Ich habe in den letzten Wochen nur Familien-Romane gelesen. Ist mir gerade aufgefallen, muss der Jahreswechsel-Virus sein (zurückschauen, innehalten, Bilanz ziehen).
Zuerst war da Douglas Couplands 'All families are psychotic', mit total verhuschten Charakteren und so vielen üppigen Ingredienzien (Aids, Abtreibung, Selbstmord, Contergan...) dass sogar GroschenromanschreiberInnen übersättigt wären.
Vor Weihnachten bin ich dann in die Lebensgeschichte der Familie Lambert aus dem Mittleren Westen gekippt. 'Die Korrekturen' von Jonathan Franzen. Eine großartige, elegante Erzählung um die komplizierten, emotionalen Verstrickungen einer Familie und die Bemühungen, die Verhaltensmuster der Eltern zu korrigieren. Mit der ernüchternden Conclusio: Familie ist Schicksal.
Und kaum habe ich mich davon erholt, hat mich gerade um die Zeit des Jahres, wo wir uns alle am intensivsten mit unserer Familie auseinandersetzen, die nächste Familensaga gefesselt (und ich hab mich so manche Stunde lesend vor der eigenen Familie vorm Weihnachtsbaum gedrückt).
Jeffrey Eugenides ist der dritte junge US-Amerikaner, der in letzter Zeit die Bestsellerlisten hochklettert, der für den Generationswechsel in der amerikanischen Literatur steht und dem gemeinsam mit Franzen die Rückkehr des sozial-engagierten Romans zugeschrieben wird. Auch die Geburt ihrer letzten Romane ist bei Franzen und Eugenides ähnlich schwer verlaufen. Schon Jahre vor deren Erscheinen waren sie Gesprächsstoff und es wurde gemunkelt, beide kämen nicht zu einem Ende. Das war's aber dann schon mit den Ähnlichkeiten.
Jeffrey Eugenides ist 1960 in Detroit geboren, und lebt derzeit mit seiner Frau und seiner Tochter in Berlin.
10 Jahre nach 'The Virgin Suicides'
'I was born twice: first, as a baby girl, on a remarkably smogless Detroit day in January of 1960; and then again, as a teenage boy, in an emergency room near Petoskey, Michigan, in August of 1974.'
So beginnt 'Middlesex', der Roman über 'Gender und Genetics', eine Familiensaga, eine Geschichte übers Erwachsenwerden, und die von Calliope Stephanides, geboren scheinbar als Mädchen, mit einem Chromosomen-Fehler, der sie genetisch und biologisch zum Mann macht. Callies Leben wird ein emotionales Chaos, als ihre Barthaare zu sprießen beginnen, die Stimme deutlich tiefer wird als die ihrer Freundinnen und sie sich in die kettenrauchende Klassenkameradin verliebt, die sie das 'Obscure Object' nennt.
'I started faking my period ... unwrapped and flushed away a flotilla of unused Tampax. I feigned symptoms from headache to fatigue. I did cramps the way Meryl Streep did accents. There was the twinge, the dull ache, the sucker punch that made me curl up on my bed. My cycle, though imaginary, was rigorously charted on my desk calendar. I used the fish symbol to mark the days. I scheduled my periods right through December, by which time I was certain my real menarche would have finally arrived.'
Taschenbuch
Calliope erfährt kurze Zeit später, im Jahr 1974, dass sie weder Frau noch Mann ist und dem dritten Geschlecht angehört, wird zu Cal, äußerlich zum Mann und ist innerlich zerrissen.
'I've lived more than half my life as a male, and by now everything comes naturally. When Calliope surfaces, she does so like a childhood speech impediment. Suddenly there she is again, doing a hair flip, or checking her nails. It's a little like being possessed. Callie rises up inside me, wearing my skin like a loose robe.'
Der Erzähler ist Cal, der im Jahr 2001 in Berlin lebt und seine Geschichte aufzeichnet. Und die verfolgen wir zurück bis ins Jahr 1922, wo die Ursache von Cal/Calliopes Chromosomenschadens zu finden ist und auch die Wurzeln der griechischen Familie Stephanides.
Die erste Hälfte des Buches erzählt die Odyssee von Cals Großeltern, die ihr griechisches Heimatdorf verlassen müssen, als die Türken es attackieren. Sie schaffen es nach Detroit, wo ihre Cousine lebt, die einzige Person, die weiß, dass Cals Großeltern nicht nur Mann und Frau und Cousins dritten Grades sind, sondern auch Bruder und Schwester.
Hardcover
Seine Vorliebe für extravagante Plots, ob es um fünf Schwestern geht, die sich umbringen, oder einen Hermaphroditen, erklärt Jeffrey Eugenides in einem Interview so: 'Latin literature, Ovid and Virgil, was the first writing I studied line by line. These were epics, sometimes epics of transformation, and when I look at my work I realise that influenced me enormously. Going down into the underworld, transformations: it seems to me that was what I was taught to think literature was. And when you think about what fiction can do that non-fiction can't: it is chart out the territory beyond realism to a certain extent.'
Ein Gerücht besagt, dass Jeffrey Eugenides nächstes und bestens bezahltes Projekt schon feststeht, die Fortsezung eines Klassikers: Die berühmte Mafia-Saga "Der Pate" soll nämlich fortgeschrieben werden. Der amerikanische Verlag Random House hat sich mit den Erben des Bestseller-Autors Mario Puzo auf eine Fortsetzung der Geschichte um Don Corleone geeinigt und sucht nun einen geeigneten Schriftsteller.
Jeffrey Eugenides bringt wohl einige der erforderlichen Eigenschaften mit. Zumal Francis Ford Coppolas Tochter Sofia mit der Verfilmung seines ersten Buchs "The Virgin Suicides" ihr Debüt als Regisseurin feierte.
Jeffrey Eugenides: Middlesex, erschienen bei Bloomsbury.