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New York | 6.6.2008 | 14:36 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Prime Cuts: Tokyo Police Club
  'Elephant Shell': Schulbank, Schweiß und Indie Rock
 
 
 
Hard for the money
  Kaum ein anderes Buch gibt einen besseren Eindruck darüber, was für ein hartes Stück Arbeit Rock & Roll sein kann, als Peter Guralnicks 'Last Train To Memphis', die Elvis-Bio schlechthin. Guralnick beschreibt darin unter anderem die ersten Karrierejahre des originators without a cause.

Im Laufe der detailierten Schilderung zerbröselt allmächlich der Mythos von den unschuldigen Jahren des Rock & Roll, die Mär vom gekaperten Jungen, dem der Kommerz in Gestalt des luziden und raffgierigen Elvis-Managers "Colonel" Tom Parker die Haartolle abrasiert hätte. Elvis erwies sich von Anfang an als kongenialer Partner im Knüpfen einer Verwertungskette, die über Hit-Singles, Kino-Filme, hoch dotierte Fernsehauftritte, Merchandise und einem mörderischen Tourprogramm reichte, um den neu entstandenen Teenager-Markt zu melken, bis die Kühe tot umfielen.

Elvis war ein willfähiger Arbeitsgaul, der rastlos und auch gedopt durch das goldene Jahr 1956 galoppierte und dabei eine Staubwolke aufwirbelte, die sich bis heute nicht gelegt hat. Was allein in diesen 12 Monaten aufgenommen, gesungen, geschüttelt und gespielt wurde, würde heute wohl für gut ein Dutzend Rock & Pop Karrieren reichen. Beinahe unfassbar bleibt, was dieser Fastnoch-Teenager unter den enorm schwierigen Rahmenbedingungen zu leisten im Stande war und wie unbedarft, originell und souverän er dabei wirkte.

 Josh, David, Greg & Graham
 
 
Tour! Tour! Tour!
  Das Arbeitsprinzip, möglichst überall zur gleichen Zeit zu sein, endlose Touren zu absolvieren und dabei eine lässige Figur zu machen, hat seither nicht nur Legionen von Bands und Solisten frühzeitig altern oder Tickets für den Club 27 lösen lassen, weil auch ohne toxische Helferleins kaum zu bewältigen. Dieser Wahnsinn gilt bis heute als Grundvoraussetzung, um ernsthaft Karriere im Rock- und Popgeschäft zu machen.

Im Zeitalter sinkender Plattenverkäufe ist der Druck, live zu bestehen, eine gute Show abzuliefern, Leistung im urkapitalistischen Sinn zu erbringen, eher gestiegen als gesunken - egal ob freischaffender Indie-Hansel oder Pop-Sternchen im Angestellen-Verhältnis.

Warum ich so weit aushole und bei einer Geschichte über den Tokyo Police Club mit dem King daherwackle, hat damit zu tun, dass ich 'Last Train To Memphis' gerade wieder einmal zwischen die Finger bekommen habe, und mich die Offenherzigkeit von David Monks und Graham Wright beim Interview in einem Hotel in Midtown/Manhattan an die Schilderung Guralnicks erinnerte.

Statt die cool abgeklärten Kraftmaier heraushängen zu lassen, wie etwa ihre Alters- und Genrekollegen von Bands wie The View oder Pigeon Detectives, erzählen David (Gesang + Bass) und Graham freimütig über schwierige Karriere-Entscheidungen und Ego-Fights während der ersten Touren, dem Dauerdruck und dem mühsamen Lernprozess, auch unter den verschärften Bedingungen einer Konzertreise Songs zu schreiben und zu produzieren. Geraunzt wird trotzdem nicht, schließlich hat man ja den lässigsten Job der Welt, vorerst, und man hat sich freiwillig auf einen ernsthaften Karriereversuch eingelassen.

 no more vacation
 
 
A Lesson In Crime
  "Natürlich war der Druck nach dem überraschenden Erfolg unserer ersten EP enorm", gibt Graham unumwunden zu. Der 21-Jährige meint damit die überschwengliche Resonanz auf die 'A Lesson In Crime EP', die die vier Freunde aus einer High School bei Toronto für den kanadischen Indie Paper Bag Records aufgenommen hatten. Heiße 70.000 Stück setzte die Scheibe ab. Seither heult die Alarmsirene am Dach von TPC. Offerte von Majors und Indies folgten. Entschieden hat sich die 2005 neuformierte Band schließlich für Saddle Creek. Die gerade ins drinking age Entwachsenen sind ständig auf Achse und haben zwischendurch das Debütalbum 'Elephant Shell' aufgenommen. Drei Gigs in New York, ein Auftritt bei Letterman, der den Club mit "Toyota ..." ankündigt, später dann weiter nach Philly, Boston, Buffalo.

Bei dieser selbstgewählten, heiß ersehnten und total verfluchten Rastlosigkeit wundert es kaum, dass 'Elephant Shell' zu einer manischen Angelegenheit geworden ist. Das Gefühl! Die Energie! Die Sehnsucht! Und natürlich auch die Hormone!


 
audio
 
title: Prime Cuts: Tokyo Police Club
length: 1:17
MP3 (1.234MB) | WMA
   
 
 
Rock 'n' Roll High School
  Das Album ist eine Hommage an die High-School-Jahre in Toronto. 'Your English Is Good' oder 'In A Cave' sind scharf gespielte, Melodie verliebte Gitarren-Pop Songs, die reihenweise Schreibpulte durch das Klassenzimmer tanzen lassen (einige Stücke sind von nicht zu Ende gelesenen Romanen inspiriert, die am Leseplan des Englischunterrichts standen, wie Sänger David im Interview erzählte).

In Bloc-Party-Manier laufen Bassfiguren gegeneinander und fallen Drum Patterns übereinander her. In 'Listen To The Math' wird nicht der Differentialrechnung gehuldigt, sondern Einfühlungsvermögen in die Probleme des anderen Geschlechts demonstriert.

David Monks phrasiert gelegentlich seine Stimme wie Julian Casablancas von den Strokes und verfällt nach kurzen Phasen der Selbstbefeuerung immer wieder in eine todessehnsüchtige Melancholie. So geht es im Song 'Graves' alterskonform romantisch zur Sache: "Meet me where your mother lies, we'll dig graves on both her sides and lay ourselves inside".

 Nette Indie-Buben beim Interview: David & Graham.
 
 
Elephant Shell
  Noch ehe der Eindruck entstehen könnte, wir hätten es hier mit der "Tokyo Dead Poets Society" zu tun, leutet die Schulglocke und das Album findet nach elf Unterrichtseinheiten mit dem besten Stück namens 'Baskervilles' ein furioses Ende.

Erstaunlich sind die ausgefuchsten und extrem tight gespielten Arrangements, die diese Songskizzen zusammenhalten und Talent mit kräftigen Kreidestrichen an die Tafel schreiben. Dass hier einige Ideen im Ansatz stecken geblieben sind und Songs einfach nicht fertiggebracht wurden, daran konnte selbst der angeheuerte Nachhilfelehrer, Producer Peter Katis (Spoon, The National, Interpol), nichts ändern.

Vielleicht müssen die Jungs einfach nur einmal richtig ausschlafen, irgendwann, wenn sie von der Tour nach Hause kommen. Sie arbeiten jedenfalls hart daran Spaß zu haben.


 
audio
 
title: Tokyo Police Club im Interview
length: 38:31
MP3 (36.892MB) | WMA
   
 
 
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  tokyopoliceclub.com

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