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New York | 14.5.2008 | 20:09 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
The Old Cars Of Clinton Hill
  Alte Cadillacs als soziale Marker einer Neighborhood in Brookyln. Oder Bill Cosby vs. Biggie Smalls revisited.
 
 
 
May Days
  Maizeit ist Freizeit. Wenn der tägliche E-Mail Fluss ins Stocken gerät, dann lässt das Geburtsland die Rollbalken runter und driftet selig durch die Zeit gehäufter katholischer Feiertage.

Der nur euphemistisch im Jobnamen das Wort "frei" tragenden Freelancer hat darob umso größere Mühe Stories zu pitchen, also an eine Redaktion zu vertickern.

Ist ja niemand da.

Selbst im feiertagsresistenteren Deutschland weht das Mailüfterl durch sämtliche Redaktionen.

Also wälze ich nicht nur lange Sätze, sondern auch auf Antwort harrende E-Mails und freu mich dann doch darüber, dass nach bald vier Monaten back in the apple die Betriebstemperaturen in meinem Einmenschbüro etwas gesunken sind.

Zeit also für lange Liegengebliebenes. Zeit für ein bisschen Autoquartett in Clinton Hill.

 Ford Thunderbird on DeKalb Ave
 
 
Cadillac Eldorado Convertible on Gates Ave
 
 
Von Karren und Gegenden
  Denn das Alleinstellungsmerkmal dieser unserer neuen Residency in Brooklyn sind die alten Karren, die die Straßen säumen wie die obligatorischen Brownstones und Magnolienbäume.

Man findet die teilweise noch sehr gut erhaltenen Oldtimer an jedem Block und es sind überwiegend ältere Afroamerikaner, die am Steuer sitzen.

Auf alte Benzinkutschen trifft man zwar auch in Harlem, doch nirgendwo auf so viele wie in Fort Green, Clinton Hill und dem östlich davon gelegenen Bedford Suyvesant - alles predominant black neighbourhoods in Brooklyn.

Diese Straßenkreuzer sind Zeugen des mittelständischen Wohlstandes, an dem in den späten 70er und 80er Jahren erstmals auch breiteren Schichten der afroamerikanischen Bevölkerung New Yorks teilhaben konnten - trotz Verslummungstendenzen in Harlem und den Crack-Höhlen von Bed-Stuy.

 The Notorious B.I.G. in St. James Place - Clinton Hill 1994.
 
 
Ford Thunderbird on DeKalb Ave, Bild II
 
 
Cadillacs und Crack Houses
  Vor diesem Hintergrund gegensätzlicher sozialer Entwicklungen innerhalb der afroamerikanischen Communities ist auch der permanente Widerstand eines Bill Cosby ('The Cosby Show') gegen die HipHop-Kultur zu sehen.

Cosby repräsentierte in den 80ern international den sozialen Aufstieg von black america wie etwas später Oprah Winfrey.

Bürgerlich gesinnte Afroamerikaner waren endlich in der gesellschaftlichen Mitte der USA angekommen und plötzlich tauchten diese Rapper auf, die all die alten Gangster- und Hustler-Klischees nicht nur aufwärmten, sondern mit ihrem Sprechgesang den Community-Nachwuchs auf dumme Gedanken zu bringen drohten und darüber hinaus auch äußerst erfolgreich bis in die Wohnzimmer der whities vorstießen - genau so wie der onkelhafte Cosby und seine niedliche Familie.

Dass es dabei nicht nur um Fragen der Repräsentation, des Selbstbewusstseins und Images ging, sondern um den Fortbestand der black communities an sich, lässt die kritische Haltung vieler Bürgerrechtskämpfer wie etwa Rev. Jesse Jackson vor allem gegenüber Gangsta-Rap ja dann doch etwas nachvollziehbarer machen. Schließlich drohte die medial damit direkt in Verbindung gebrachte Crack Epidemie der 80er und frühen 90er Jahre tatsächlich viele schwarze Gemeinden in New York und LA zu zerstören.
 
 
 
Buick Electra 225 on Cambridge Place
 
 
Bill Cosby vs. Biggie Smalls
  Das Bild einer homogenen Gruppe, auf das Medien sogenannte Minderheiten immer gerne reduzieren, hing natürlich auch bei den afroamerikanischen Communities der Post-Bürgerrechtsbewegung von Anfang an schief.

Der alte Schneider in meiner Straße hat zum Beispiel sein Cleaning and Tayloring Business etwas harsch 'Clean Society' getauft. Noch heute blickt er argwöhnisch auf die Straße, wenn sich zuviel Buzz in Form von Durag-Ansammlungen vor dem gegenüberliegenden Deli entwickelt.

Nur einen Block entfernt, nahe der Fulton Street, hat ein berüchtigter Ganglord über 10 Jahre lang ein Crack House betrieben und die gesamte Nachbarschaft kontrolliert, wie ältere Einwohner von Clinton Hill erzählen. Der Müllplatz, "where they dumped a lot of dead bodies", befand sich nur einen Steinfwurf entfernt.

Im Video zur Single Juicy aus dem Jahr 1994 steigt Christopher Wallace aka The Notorious B.I.G. mit seiner Posse die Stufen der C-Train Subway-Station 'Clinton-Washington Avs' hoch. Biggie wurde hier geboren und hat sich schon in jungen Jahren am dirty buiz beteiligt.

Bis heute fühlt sich ein Teil des moderateren Flügels bürgerrechtsbewegter Afroamerikaner durch HipHop um die Früchte der emanzipatorischen Arbeit gebracht.

Dass die Kultur des verteufelten und bedrohlichen Sprechgesangs aber auch wesentlich mit dafür verantwortlich war, die gesellschaftliche Gleichstellung in den USA als Illusion zu enttarnen, stößt dem einstigen Serienarzt Bill Cosby bis heute sauer auf, um wieder auf das Gesicht des afroamerikanischen Mittelstandsbewusstseins zurückzukommen.

Bill Cosby vs. Biggie Smalls ist deshalb im übertragenen Sinn der Timeline schöne alte Karren gegen abgewrackte alte Karren. Von beiden gibt es auch 2008 noch reichlich in Clinton Hill (wo Cosby nie gelebt hat).

 Bill Cosby während seiner berüchtigten Pound Cake Rede 2004.
 
 
1976 Cadillac Eldorado on Green Ave
 
 
Kozmik Cosby
  Trotzdem plant der Ex-Comedian demnächst den Release eines HipHop-Albums (kein Witz jetzt) und hat soeben auf Dusty Groove einige seiner wenig dokumentierten musikalischen Ausflüge in Richtung Instrumental-Funk und Jazz unter dem Pseudonym 'Badfoot Brown and the Bunions Bradford Funeral & Marching Band' wiederveröffentlicht. Die Platte war ein Tribute an Martin Luther King Jr. und ist erstmals 1971 erschienen. Wer Sun Ra und Albert Ayler mag, sollte hier unbedingt sein Ohr reinhängen. 70ies Kozmik Grooves, gar nicht schlecht, der Doc.

Aber zurück zu den alten Karren von Clinton Hill. Die Cadillacs, Buicks, und Fords waren in den 70er und 80er Jahren brandneue Statussymbole - soweit, so Auto. Warum vor allem so viele Cadies noch heute durch die Neighbourhood cruisen, hat mich beschäftigt, seit ich in dieses Viertel gezogen bin.

Verarmung des Mittelstands, Gentrification-Druck, Neuwagenanschaffung ausschließlich für die Kids, man hört die unterschiedlichsten Gründe, wenn man die Autobesitzer nach der Oldtimer Dichte fragt.

Edward Milton, Eigner eines im wahrsten Sinn des Wortes glänzenden Lincoln Continental Bj. 1983, meinte gestern jedenfalls lachend: "It must be love for tradition cause it costs a lot of money to keep them rolling."
 
 
 
1977 Buick Le Sabre on Hall Street
 
 
Cadillac Crossdale on Gates Ave
 
 
Buick Electra 225 on Grand Ave, Bild II
 
 
Lincoln Continental Bj. 1983 on Grand Ave
 
 
Cadillac Sedan Device & Cadillac Seville (?) on Hall Street.
 
 
Imperial LeBaron on Atlantic Ave
 
 
1979 Cadillac Sedan De Ville on Green Ave
 
 
Buick Le Sabre Limited on Waverly Ave
 
 
Cadillac De Ville on Gates Ave
 
 
Buick Electra 225 on Green Ave, Bild III (ja, is mein absoluter favourite...)
 
 
nicht dokumentiert
 
 
Cadillac Eldorado Convertible on Gates Ave, Bild II
 
 
Ford Thunderbird on DeKalb Ave, Bild III
 
 
Cadillac (Eldorado Convertible?) on Green Ave
 
 
Cadillac hinter Gittern on Green Ave
 
 
1991 Cadillac Fleetwood Brougham on Gates Ave
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Alte Karren, vintage Memories. Oder: New York ist kein Gebrauchtwagenhändler.
   
 
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