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  Österreich | 26.7.2003 | 14:02   

 
 
Interview mit Florian Klenk
  Veronika Weidinger hat den Falter-Journalisten getroffen und mit ihm über den Tod von Cheibani W. gesprochen. Florian Klenk hat durch die Auffindung des Videos den Fall erst ins Rollen gebracht hat.

VW: Du bist Jurist und vor allem Journalist bei der Wiener Stadtzeitung "Falter", und du bist bekannt für deine investigativen Kompetenzen. Du recherchierst schon manchmal in Fällen nach, die sonst vielleicht medial untergehen würden. Im letzten und aktuellen Fall geht es um den ominösen Tod im Afrikadorf in Wien von letzter Woche. Da hast du ein Video bekommen, oder bist an ein Video rangekommen, das diesen Fall noch einmal ziemlich in die Öffentlichkeit gebracht und jetzt auch einige Fragen aufgeworfen hat. Wie bist du da vorgegangen?

FK: Ich hab letzte Woche von dem Tod erfahren. Es gab in diesem Afrikadorf große Meinungsverschiedenheiten darüber, was denn nun wirklich passiert sei. Viele wollen etwas gesehen oder gehört haben. Aber nur wenige waren wirklich am Ort des Geschehens. Da hab ich mir gedacht, wenn da zu Mitternacht am Heumarkt acht Polizeiautos gestanden sind, dann ist es doch am besten, man geht in die Häuser am Heumarkt. Da muss ja jemand was gesehen haben. Deshalb bin ich - sehr klassisch, wie man das halt so lernt - von Haustür zu Haustür gegangen, hab dort angeleutet, gesagt "Grüß Gott, mein Name ist Florian Klenk vom Falter, haben sie irgendwas gesehen?", und hatte eben das Glück, dass nicht nur die Pressesprecherin des Innenministers dort wohnt (sie hat leider nichts gesehen), sondern, dass auch ein Anrainer ein Video gedreht hat. Wir haben uns das gemeinsam angeschaut, und ich war dann eigentlich sehr schockiert von dem, was ich auf dem Band gesehen hab.
 
 
 
  Da lag ein Mann am Boden. Und man sah, dass mehrere Einsatzkräfte, Sanitäter, Polizisten auf diesem Mann stehen. Teilweise mit beiden Beinen, man sieht das ganz eindeutig. Man sieht auch einen Arzt, der die Hände in den Hosentaschen hat, und - irgendwie hat es so den Anschein - gelangweilt um diese Szene herumsteht. Man sieht vor allem einen Afrikaner am Boden liegen, der sich überhaupt nicht mehr bewegt. Das geht minutenlang so, und man fragt sich, warum tut niemand ? Die Frage ist im Nachhinein, wo man weiß, dass der Mann gestorben ist, umso berechtigter. Man sieht auch auf dem Band, wie der Afrikaner von der Bare fällt, wie er wieder hochgehoben wird an den Fußketten, also man sieht, dass dieser Mensch sehr grob behandelt wird.
Dieses Videoband hat die Version, die die Rettung und die Polizei davor erzählt hatten, dass dieser Mann nämlich bis zum Schluss getobt hätte, dass er sozusagen nur mit aller Gewalt in den Rettungswagen gebracht werden konnte, massiv infrage gestellt.


 Der noch ungeklärte Tod des 33-jährigen Cheibani W. war letzten Freitag Anlass für eine Demonstration in Wien.
 
 
  VW: Hat dich dieses Videomaterial erschreckt? Also du bist jetzt ja kein "Laie", der noch nie mit solchen Vorfällen konfrontiert war.

FK: Ich hab mir das Band sehr sehr oft angeschaut, und auf den ersten Blick denkt man, ja, da liegt jemand auf dem Boden und nichts geschieht. Doch je öfter man sich das Band ansieht, desto mehr, desto genauer sieht man eigentlich, wie schrecklich untätig alle waren. Das ist das, und ich hab das dann auch geschrieben, was auch ein bisschen an den Fall Omofuma erinnert, dass hier ein Mensch sozusagen vor den Augen von Beamten, von Sanitätern, von Rettungsleuten stirbt. Und keiner bemerkt es. Ich würd diesen Fall gerne ein bisschen weg kriegen von der Rassismus-Debatte hin zu einer Debatte über Zivil-Courage? Wieviel Courage muss ein Mensch haben, wenn er so etwas sieht? Wieviel Mut muss man aufbringen, um zu sagen: "He Moment, der ist psychisch krank. Wir können ihn doch nicht wie ein Tier fesseln."

 
 
  VW: Ich habe - so Ende letzter Woche - ein bisschen den Eindruck gehabt, dass dieser Fall wahrscheinlich irgendwie in Vergessenheit geraten wird. Da sind dann plötzlich Meldungen aufgetaucht, der Tote wäre drogensüchtig gewesen, gleichzeitig hieß es das an dem Tag, dass es wahrscheinlich Wochen dauern würde bis zur Veröffentlichung des Obduktionsberichtes. Glaubst du wäre ohne dieses Video und ohne deine Arbeit, die Geschichte das Thema, das es heute ist?

FK: Ein Video hat immer den Vorteil, dass die Leute Bilder sehen. Und dass die Medien Bilder haben, und man sich nicht alleine auf Aussagen von Leuten verlassen braucht. In diesem Fall haben wir ein Video. Und man sieht auf dem Video diese vielen Leute auf einem regungslosen Menschen stehen.

 
 
 
  VW: Jetzt hast du ja das Video bekommen. Das ist dann zum Beispiel an die "Thema"-Redaktion und zum ORF gelangt und stellt jetzt diesen Fall ganz anders dar. Wie ist das weitergegangen? Wie war dieser Weg vom Video?

FK: Die Person, die das Video gemacht hat, hat mich gebeten, dafür zu sorgen, dass dieses von seriösen Journalisten analysiert wird, dass recherchiert wird, was hinter diesem Video steckt. Und die Person hat eigentlich kein Interesse daran, dass das irgendwo exklusiv für ein paar Sekunden auftauchen soll. Es sollte ein Journalist übernehmen und die Hintergründe dieses Videos recherchieren. Das hab ich im Falter getan. Und wir haben dann Bilder aus dem Video für alle Zeitungen zur Verfügung gestellt. Das war auch ein Wunsch der Person, die das Video gemacht hat. Alle Filmrechte und alle finanziellen Vorteile, die aus diesem Video gezogen werden, werden übrigens dem Verein ZARA gespendet, der unter anderem die Rückführung des toten Mannes in seine Heimat unterstützen wird.

VW: ZARA ist ja auch der Verein, der den Rassismusreport alljährlich veröffentlicht, und auch auf rassistische Übergriffe, die seitens der Exekutive passieren hinweist.
Es hat bereits letzte Woche ein Schweigemarsch statt gefunden, bei es auch darum gegangen ist, gegen institutionellen Rassismus zu demonstrieren. Auch an den Fall Omofuma wurde erinnert, aber es war noch nicht sehr klar, was im Afrikadorf tatsächlich vor sich gegangen ist. Du hast Erfahrung mit dem Thema "Rassismus und Exekutive". Wie schätzt du diese Vorwürfe ein? Ist das gerechtfertigt?
 
 
 
  FK: Wir müssen erst einmal definieren, was wir unter Rassismus verstehen. In Amerika gab's vor Jahren den Fall Rodney King. Da gab es dieses Video, auf dem Polizisten auf einen Afrikaner eingedroschen haben. Aus purem Rassismus. Oder verstehen wir unter Rassismus, ich weiß nicht, den Ku-Kux-Klan und die brennenden Kreuze? Und diese Form von Rassismus gibt's, glaub ich, bei der Wiener Polizei nicht. Der Rassismus in Wien und in Österreich, aber vor allem in Wien, ist ein viel gemütlicherer. Und der versteckt sich in Kleinigkeiten, die man zuerst gar nicht als rassistisch erkennt. Es beginnt schon damit, dass man in den Akten der Polizei bei Afrikanern immer darauf hinweist, dass es sich um "Farbige Straftäter" handelt. Es ist noch gar nicht solang her, da war das noch "der Neger". Dann kommt hinzu, dass man in Wien im öffentlichen Raum immer mehr Drogendealer aus Afrika sieht. Das führt dazu, dass die Polizei immer mehr Ressentiments entwickelt und aufhört zu differenzieren. Sie nimmt Afrikaner nur noch als Kriminelle war. Die "normalen" Afrikaner, die in der UNO-City arbeiten, studieren, Mediziner sind, bei der Müllabfuhr arbeiten, die kriegt ja die Polizei nicht so oft zu Gesicht.

 
 
  VW: Wobei es da ja oft schon Verwechslungen gegeben hat.

FK: Natürlich! Es gibt ständig Verwechslungen! Und ständig müssen Leute, die überhaupt nichts mit Drogendealern zu tun haben, von Polizisten mies behandeln lassen. Diese Polizisten haben zuwenig Supervision, die ermitteln, wie man das in der Polizeisprache nennt, andauernd, "am Gift", machen also zwanzig, fünfundzwanzig Jahre nichts anderes als Drogendealer zu jagen. Irgendwann knallen die durch. Sie gelten als Weicheier, wenn sie zu einem Psychologen gehen. Und das trifft sozusagen die Masse der Afrikaner, die in Wien ganz normal lebt. Die Polizei gehört viel besser geschult.
Wir sollten den Beamten nicht immer die große Rassismuskeule überzuziehen. Vielleicht sollte man ihnen mehr Professionalität anbieten, mehr Betreuung, mehr Ausbildung anbieten. Vielleicht brauchen sie aber auch, wenn es wirklich schlimmer Übergriffe gibt, strengere Strafen.'

 
 
  VW: Interne Kritik schwingt ja auch mit, dass etwas verbessert werden muss. Der Fall Omofuma ist jetzt aber schon vier Jahre her. Heißt das, man hat nicht wirklich viel gelernt bei der Exekutive?

FK: Naja, ich würd sagen, man ist bei der Exekutive ein bisschen sensibler geworden was die Abschiebungen betrifft. Das ist sicher nicht mehr so brutal, wie das damals war. Aber wirklich gelernt, im Sinne, dass man sich fragt, wie man mit jemanden umgehen soll, der randaliert und schreit? Erkenn ich den an als - und da sind wir wieder beim Rassismus - als ein wildes Tier, eine wilde Bestie, einen Wilden, der da aus Afrika kommt und bei uns tobt, und unsere Kinder frisst, und mit Drogen und vergiftet? Oder sag ich, das ist ein 33jähriger junger Bursch, der Herr Cheibani W., der war ein Krankenpfleger, hat sich aufopfernd um Leute gekümmert, war Billeteur, Physiker, hat studiert. Das ist ein Mensch, der offensichtlich ein psychisches Problem hatte an diesem Abend. Den muss ich ganz anders anpacken. Und dieses Bewusstsein ist in der Polizei ganz einfach nicht vorhanden. Es gibt Polizisten, die versuchen, Seminare durchzubringen und Beamte zu trainieren. Aber dafür ist das Geld sozusagen nicht da.




 
 
  VW: Wie schätzt du jetzt ein, wird es in diesem Fall weiter gehen?

FK: Es wird so sein, dass die Polizei ermittelt, dass Polizisten Polizisten gegenübersitzen. Man wird hören, dass das ganz harte, schonungslose Ermittlungen sind. De Facto sind aber Polizisten weisungsgebunden und letztlich unterstehen sie dem Innenminister, der wiederum die politische Verantwortung trägt. Wir werden irgendwann ein medizinisches Gutachten bekommen, dass besagen wird, dass der Mann - wahrscheinlich schon drei Stunden bevor das alles passiert ist - einen Herzinfarkt gehabt hat, und dass das niemand wissen konnte. Und dass er leider ein ganz ganz schwaches Herz hatte, und auch das konnte niemand wissen. Die Polizisten werden sagen, die da oben haben uns nicht geholfen und wir sind nur kleine Beamte, nur kleine Räder und der Minister hätte was tun sollen. Und der Untersuchungsrichter wird sagen, naja, im Zweifel haben sie recht, also stellen wir die ganze Sache ein. Und die Sache wird vergessen sein für immer. So wird's ausschaun. Wette ich.
 
 
 
Bilder von der Demonstration am 25.7
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
audio
 
title: Demo Nachbericht
length: 2:19
MP3 (1.67MB) | WMA
   
 
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