständnisse aufzuklären.

Die souveräne Performance als Disco-Diva bei Hercules & Love Affair sei eine wirkliche Überraschung in Bezug auf den sonst zartbitter leidenden Sangesbarden, hieß es etwa in der letztwöchigen Village Voice. Mehr noch, Antony würde in Disco seine wahre Bestimmung gefunden haben, schlussfolgert der Großteil der US-Medien.

Tatsächlich aber ist Antony alles andere als ein am Wohnzimmer-Klavier leidendes Sensibelchen, das man mit der Verführungsmacht eines antiken Superhelden in die Disco entführen müsste. Und weiters will sich mir der Sinn einer singulären Zielbestimmung von Künstlerpersönlichkeiten so wie so nicht recht erschließen.

 Hercules & Love Affair (DFA/EMI)
 
 
That the stars could only get brighter
  Antony Hegarty ist jedenfalls alles andere als new to the scene. Bei seiner Ankunft in New York Mitte der 90er landete er direkt im schwulen Dance Underground und hat in Folge jahrelang im verruchten Pyramid Club im East Village als Host die Drag und Drama Queen für schrille, wilde Clubabende gegeben. Das androgyne und entrückte Fabelwesen Antony ist also durchaus vertraut mit der Rotationsgeschwindigkeit von Discokugeln.

Exkurs NY-Discory: Der Pyramide Club wurde in der kommerziellen Disco-Hochphase Ende der 70er Jahre als upgefucktes Pendant zu elitären Schneetempeln wie dem Studio 54 gegründet, ist immer noch in Betrieb und immer noch reudig. Zumindest habe ich das von einem Chicks On Speed DJ Set von vor gut drei Jahren so in Erinnerung. Nico von The Velvet Underground hat übrigens direkt über dem Amüsiertempel gewohnt, der sich an der First Avenue in der Nähe des Tompkins Square Park befindet.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Antony dem DJ und Producer Andrew Butler begegnete. Das war im Jahr 2003. Andy hatte sich bereits einen Namen als geschmackssicherer Dis(o)-Jockey in Sachen Dance-History gemacht und gemeinsam mit der Schmuckdesignerin Kim Ann Foxman, die auch mit an Bord bei Hercules & Love Affair ist, die Clubreihe 'DanceHomoDance' gelauncht.
 
 
 
And we would get closer
  Noch bevor Antony das weltweit erfolgreiche und mit dem Mercury Price geadelte Album 'I Am A Bird Now' (2005) aufgenommen hat, sind Andy und Antony in das "billigste und schäbigste Studio von Manhattan gegangen" (Zitat Butler) und haben den Track 'Blind' aufgenommen.

Diese perfekte, vielleicht zeitgemäßeste Verbindung von Disco und Songwriting wäre aber glatt auf Andys Festplatte verstaubt, hätte sich Antony nicht gut zwei Jahre später an diesen Track erinnert und Andrew über einen Bekannten zu den Punkfunk-Wizards vom LCD Soundsystem geschleppt.

James Murphy und Tim Goldsworthy waren regelrecht blown away, von dem was sie da hörten, wie es Andrew Buttler in einem Interview formulierte. I can see why.

 
 
Now that I'm older
  'Blind' wurde noch einmal aufgedröselt, zum Teil mit klassischen Instrumenten neu eingespielt und produziert. Das Resultat ist nicht nur dieser eine sanfte Burner von einem Track, sondern auch die Gründung und Bandbesetzung von Hercules & Love Affair.

Tim Goldsworthy, diese Wunderwaffe der Clubmusik, die immer etwas im Schatten von Old-Hipster James Murphy steht, saß an den Mischpultreglern. Andy und Antony haben die Songs für das Debütalbum geschrieben, dem im letzten Jahr die 'Roar/Classique #2' Single vorangegangen ist.

Ann Kim Foxman und eine Sängerin mit dem schlichten Pseudonym Nomi, (die Coco Rosie bei deren Konzerten unterstützt und demnächst auch am neuen Debby Harrie Album zu hören sein wird) an den Stimmen, sowie einige Jazzmusiker komplettieren das Lineup dieser Neo-Disco Combo, die bald live auf Tour gehen wird. So zumindest der Plan von Hercules & Love Affair Mastermind Andrew Butler.
 
 
 

 
audio
 
title: Hercules And Love Affair
length: 0:58
MP3 (931KB) | WMA
   
 
 
The stars should lie upon my face
  Das Album überzeugt mit einer ganzheitlichen Vision von Disco, die Euphorie und Kater, Glanz und Coming Out Pein, Geschichtsbewusstsein und Zukunftsmelodien auf einem Album zu vereinen weiß.

Die Referenzen an Pop und Dance der 70er, 80er und 90er Jahre, an Arthur Russel, den Sound der Paradise Garage, Kool And The Gang, Yazoo, frühe Madonna Remixes, Chicago House und "Inner City" Detroit Techno sind unüberhörbar, aber mehr als bloße Gimmicks. Es sind Verneigungen vor den Großen auf dem Weg zur eigenen Vision, so unaufdringlich sind diese Zitate in die Textur und den Sound der Tracks eingearbeitet.

'Blind' und das wunderbar verführerische 'Hercules Theme' gehen bereits jetzt als Klassiker durch.

'Raise Me Up' steht wie so viele Songs auf 'Hercules & Love Affair' für das Gegenteil von selbstvergesenem Disco-Glück. Die Platte ist wohl auch mit dem Bewusstsein entstanden, dass über der ewigen Party in New York seit Aids und 9/11 ein Schatten liegt, dass auch das echte und brutale Leben in die Parallelwelten der Clubs einbrechen kann, dass die Discokugel nicht ewig rotiert.

Hercules und seine Liebesaffairen wissen, unsterblich sind nicht einmal die Götter und glamourös sind wir selbst.
 
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  www.myspace.com/herculesandloveaffair

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