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  Österreich | 12.11.2002 | 11:30   

 
 
Die Multitude feiert sich selbst
  Ein persönlicher Rückblick vom ersten europäischen Sozialforum in Florenz
von Lukas Tagwerker
 
 
 
  Freitag abends auf der Piazza vor dem Dom inszenieren ein paar hundert Jugendliche Massenumarmungen. Das laut ausrufende sich-gegenseitig-in-die-Arme fallen überträgt sich bald auf alle Anwesenden. An Holzbrettern, mit denen ringsum einige Geschäftsfassaden vernagelt wurden, sind Papierstreifen affichiert: "who thinks badly acts badly". Von der Piazza della Repubblica dröhnt Salsa durch die Altstadt.


 
 
Friedlicher Protest
  Hätte Niccolò Machiavelli, der 1513 gerade an seinem "Fürsten" zu fitzeln begann, geahnt, dass eines Tages eine Million Menschen durch seine Heimatstadt wandern und dabei lautstark der Macht widersprechen werden, ihn hätte womöglich derselbe Ekel befallen, der Journalisten und Regierungsmitglieder von "Randalierern" oder gar "Barbaren" in Zusammenhang mit den DemonstrantInnen reden ließ. Fakt ist, dass die 6000 mit scharfer Munition bewaffneten Freunde und Helfer wenig zu tun hatten. Nicht eine Schaufensterscheibe ging zu Bruch, allenthalben kann von etwas Grafitti-Vandalismus gesprochen werden. Nicht bestätigt wurden mir Gerüchte um eine Fabrikbesetzung eines Konzerns, der Bagger für die israelische Armee produzieren soll, oder um einen tätlichen Angriff auf den ehemaligen Tutte Bianche- und nunmehrigen Disobbedienti-Sprecher Luca Caserini auf einer Konferenz, bei der es just um das geile Thema "Gewalt" ging.

 
 
Was geht?
  Hat das aus allen Nähten platzende 1. ESF die mitunter gravierenden Differenzen zwischen den teilnehmenden Gruppen, die sich nicht nur aus der unterschiedlichen Totalität des Anspruchs auf Veränderung ergeben, zwar nicht komplett weggeebnet, so sind diese zugunsten des Gemeinsamen doch deutlich in den Hintergrund getreten. Bauernorganisationen und Gewerkschaften, Menschenrechts- und Umweltschutzvereine, feministische, anarchistische und haufenweise andere linke Splittergruppen sind sich bei der Benennung ihrer gemeinsamen Gegner einig: Krieg, Rassismus, Neoliberalismus. Die Bestimmung eines gemeinsamen Ziels ist mit dem Motto 'Eine andere Welt ist möglich' schon eine Spur diffuser formuliert.
 
 
 
  Zweieinhalb Tage lang tauschten sich 40.000 Teilnehmende in den vollgestopften Messehallen der Renaissance-Festung Da Basso bei über 160 Konferenzen über Themen aus wie: Critic Consumption - The Life Style As Opposition And Political Proposition; Childhood Denied - The Child Market And Their Right To Happiness; Democratize The Democracy - The Participatory Democracy; Economy Of Comunion - Proposals For A New Way Of Economic Doing; Science And Globalisation - Genetic Manipulation; Problems Of the Minorities In Eastern Europe; State Violence - Police Control Of The Resistant Communities; Immigrants And Fortress Europe - Apartheid, Social Conflict And Universal Citizenship; Water, Air And Earth - Europe Opposing Unsustainable Development; Media And War - The Right To Information In Time Of Conflicts...

 
 
  Wer seinen Ausweis gegen ein stethoskopartiges Hörgerät eintauschte, konnte sich mal eben als wichtiges Staatstier vorkommen und dabei dem Inhalt der Gespräche in Simultanübersetzungen nahezu aller europäischen Sprachen folgen. Bei vielen Konferenzen war das Mikro zwischendurch für alle offen, die eigene Statements vorbringen oder Kritik am Gesagten üben wollten. Außerhalb der Messehallen war es schwierig sich im chaotischen Gedränge der Massen zurecht zu finden. Wer nicht schon im Vorhinein genau wusste, welche von den Hunderten von Workshops, die in ganz Florenz verstreut abgehalten wurden, zu besuchen sich lohnen würden, hatte praktisch keine Chance, sich Vorort ausreichend zu informieren. So gab es wohl für viele ein beliebiges Spazieren von Konferenz zu Konferenz, und wo es spannend war, blieb man zu lauschen.

 
 
 
Revolution im Sonderangebot
  Wenn Christophe Aguiton, der Gründer von ATTAC-Frankreich, das Sozialforum als "Markt der Ideen und nicht des Geldes" bezeichnet, so muss ich zu meinem Bedauern auch festhalten, dass mein Eindruck ein anderer war. Hätte ich nicht so einen starken Willen, mein ganzes Geld wäre für Ausgaben der Zeitung The Socialist Worker und dem entsprechenden griechischen Blatt draufgegangen. Die Mitglieder dieser und ähnlicher sektoider Parteien erlangen beim Zeitungsverkauf eine Aufdringlichkeit, die mir neu war. Jahrmarktsstimmung herrschte zudem auf den zwei Stockwerken des großen Messegebäudes, das von Außen mit unzähligen bunten Transparenten behangen die formale Lästigkeit kapitalistischer Werbeflächen noch übertrumpfte. Drinnen explodierten die in Messekojen dicht aneinander gepferchten NGOs und politischen Gruppen vor Verkaufsmaterial. Da wurden T-Shirts, Cds, Videos und Essbarkeiten aus allen Erdteilen von unterschiedlich esoterischen Geschäftemachern angepriesen, natürlich non profit.

 
 
Die schöpferische Bewegung der Menge
  Nachdem sich innerhalb der österreichischen Delegation am Freitag die Idee für die Gründung eines Österreichischen Sozialforums, das wie WSF und ESF als offener Rahmen zur Begegnung unterschiedlicher Gruppen angelegt sein und vermutlich in Hallein stattfinden wird, durchgesetzt hatte, war am Samstag die Zeit reif, sich der florentinischen Öffentlichkeit zu zeigen. Allerdings gingen die ca. 500 ÖsterreicherInnen in den Wogen der Masse einigermaßen unter. Im Gegensatz zu den Traktor fahrenden Landwirten oder den FIAT-Arbeitern, die eine brennende FIAT-Karre mit sich zogen. Als sich der Campo di Marte am Ende der Demoroute gegen 17:00 Uhr bereits gefüllt hatte und so die Ausmaße der protestierenden Menschenmenge erkennbar schienen, wurde auf der breiten Gerüstbühne die Aufforderung durchgesagt, man möge den Zugang zum Platz freimachen, da sonst die DemonstrantInnen, die erst von der 5 km entfernten Fortezza da Basso aufbrechen wollten, nicht weiterkommen würden. In diesen Momenten mag die Rede von "neuen Subjektivitäten" oder der "absolut positiven Kraft der Menge" eine unmittelbare, haptische Bedeutung gewinnen. Ein nicht sehr rationales, euphorisches Gefühl der Stärke wirkte auf die 100.000e einzelnen, als sie den hoffnungsfrohen Ansprachen der Bürger aus allen Ländern Europas zujubelten. Bis Mitternacht wurde auf dem Campo di Marte wild zum Konzert italienischer Musiker getanzt.


 
 
People over Profit
  Dass die Ursachen des ESF ausgesprochen ernsthafte sind, stellte sich, von den abendlichen Experimentaltheater- und Dokumentarfilmvorführungen abgesehen, schließlich am Sonntag bei der Schlussassembly in der gerammelt vollen Stazione Leopolda heraus. Hier wurden noch einmal die wichtigsten Punkte aus allen Konferenzen vorgetragen:
 
 
 
Die Regierungen ...
  ...der einflussreichsten d.h. wirtschaftskräftigsten Staaten der Erde (die G8) sowie die mächtigsten internationalen Finanzinstitutionen (WTO, IWF, Weltbank) seien nicht nur unfähig, die dringendsten globalen Probleme wie Armut, Krankheiten und Vergiftung der Umwelt zu bewältigen, sondern im Gegenteil durch ihre Politik weiter daran beteiligt, diese Probleme zu vergrößern.
 
 
 
Rechte,
  ...die die Lebensgrundlage aller Menschen ausmachen, wie das Recht auf Nahrung und Zugang zu sauberem Trinkwasser oder das Recht auf Gesundheit und Bildung würden durch neoliberale Programme wie das GATS, das von den meisten europäischen Regierungen bereits durch "notwendige Privatisierungen" umgesetzt wird, immer mehr Menschen verwehrt.
 
 
 
Krieg ...
  ...im Allgemeinen und im speziellen ein US-Angriff auf den Irak (der über mehr als doppelt so große Erdölreserven verfügt wie ganz Russland) sei im Zusammenhang mit der neoliberalen Weltordnung zu betrachten, in der er zur Stabilisierung des imperialen Machtapparates dient, und also abzulehnen.
 
 
 
Osterweiterung
  Obwohl allen klar sei, dass die Osterweiterung (genauso wie die Europäische Union selbst) ein Projekt ist, das in erster Linie von den Profitinteressen großer Konzerne getragen wird, müsse sie befürwortet werden um gemeinsam mit den sozialen Bewegungen dieser Länder ein anderes Europa zu erbauen. Ein konretes Vorhaben der am ESF zusammengekommenen AktivistInnen ist, neben der "Entwicklung eines europaweiten Netzwerkes gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse", die Ausarbeitung einer Charta für soziale Grundrechte. Diese soll kommenden März in Brüssel als Gegenentwurf zum bis dahin vom EU-Konvent erwarteten Grundrechtekatalog aus der neuen EU-Verfassung, der man schon jetzt nicht traut, vorgelegt werden und von einer langfristigen Kampagne für eine Demokratisierung der EU-Organe begleitet werden.
 
 
 
  Natürlich bleiben die meisten Fragen nach Florenz offen. Wie lange wird die Einheit der Bewegung nach außen gehalten werden können? Verhindert die Institutionalisierung der Bewegung ihr Anwachsen an der Basis? Sind die Leute, die in Florenz am Podium saßen, die Herrscher von morgen? Oder wird sich Herrschaft vollständig verändern müssen? Und was sind überhaupt die realen Auswirkungen einer solchen Veranstaltung im Vergleich zu den Möglichkeiten der Einflussnahme finanzstarker Konzerne? Eines war Florenz auf alle Fälle: ein Anfang. Und weil es ja uns alle betrifft, will ich eine Frage direkt an euch richten:
Wenn es denn nun stimmen sollte, dass eine andere Welt möglich ist, wie könnte sie aussehen?

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  Zwei von unzähligen Kampagnen, die sich am 1.ESF vorgestellt haben:

labournet.de

euraction.org
   
 
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