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  Österreich | 31.10.2003 | 23:04   

 
 
Bratislava bei Nacht
  von Claus Pirschner
 
 
 
  Wien-Bratislava: Eine Stunde mit dem Zug, 60 Kilometer im Auto. Für Ostösterreicher liegt die slowakische Hauptstadt und ihre halbe Million Einwohner ums Eck. In vielen Köpfen ist Bratislava aber nach wie vor weit weg - als ob der Eiserne Vorhang nie gefallen wäre. Dann grassiert noch das Vorurteil, dass dort nichts los sei. Früher war das vielleicht so, aber jetzt entwickelt sich dort eine bemerkenswerte Club- und Jugendkultur.
 
 
 
Freitag abend ...
  Am Wiener Südbahnhof treffe ich mich mit Ivan, 29, Filmemacher, Photograph und Kellner. Seit fünf Jahren lebt er in Wien. Nach dem Fall des Eisernen Vorhanges ist er in den Westen auf Entdeckungsreisen gegangen und wollte vom Osten lange nichts mehr wissen. Mittlerweile entdeckt er die Liebe zu seiner Heimatstadt Bratislava wieder. Wir machen unseren Trip nach Bratislava genau am Tag nach dem Wintereinbruch in Europa. Im feinen warmen Zug sitzend schauen wir ganz begeistert hinaus auf die weiße Märchenlandschaft auf der Strecke durchs Burgenland: schneebedeckte Felder, ab und zu Bäume und dann wieder kleine Orte.

Am Bahnhof von Bratislava holen uns DJ Tibor und seine Freundin Jana ab - beide aus Bratislava und zwei weitere exzellente Tourguides für unseren Trip. Auf dem Weg ins Hotel fahren wir zuerst durch Petrzalka, dem Stadtteil mit 100.000 Einwohnern, auf den man vom österreichischen Grenzort Kittsee blickt: zahllose graue Betonplattenbauten, ein urbaner Dschungel. Leute, die sich die Mieten in anderen Stadteilen nicht leisten können, ziehen hierher. Künstler und Jugendliche nützen leerstehende Kulturbauten für Musikevents, Performances.

 DJ Tibor
 
 
Blick auf Petrzalka vom Stadtberg
 
 
Stadtbild
  Dann fahren wir über die große "neue" Brücke über die Donau (neu, weil sie in den siebziger Jahren errichtet wurde). Auf der Brücke schießt ein 50 Meter hoher Pfeiler nach oben, an dessen Spitze ein Restaurant schwebt, das wie ein UFO aussieht. Und so wird es auch von den Stadtbewohnern genannt. Die neue Brücke verbindet Petrzalka am rechten Donauufer mit dem Stadtzentrum, der hübsch restaurierten Altstadt und dem Stadtberg mit Schloß Bratislava am rechten Donauufer. Die große Straße mit der Brücke durchbricht brutal die Altstadt.

Aber genug der Stadtbeschreibung, kommen wir zum Nightlife. Hier drei Kostproben, die Ivan und ich aufgespürt haben:
 
 
 
 
 
Location #1: Prasná Basta, Népal und Kút
  In der Altstadt in einem Hinterhof reihen sich die Lokale Prasná Basta und Kút sowie das Second Hand CD- und Vinylstore Népal nacheinander auf. Das Prasná und das Kút sind zwei gemütliche Treffs vor sowie nach dem Partying sowie überhaupt zum geselligen Plaudern geeignet. Das Kút frequentieren eher Studenten, das Prasna wird stärker von einer ein paar Jahre älteren Crowd aufgesucht. Das kleine Népal hat hellblaue Innenwände und ein bunt bemaltes Glasfenster. Das Prasná lädt mit braunem Inventar, einem Klavier, weißen Wänden und runden Gewölben.

 
 
Location #2: Ucko
  Ucko, der frühere U.Club, befindet sich in einem Luftschutzbunker am Fuße des Stadthügels unter Schloss Bratislava direkt an der Donau. DJ Tibor hat den U.Club vor zehn Jahren - gleich nach dem Ende des Kommunismus - aufgemacht. Es war damals der erste echte coole Club und: er hat sich bis heute gehalten. Der U.Club hat mit Rock begonnen, dann war es eine Zeitlang elektronische Musik und jetzt gibt Techno den Ton an.

 Ucko von außen
 
 
Eingang ins Ucko
 
 
Location Number 3: Circus Barock
  Circus Barock bietet sich als eine letzte Station im Bratislava Nightlife an: ein Party-Boot an der Donau neben der großen Brücke. Dort treffen sich wieder alle, ob Raver, HipHopper, Männer in Anzügen oder Mädls und Jungs, die einfach nur schön sein wollen.
 
 
 
 
 
  Klar, Bratislava hat noch etliche Spots, die wir in der einen Nacht nicht geschafft haben: Das Zaza Zrkadlom ("Hinter dem Spiegel") in Petrzalka, das Budda im Zentrum, das Theater Stoka mit Rockperformances oder Parties irgendwo in den Feldern außerhalb der Stadt. Und im Sommer kommt in der Altstadt mit ihren vielen Cafes und Terrassen ein mediterranes Feeling auf, die Bratislava Citizens nennen das liebevoll "Kleines Kroatien".

Bratislava ist eine zur Zeit von vielen noch unterschätzte Stadt. In den letzten zehn Jahren ist hier einiges gewachsen - sowohl für's Night- als auch für's Daylife. Das Klischee vom Billigparadies Bratislava für Touristen stimmt allerdings nur bedingt und schon gar nicht für die Slowaken selbst. Das Durchschnittseinkommen beträgt 300 Euro. Markenturnschuhe kosten trotzdem 80 Euro. Bei Clubs zahlt man im Schnitt 2,5 Euro Eintritt - viel Geld für die Youngsters. Viele Bratislavis, die ich getroffen habe, wünschen sich daher auch mehr und leistbarere Clubs.
 
 
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