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New York | 4.7.2008 | 12:06 
Süß/saure Geschichten aus dem Big Apple

Rotifer, Matthews, Ondrusova

 
 
Nichtgefühl am Mitmenschen
  Ein Todesfall in NY und 'shoot to kill' in Texas.
 
 
 
Entmenschlichung?
  Was wir Menschen uns gegenseitig antun, ist Gegenstand von Überlieferungen seit Anbeginn der Schriftzeichen. Was wir Menschen uns gegenseitig nicht mehr antun, beschäftigt zunehmend Soziologen, Politiker und alle, die sich generell für das Miteinander interessieren.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei deren Abwesenheit. Ob Leute in der U-Bahn verprügelt werden, Unfallopfer in der Öffentlichkeit unversorgt bleiben oder eine Frau vor den Augen mehrerer Zeugen vergewaltigt wird: Die Bereitschaft, persönlich einzugreifen und zu helfen, scheint dramatisch abzunehmen. Vielleicht - so fragt der Skeptiker genereller Befindlichkeitsanlaysen in mir - wird diese attestierte Teilnahmslosigkeit durch den Ausbau der Überwachungs- und Schnüffelsysteme aber auch nur etwas sichtbarer.

Angst ist dabei wahrscheinlich noch immer der häufigste Grund des bewussten Wegschauens. So wurde eine Bekannte von mir unlängst Zeugin eines gang fights in Brooklyn. Einer der Kontrahenten blieb regungslos und blutend am sidewalk zurück. Niemand der zahlreichen Gaffer leistete erste Hilfe.

In Bezug auf New York ist das natürlich nicht ganz so ungewöhnlich. Ich erinnere mich an Besuche in den 80er Jahren, als die Menschen schon bei dem geringsten Anzeichen von Gefahr das Weite suchten und die "zivile Patrouille" Guardian Angels die U-Bahnen in moderater Bürgerwehr-Manier beschützte.

 
 
Der Tod der Esmin Green
  Diejenigen, die nun meinen, dass sich zur Angst vermehrt Gleichgültigkeit gesellt, wurden diese Woche durch die Veröffentlichung eines Überwachungskamera -Videos in einem New Yorker Krankenhaus bestätigt.

Auf dem Band ist zu sehen, wie eine auf Behandlung wartende Patientin in der Notaufnahme des Kings County Hospital in Brooklyn kollabiert. Niemand der im Raum anwesenden Patienten, Sicherheitsleute und Krankenhausmitarbeiter kommt der Frau zu Hilfe. Als sich dann nach 45 Minuten doch noch jemand erbarmt, ist es zu spät. Die aus Jamaica eingewanderte 49-jährigen Esmin Green ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

In einer ersten Reaktion wurden sechs der in den Fall involvierten Krankenhausmitarbeiter gefeuert oder suspendiert. Bürgermeister Bloomberg zeigte sich "disgusted" und kündigte eine Untersuchung an. Wut und Entsetzen über das individuelle Versagen beherrschte die Diskussion in Blogs und News-Medien.

 Ausschnitt aus dem Video der Überwachungskamera im Kings County Hospital in Brooklyn
 
 
Krankes Krankensystem und Change durch Obama?
  Als ich am nächsten Tag für die FM4 Morning Show eine Meinungsumfrage zum Thema durchführte, ergaben die Antworten jedoch ein etwas differenzierteres Bild. Viele New Yorker fragten sich, welche Rahmenbedingungen ein individuelles Fehlverhalten in diesem Ausmaß mit so vielen verschiedenen Verantwortungsträgern begünstigen.

Dieses marode health "care" system ist übrigens ein ausreichendes Argument, warum Hillary Clinton auf alle Fälle eine Präsidentschaft verdient hätte. Im Gegensatz zu Obama stand die Einführung einer Pflichtversicherung für alle und damit eine Aufwertung des öffentlichen Krankenhaussektors ganz oben auf ihrer Liste. Barack Obama geht die Sache in seinem Entwurf eher halbherzig an (Pflichtversicherung zunächst nur für Kinder) und lässt sich somit eine Hintertür offen, am bestehenden System nicht wirklich etwas ändern zu müssen - eine Taktik, die ihm die letzten Tage zunehmend den Ruf eines Wendehalses eingebracht hat (siehe Irak und Truppenabzugspläne).

Wie es um das amerikanische Health Care System bestellt ist und unter welch miserablen Umständen öffentliche Krankenhäuser ihre Arbeit verrichten, muss hier wohl nicht näher erklärt werden (auf die hygienischen und medizinischen Missstände, die in der psychiatrischen Abteilung des Kings County herrschen, wurde in der Vergangenheit mehrmals von Civil Rights Organisationen hingewiesen).
 

 
audio
 
title: Meinungsumfrage: US-Hospital Scandal
length: 1:26
MP3 (1.381MB) | WMA
   
 
 
'Shoot To Kill' in Texas
  Zugegeben, der Sprung von diesem Thema zum nächsten ist etwas weit, nicht nur weil es um Texas geht. Dort hat diese Woche eine Grand Jury beschlossen, KEINE (Mord)Anklage gegen einen 61-jährigen Pensionisten zu erheben.

Zynisch formuliert ist es auch kein Wunder, schließlich hat Joe Horn bloß zwei Räuber mit einer Schrotflinte abgeknallt. Sie waren in das Wohnhaus eines Nachbarn eingebrochen. Horn streckte sie bei der Flucht mit drei Schüssen in den Rücken nieder. Die beiden Einbrecher starben noch am Ort des Geschehens. Horn wird keinen einzigen Tag hinter Gittern verbringen.

Wie ist das möglich?

Antwort: durch eine kleine Änderung des Strafrechtes in Texas im vergangenen Herbst. Das Töten von Menschen ist seit dem ausdrücklich erlaubt, wenn sich diese gegen den Willen des Besitzers auf einem Grundstück aufhalten ("to protect the property"). Das gilt auch für Nachbarhäuser, wenn deren Besitzer verreist sind und die netten Menschen von nebenan gebeten haben, auf ihren Besitz aufzupassen. Und sei es mit einer Schrotflinte im Anschlag.

Nicht, dass dieses Gesetz besonders menschenfreundlich wäre und fantasievolle Auslegungen hemmen würde (falls ihr einmal in der Gegend sein solltet, bitte aufpassen, wenn ihr wo anläutet, um euch nach dem Weg zu erkundigen).

 
 
Mitgefühl andersrum
  Doch im Fall von Joe Horn und seiner 'shoot to kill' Aktion scheint selbst dieser absurde Rechtsbestand nicht erfüllt.

Das geht relativ eindeutig aus einer Tonbandaufzeichnung eines Telefonats hervor. Horn hatte bei der Polizei angerufen, als er die Einbrecher entdeckte. Der Officer versuchte darauf hin, den Pensionisten zu beruhigen, und forderte ihn auf, nichts zu unternehmen. Horn pochte auf sein Recht, das Eigenheim verteidigen zu dürfen, nannte noch das genaue Datum der entsprechenden Gesetzesänderung (1. Sept 2007) und schloss mit: "I'm gonna kill 'em". Ein Versprechen, das er wenig später mit drei ebenfalls auf dem Band zu hörenden Schüssen in die Tat umsetzte.

Die Grand Jury von Harris County beriet wochenlang über die kriminelle Qualität der blutigen Nachbarschaftshilfe. Noch während der Sitzungen kam es vor dem Gerichtsgebäude zu Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern von Civil Rights Organisationen, Verwandten der Erschossenen und Sympathisanten der bewaffneten Selbstverteidigung.

Auch nach der Entscheidung gingen die Wogen hoch. Die nach der jüngsten Aufwertung des Second Amendment durch das Oberste Gericht der USA motivierte Waffenlobby samt einer Horde rechtskonservativer Kommentatoren zeigte jedenfalls jede Menge Mitgefühl für ihren Helden Horn.

Ein Schalk wer dabei denkt, dass diese Sympathie durch den Umstand befeuert wurde, dass die beiden erschossenen Einbrecher illegale Immigranten mit krimineller Vergangenheit waren.

 Joe Horn
 
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