fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
  Österreich | 30.4.2004 | 18:30   

 
 
Petrzalka, Betondschungel von Bratislava
  von Claus Pirschner
 
 
 
  Letzten Oktober habe ich eine Reportage über Clubs im Zentrum von Bratislava gemacht. Schon damals haben mich viele ÖsterreicherInnen, denen ich von diesem Vorhaben erzählt habe, gefragt, ob denn dort überhaupt irgendetwas was los sei. Ein eindeutiges 'Ja!' muss ich da ausrufen.

Als ich dieses Mal beschloss, Petrzalka, die graue Plattenbautensiedlung an der anderen Uferseite der Donau zu erkunden, haben mich sogar SlowakInnen gefragt, warum ich dorthin will. Da gäbe es nichts. Nur eine Schlafstadt mit viel Kriminalität.

Ivan, ein Freund, ein ursprünglicher Bratislavcan, der jetzt in Wien lebt, hat mir von einem anderen Petrzalka erzählt: einem faszinierenden Betondschungel mit bemerkenswerter Jugendkultur und Events in alten kommunistischen Kulturbauten. Man müsse nur wissen, wo das alles sei. Mir war klar, wohin mein nächster Ausflug in Bratislava gehen wird.
 
 
 
Die Donau trennt Petrzalka vom Zentrum
 
 
Slowakische Multikultur und Asian Dub Foundation
  Der Zug von Wien über Kittsee im Burgenland fährt direkt hinein nach Petrzalka: Alles alte graue Plattenbauten, aber eines fällt auf: ein blau-gelb angemaltes Hochhaus. Das sieht man schon in Kittsee.

In Petrzalka wohnen 125.000 Menschen. In den 70er Jahren haben die KommunistInnen die Plattenbauten dorthin gesetzt, das alte Petrzalka mit niedrigeren Häusern fast gänzlich niedergewalzt. Dann sind zehntausende Menschen aus der ganzen Slowakei ins wirtschaftlich prosperierende Bratislava gezogen, um dort zu arbeiten. Ihre Wohnungen haben sie in der neuen Schlafstadt Petrzalka gefunden. Eine slowakische Multikultur hat sich im Betondschungel breitgemacht. Bis heute gibt es dort Folklore-Veranstaltungen aus allen Ecken der Slowakei, organisiert von den 'ZuwanderInnen'. Nach der Wende ist der breite Mittelstand dünner geworden. Manche wurden wohlhabend, manche arm, weil sie ihre Jobs verloren haben. Kriminalität und Drogenkonsum stiegen an.

Gleichzeitig lebt dort seit Mitte der 90er Jahre eine HipHop Kultur auf, beachtliche Events finden statt, zum Beispiel der Club Za Zrkadlom [auf deutsch: Hinter dem Spiegel]. Den hat Michal Kascak jahrelang in einem alten kommunistischen Kulturgebäude organisiert. Von Rock- und Punkrock-Gigs bis zu elektronischer Musik, von lokalen Talenten bis zur Asian Dub Foundation: all das mitten in Petrzalka. Mittlerweile macht Kascak Ähnliches in der Arena, einem Theater am Donauufer.
 
 
 
 
 
DJ David zo Senca und Riso
 
 
Plattenbauten HipHop
  Irgendwo zwischen den Plattenbauten treffe ich mich mit DJ David zo Senca und einigen Petrzalka HipHoppern. David arbeitet beim privaten Radiosender Rock FM. Er hat viele HipHopper seit Mitte der 90er unterstützt, ihnen zu Auftritten und Aufnahmen verholfen. Wir stehen am Gehsteig vor einem alten zweistöckigen Kindergarten, davor ein kleiner Spielplatz. Hier, erzählt mir David, sind vor ein paar Jahren dutzende HipHopper herumgehangen, haben gekifft, haben gerappt. Abends treffen sich heutzutage hier nach wie vor welche, aber nicht mehr so viele. Riso, ein Rapper aus Petrzalka, ist mit David zu unserem Treffen mitgekommen. Anfangs, erzählt er mir, habe er viel über Petrzalka, das Streetlife und die Drogenproblematik geschrieben. Mittlerweile ist es überhaupt in, über Petrzalka zu rappen. HipHop wird ein immer stärkerer Trend in der Slowakei.
 
 
 
  Nicht weit von uns lehnt der 20-jährige Juro am Zaun. Neben ihm steht seine Frau und ihr gemeinsames einjähriges Kind Giorgio sitzt im Kinderwagen. Juro hat keine Arbeit - wie viele Jugendliche in der Slowakei. Jeder Dritte unter 24 Jahren hat keinen Job. Bei den unter 19-Jährigen ist die Rate doppelt so hoch. Juro ist gelernter Automechaniker, hat aber zumeist andere Arbeiten gemacht, etwa als Rezeptionist in einem Hotel. Auf die Frage, was er glaubt, was sich in Petrzalka durch den Beitritt zur EU verändern würde, reagiert er eher pessimistisch. Vielleicht, vielleicht würden die Löhne steigen. Vor allem aber sieht er, dass es in Petrzalka abwärts geht. Müll und gebrauchte Spritzen lägen herum. Was könne man tun, fragt er. Riso nimmt mich mit in eine Garage. Tesso, ein anderer Rapper, ist mit von der Partie. Auf der einen Straßenseite türmen sich wieder die Hochhäuser, auf der anderen stehen Garagen, die meisten sind knallig blau, gelb oder rot angemalt. Als Riso das Garagentor öffnet, tut sich vor mir ein kleines Paradies auf. Die Garage ist ausgekleidet mit Eierkartons und dicken orangen Decken. Ein Schlagzeug, ein Mischpult, ein paar Boxen sind auch drin. Ein Proberaum, den die unterschiedlichsten MusikerInnen nützen. Zufällig sitzen ein Gitarrist, ein Bassist und ein Schlagzeuger in der Garage. Riso kennt sie nicht. Trotzdem lassen sie sich jetzt spontan mit den zwei HipHoppern, mit Riso und Tesso, auf eine Session ein. Ein tolles Feeling, dabei zu sein, wie sie da einfach loslegen.

 Ostalgie: Boys trinken Kofola- eine Art Cola mit Orangenlimogeschmack. Ein Getränk aus der Zeit des Kommunismus, das nach wie vor erhältlich ist.
 
 
 
 
HipHop mit Live Instrumenten in einer Garage in Bratislava
 
 
  Ich muss weg, weil ich mich noch mit einer anderen HipHop Gruppe aus Petrzalka treffe, 'A.M.O.' . Was sie sich vom Beitritt zur EU erwarten? Das wüssten sie nicht genau. Was das bringen würde? Auf alle Fälle offenere Grenzen, was für sie Zugang zu einem größeren Markt bedeute. Es ist nicht leicht in einem Land mit 5,4 Millionen Einwohnern musikalisch zu überleben. Schon gar nicht, wenn, obwohl HipHop den Techno in immer mehr Clubs ablöst, ersterer dennoch von den Radiostationen zumeist boykottiert wird. Außerdem ist es nach wie vor schwierig, Kultur in einem Land zu machen, wo die Menschen Jahrzehnte nicht gewohnt waren, für Kultur zu bezahlen.
 
 
 
  Am Abend gehe ich in den Piatok, den Freitag Club - eine neue Veranstaltung in einem alten Warenhaus, die versucht, mehr Funk, Rock, HipHop und New Jazz in Petrzalka zu etablieren. Naja, HipHop gibt's schon sehr viel, vielleicht aber doch noch zuwenig in öffentlichen Veranstaltungen. Ich treffe im Piatok auf Jana, eine 27-jährige Studentin an der Kunstakademie in Bratislava. Sie ist in Petrzalka aufgewachsen, dann aber weggezogen, weil es im Zentrum näher zur Kunstuni ist. Sie sieht Petrzalka in Gefahr, weil viele Besserverdienende zur Zeit abwandern würden, die Bausubstanz sehr schlecht sei und zusehends nur Ärmere hier zum Wohnen übrig blieben. Das Viertel ist am Herunterkommen. Zynischerweise, meint Jana, wären aber gerade die Verarmung und damit verbundene stärkere gesellschaftliche Konflikte in der Siedlung ein fruchtbarer Boden für intensive künstlerische Produktionen.
 
 
 
Nicht nur Betonbauten, auch mehrere Parks gehören zu Petrzalka
fm4 links
  Zur EU-Osterweiterung: Vier Nachbarstaaten, vier Hauptstädte.

Petrzalka, Betondschungel von Bratislava
Über HipHop, slowakische Multikultur und Verarmung in den Plattenbauten.

Nur 260 Kilometer trennen Prag von Wien
1,2 Millionen Einwohner, entsprechend viele Clubs, Hip Hop als beliebteste Musikrichtung und das Image des Paradieses für Sextouristen.

Begegnungen in Budapest
Persönliche Eindrücke aus der pulsierenden Stadt an der Donau, abseits des 'billig Salami kaufen'-Klischees.

"We are a small country"
Natürlich ist das Leben im kleinen Slowenien eher beschaulich. Aber im Verhältnis zur Größe ist dort ganz schön was los. Vor allem in Ljubljana.
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick