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  Österreich | 18.9.2003 | 19:13   

 
 
Als humanitäre Helferin im Irak
  Die Burgenländerin Martina Schloffer war viereinhalb Monate als humanitäre Helferin für das Rote Kreuz im Irak tätig. Nach dem Anschlag auf das UN-Hauptquartier ist der Großteil der Helfer des Roten Keuzes vom Kriegsgebiet abgezogen worden. Im FM4 Studio erzählt Martina Schloffer von ihren berührenden Erlebnissen.
 
 
 
Mit welchen Gefühlen kommt man von so einem schwierigen Einsatz zurück? Ist man da erleichtert, dass man in Sicherheit ist, oder ist es Wut, dass man auch als Helfer Ziel von Gewalt geworden ist?
  Ich glaub, es ist alles gemeinsam: Zum einen ist man natürlich erleichtert und auch froh über eine gewisse Pause, wenn man soviel gearbeitet hat, in den letzten Monaten. Zum andern ist es sehr schwer weg zu gehen und zu wissen, dass die Leute, denen man geholfen hat und mit denen man gearbeitet hat, dort bleiben müssen. Man kann auch sehr viele Arbeiten, die man begonnen hat, und viele Pläne, die man gehabt hat, um zu helfen, einfach nicht weiter führen.

 Martina Schloffer
 
 
Wieviel hast du denn dort von der alltäglichen Gewalt mitbekommen?
  Man hat im Lauf der Zeit immer mehr mitbekommen. Es sind immer mehr Anschläge geworden gegen die Coalition forces und man hat es immer mehr gespürt und gehört. Am Anfang waren es besonders die vielen Schießereien in der Nacht, und dann gab's auch tagsüber vermehrt Explosionen, Schießereien, Hubschrauberflüge - man spürt es schon.
 
 
 
Hat man da auch Angst? Gibt es Momente, in denen man denkt, 'ich möchte nichts wie weg'?
  Man ist zu sehr beschäftigt mit der Arbeit und ich glaube, man verdrängt diese Gedanken einfach.
 
 
 
 
 
Die Sicherheit im Alltag ist sehr schwierig. Geht man da mit Bodyguards auf die Straße?
  Nein, man geht nicht mit einem Bodyguard durch die Straßen und ich glaube, das würde auch gar nichts helfen. Man bewegt sich einfach vorsichtiger durch die Straßen, man versucht Abstand zu halten von Fahrzeugen, die Ziele sein könnten, z.B. Panzer der Amerikaner, und versucht, einfach nicht in der Nähe zu sein, um nicht zufällig in eine Schießerei zu geraten. Man ist dann nach einer gewissen Zeit sehr eingeschränkt in der Bewegungsfreiheit, das stimmt schon.

 
 
Wie wird man als westliche Person von der lokalen Bevölkerung wahrgenommen?
  Die Leute, mit denen man reden kann, mit denen man arbeitet und denen man hilft, die wissen sehr schnell, dass man als Rotes Kreuz nichts mit den Besatzungstruppen zu tun hat. Aber die allgemeine Bevölkerung sieht natürlich westliche Menschen als westliche Menschen und kann sehr wenig Unterschiede machen.
 
 
 
Wie wichtig ist die Tatsache, dass man als westlicher Mensch privilegiert ist? Wie geht man damit persönlich um?
  Ich glaube, so sehr privilegiert haben sie uns nicht gesehen. Wir hatten genauso Probleme mit den Generatoren und mit dem Strom jede Nacht, und wir hatten genauso Probleme mit dem Wasser. Nicht so extrem wie die Bevölkerung natürlich, aber die Sicherheitssituation gilt für uns natürlich genauso wie für die Bevölkerung. Der große Unterschied ist natürlich, dass die Bevölkerung in einer 'leeren' Zukunft lebt. Die Leute wissen nicht, was auf sie zukommt, in den kommenden Monaten, in den kommenden Jahren. Während wir wieder nach Hause dürfen, und genau wissen, was hier auf uns wartet - in Wien mit Kaffeehäusern und ruhigem Straßenverkehr.

 
 
Du warst für die Verteilung der Spendengelder zuständig. Wie hat deine konkrete Tätigkeit ausgeschaut?
  Es gibt natürlich sehr viel Bedarf im ganzen Land an einzelnen Hilfsprojekten, sowohl beim kurzfristigen als auch beim langfristigen Wiederaufbau. Meine Aufgabe war z.B. zu sehen, dass Spendengelder, die für Hilfe im Bereich Wasser gespendet wurden, auch an ein Wasserprojekt gehen, das es wirklich dringend nötig hat.
 
 
 
Man hört immer wieder, dass Spendengelder verschwinden. Wie geht man damit um?
  Ich weiß schon, dass man das immer wieder hört und man hat auch den Verdacht. Es ist nicht so. Die Spendengelder werden genau kontrolliert. Jeder Ausgabe, jedem einzelnen Cent wird nachgegangen. Da hat man interne Kontrollen, da hat man externe Rechnungsprüfer. Das heißt, mir ist es noch nie passiert, dass irgendwo ein Cent verschwunden wäre. D. h., man kann beruhigt spenden? - Absolut.
 
 
 
Es hieß immer wieder, dass es genug Lebensmittel und Medikamente gibt, aber dass es an den Strukturen mangelt, um die Dinge an bedürftige Menschen zu bringen ...
  Es mangelt an Strukturen, an Ministerien, an Verteilungsstrukturen. Einfach z.B. an den LKWs, die die Medikamente zu den Spitälern bringen sollten. Man hat immer wieder Berichte gesehen, dass die Spitäler keine Medikamente haben, während gleichzeitig in Bagdad in der zentralen staatlichen Medikamentenverteilung die Lager übergegangen sind und die Medikamente heraußen, bei 40 Grad Hitze, gelagert werden mussten, weil die Verteilungen nicht geklappt haben.

 
 
Gibt es einen Bedarf an Helfern? Was macht jemanden aus Österreich, der mithelfen will?
  Also grundsätzlich versuchen wir das mit möglichst wenig internationalen Mitarbeitern zu machen, weil das ja langfristig sein soll. Ein internationaler Mitarbeiter geht in ein Land, ist ein paar Monate dort und ist wieder weg. Es ist besser, im Land eine Struktur aufzubauen mit Leuten vor Ort. Nichtsdestotrotz braucht man immer wieder internationale Mitarbeiter. Es geht halt auch oft nicht ganz ohne, wenn ein Land im Chaos versinkt. Wenn man sich für so was melden möchte, z.B. beim Roten Kreuz, muss man mindesten 25 Jahre alt sein, fließend Englisch sprechen, man muss eine abgeschlossene Berufsausbildung haben und wir verlangen auch drei Jahre Berufspraxis, damit die Leute ein bisschen wissen, wie man arbeitet und schon Erfahrung im Arbeitsleben haben. - Und welche Berufe sind besonders gefragt? - Man braucht alles, vom Mechaniker über Juristen, Logistiker zu den Chirurgen. Den größten Bedarf gibt es an Logistikern, weil die Verantwortung, mit Spendengeldern umzugehen, sehr groß ist. Und natürlich viel medizinisches Personal.
 
 
 
Wie geht es für dich jetzt weiter?
  Ich werde jetzt einmal ein paar Tage Urlaub machen und ein bisschen an Information aufholen. Schauen, was in Österreich in der Zwischenzeit passiert ist. Ich war ja, ums dezent zu sagen, völlig weg vom Fenster: kein Internet, kein Telefon, nichts, keine Zeitungen. Und dann, in ein paar Wochen, werden wir schaun, was als nächstes kommt.
 
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