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  Österreich | 6.1.2003 | 11:50   

 
 
rewind.2002<< Die Sumpf-Alben 2002
  Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Eine Liste hätten wir noch: unsere 15 essentiellen Alben des Jahres 2002.

Fröhliche Ostern wünschen Edlinger/Ostermayer.
 
 
 
15 - The Baptist Generals: No Silver/No Gold (Glitterhouse Rec.)
  Lasst uns in den Keller gehen und dort verderbte Lieder anstimmen. Mit hoher Krächzstimme, denn tief sind wir selber. Dieses akustische Trio aus Texas beherrschte die Kunst des räudigen Lamento wie sonst keine Band in diesem Jahr. Sie kotzen ihre Songs mehr als dass sie singen, nur um sich dann auch noch über die überall pickende Kotze zu beschweren. Speiben als Überlebensstrategie. Noch nie war es so wertvoll wie heute. Wir haben St. Christophers Day, unser Lieblingsstück des Albums, unserem Freund Red nach Frankreich geschickt. Der war darüber hocherfreut und konnte sich gar nicht genug wundern, dass in Texas ein musikalisches Double von ihm herumläuft.

 
 
14 - Kotai: dito (WMFRec.)
  Sucker DJ - das ist das programmatische Stück für euch, Electroclasher dieser Welt. Techno - bös, dumpf, minimal und tief, knietief im Dispo. Die Bassline in der Frischhaltebox aus dem Jahre Schnee brettert dahin, als ob sie eine Prise EBM injiziert bekommen hätte. Und dann lernen die Beats auch noch singen - ausgerechnet 2002. Klaus Kotai, der zusammen mit DJ Mo und dem Künstler Daniel Pflumm das Berliner Kollektiv Elektro Music Department bildet, lehrt dem Blues das Schwitzen. Man merkt, dass dieser Mann in seiner Jugend etwas ganz anderes gehört hat. Zum Beispiel den verschwitzen Großstadtblues der schwedischen Rocker Leather Nun. Hört zum Beispiel "Guardian Angel", die obligate Ballade auf diesem, äh, Rockalbum.

 
 
13 - Tujiko Noriko: Make Me Hard (Mego)
  Wer Verspieltheit zu dieser Musik sagt, vergisst, dass jedes gute Spiel mit heiligem Ernst gespielt wird. Vordergründig klingt vieles auf Tujikos zweiter Mego-CD lieblich und herzig. Nach japanischer Bonsai-Kultur halt. Wer aber das Album wachsen lässt, indem er es öfter hört, der erkennt, dass hier eine Form von Pop vorgeführt wird, die alle Unschuld verloren hat und nur noch so tut, als ob. Bert Brecht hätte ob dieses schönen Verfremdungseffekts wahrscheinlich einen Steifen gekriegt. Wir freuen uns, dass hier Schöngesang und Rumpeldipumpel-Elektronik so nahtlos ineinander übergreifen, als wäre diese Liaison schon immer das Selbstverständlichste der Welt gewesen. Wahrscheinlich das meistunterschätzte kleine Meisterwerk des Jahres.

 
 
12 - Queens of The Stone Age: Songs For The Deaf (Interscope Rec.)
  Die Wüste lebt und bebt weiter. Fast egal, in welche Jahrescharts man sieht, die Stonerrock-Supergroup hatte auch 2002 mit ihrem Nachfolgalbum zum hochgelobten und mit Krachern wie "Feel good Hit of the Summer" gespickten Album "Rated R" überall die Nase vorn. Zu Recht, denn die mit einnehmender Selbstironie betitelten Lieder für die Tauben schafften so etwas wie die Quadratur des Kreises: die Vermählung von metallischer Schwere mit fast schon psychadelischer Abgehobenheit. Dröhnung und Entrücktheit. Der Staub aus der Steinzeit, er liegt zentnerschwer in der kalifornischen Wüste. Und manchmal fliegt er auch wie in "Sky Is Fallin'" davon. Bis zum Himmel und wieder zurück.

 
 
11 - Attwenger: Sun (Trikont/Indigo)
  Einst kreuzte man die Quetschn mit dem Geist des Punk und die Idee Attwenger war geboren. Die Idee wuchs weiter, nährte sich aber von Anfang an nicht nur vom Grundstoff der oberösterreichischen Gstanzln, sondern vor allem auch von den Errungenschaften der Groove- und Beatfabrikanten im Spannungsfeld von Differenz und Wiederholung. Stichworte Hiphop und Techno, modifiziert zu Attwenger-Mantras. Spätestens mit ihrem 5. Album "Sun" wird deutlich, wie wenig die Herren Falkner/Binder mit dem Projekt einer ihnen häufig unterstellten Modernisierung lokal verortbarer, wertkonservativer Volksmusik zu tun haben. "Sun" ist der vielleicht bislang offenste Tonträger von Attwenger, und das äußert sich auch in den verschiedenen Kooperationen. Es attwengern der britische Neutöner Fred Frith, das serbische Blasmusik-Orchester des Boban Markovic und die Münchner Elektroniker Couch. Es wächst zusammen, was zusammengehört.

 
 
10 - Murcof: Martes (staticdiscos)
  Spaghetti-Western aus der Dose. Der Mexikaner Murcof, eines der Aushängeschilder der mittlerweile sich musikalisch ausdifferenzierenden Electronica-Szene rund um das Nortec-Collective in Tijuana, avancierte mit seiner Vision eines durch click & cuts zerstäubten orchestralen Pathos zu einer der Entdeckungen des diesjährigen Sonar-Festivals in Barcelona. Murcof - eine der herausragenden Gegenstimmen zur 2002 überhand nehmenden Orientierungslosigkeit im Bereich der Elektronik-Frickler, die sich weit, sehr weit aus dem Fenster herauslehnt. Kammermusik für Computer mit Herz.

 
 
9 - Suicide: American Supreme (Blast First/Mute)
  Hätten diese beiden Giganten des Electro-Croonens auf ihr neues Album auch einen ihrer früher so typischen sentimentalen Heuler draufgepackt, dann wären sie mit Sicherheit noch weiter vorn gelandet. So aber scheint für Alan Vega die Zeit der einlullenden Ballade vorerst einmal vorbei und die Zeit der Anklage gekommen. Amerika, stellvertretend für sämtliche Negativa der westlichen Wertegemeinschaft, steht am Pranger. Der Ankläger keucht seine Anschuldigungen über Electro-, House- und auch HipHop-Beats. Schmierige Klangschlieren machen die Verhandlung zu einer ziemlich ungemütlichen Angelegenheit. Schön im alten Suicide-Sinn ist das nicht, aber wichtig. Und wie immer bei diesem Duo: monoman. Und Besessenheit wird in einer Sendung wie dieser immer belohnt.

 
 
8 - Bohren & Der Club Of Gore: Black Earth (wonder)
  Ein süßer Albtraum von einer CD. Träge und doch unendlich geschmeidig die Musik. Wären wir im House Of Pain, dann würden wir sagen: Das ist die Barmusik für The Day After. Im Sumpf sagen wir es bildungsbürgerlich: das ist abstrakter Expressionismus auf Eis. Ein Feuer als Sparflamme getarnt, eine Erregung als Erstarrung verkauft. Das Konzert von Bohren & der Club Of Gore im völlig finsteren B72 kam einen Geschlechtsakt ohne Bewegung gleich, das Glied verharrt reglos, aber gespannt in der Scheide ... die Ruhe vor dem Sturm lässt die Lust nur umso gewaltiger anwachsen. Geil, todesgeil ...

 
 
7 - Wire: Read And Burn 1 und 2 (pinkflag)
  Martin Blumenau hat im Netz und auf Sendung alles gesagt, was zu dieser unpeinlichsten Reunion der Popmusik zu sagen ist. Konzert des Jahres - wir schließen uns an. Alte Männer zeigen, wie man Härte und Genauigkeit, Kontinuität und Intensität, Stilbewusstsein und Lärm ohne Kompromisse unter einen Hut kriegt. Alte Männer, durch sämtliche Stahlbäder der Elektronik gegangen, zeigen, dass man aus Gitarren noch immer keine Pflugscharen machen muss, wenn man sie richtig zu gebrauchen weiß. Und alte Männer zeigen, dass Rockmusik zur Zeit eben doch keine Frage des Alters sein muss, sondern eine von Haltung und Würde ist. Sowas tröstet ältere und alte Männer wie uns.

 
 
6 - Akufen: My Way (Force Inc./EFA)
  Der Kanadier Marc Leclair aka Akufen klemmt sich gern ans Radio. Altmodischerweise. In den Linernotes zu seinem Album beschreibt er seine Idee, das Dauerrauschen des Radios, der ständigen Versendung und Inflationierung der Klänge, Einhalt zu gebieten:
"Mein Studio ist inzwischen ein Friedhof für diese toten Frequenzen geworden", sagt der Microsampler aus Montreal. Das Verblüffende an diesen radikalisierten Auffassung von Sampling als Enthierachisierungsmaschine ist aber, dass das gesamte Album trotzdem Soul hat. Marc Leclair, ein kanadischer Heraklit: Die Welt ist im Fluss, ein ständiges Werden. "Hoffentlich werden andere Leute meine Collagen wieder neu samplen", sagt Akufen, "denn das ist es, worum es im Leben geht. Nichts auf der Welt wird zerstört oder neu erschaffen. Jede Ingredienz in der Luft wartet darauf, entdeckt zu werden, um danach verändert zu werden."

 
 
5 - Johnny Cash: American IV - The Man Comes Around (American/Universal)
  Reden wir nicht von der Krankheit dieses großen Künstlers, man hört sie eh in jedem Ton seines Gesangs. Reden wir allein von der Alchemie, aus Scheiße Gold zu machen. Wer Simon & Garfunkel, Eagles und sogar Sting-Songs so interpretieren kann, dass sie zu einer ungeahnten Größe anwachsen, der hat die höchste Weisheit der Interpretation erreicht. Zu diesem Mann gibt es nicht mehr zu sagen. Vor Johnny Cash können wir nur knien.

 
 
4 - Dälek: From Filthy Tongue Of Gods And Griots (Ipecac)
  Das New Yorker Trio mit dem seltsamen Namen sorgte mit seinem zweiten Album auf dem einschlägigen Ipecac-Label Mike Pattons für heftige, aber dennoch gut dosierte Noise-Infusionen, die der an übertriebener Hygiene leidende Patient HipHop momentan ziemlich gut gebrauchen kann. Dälek brachten mit ihrer Scheiß-mir-nix-Plunderphonik-Ästhetik den Dreck und den Wahnwitz zurück auf die Turntables. Transgressiv und mächtig in jeder Hinsicht.

 
 
3 - Bright Eyes: Lifted Or The Story Is In The Soil, Keep Your Ear To The Ground (Wichita)
  Gewaltiger Titel, gewaltige Platte. Da liefert einer mit 20 bereits sein Opus Magnum ab, das sich andere für die große Abgangsarie aufheben würden. Was soll von Conor Oberst aus Omaha/Nebraska da noch kommen? In "Lifted..." steckt all das, was bestes Singer-Songwritertum ausmacht, aber nur ganz selten sich in einer Person vereinigt: Wut und Verzweiflung, Liebe und Wehmut, Melodien zum Saufüttern und eine Stimme, die die Gefühlsklaviatur beherrscht wie sonst nur die alten Meister. Aber hier singt eh schon selbst ein Meister. Ein sogenanntes Talent war dieser Bursch wahrscheinlich nur bis 12. Das Konzert im Flex war ein wenig brav, das Album aber ist ein großer Wurf. Und wer sonst noch haut sich heute mit über 30 befreundeten Musikerinnen und Musikern auf ein Packl, um etwas Größeres als man selber ist, auf die Beine zu stellen? Eben.

 
 
2 - Themselves: The No Music. (Southern Records)
  Ein Virus geht um in der Bay Area an der amerikanischen Westküste. Er hört auf den Namen Anticon. Anticon wie Antikonformität. Dahinter verbirgt sich ein loser Haufen von Slackern (sagt man das heute noch?), die neben diversen HipHop-Jams Aufstieg und Fall der dot.com-Netzwerke miterlebt hatten. Ende der 90-er begann man, verbeulte Beats, brüchige Soundcollagen and mäandernden Singsang zusammenzubasteln. cLOUDDEAD war nur eins der zahlreichen Projekte, das aus dem ständig gebärfreudigen Anticon- Schoß kroch. 2002 sah dann die Formierung von Themselves, bestehend aus Doseone und Jel, einem Mitglied von eben cLOUDDEAD. Das Resultat: ein faszinierender Hindernis-Parcour durch disparate, fast schon surreal anmutende Soundwelten. Immer nahe am Absturz, am Ausrinnen, bevor dann wieder erhebende Momente von teilweise entrückter Schönheit auftauchen.

 
 
1 - Fog: dito (Ninja Tune)
  Ein Delirium aus sounds and visions, words and collisions. Nennt es Folk-Hop oder Post-Beatnik-Irgendwas - es ist egal. Es zählt allein diese unglaublich homogene Verschmelzung bislang als gegensätzlich gedachter Stile und Genres. Es zählt, wie bei Anticon, der Community-Faktor und das Beharren auf eine eigenständige Farbgebung im breiten Spektrum Pop. "Pneumonia", der Quasi-Hit des Albums, rotierte eine zeitlang nicht nur im Sumpf, sondern wurde auch gern in der FM4-Prime-Time rauf und runter gespielt. Der gleichzeitig etwas sperrigere und doch auch catchy Rest des Albums befreit Fog jedoch von jedem One-Hit-Wonder-Vorwurf. Ein großer Entwurf wurde hier geboten, die Leute von Ninja Tune haben das erkannt, wir haben es erkannt. Wer noch?

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