fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
  Österreich | 11.11.2004 | 14:30   

 
 
Wale retten
  von Mathias Zsutty
 
 
 
  Ich gehöre zu den unzähligen Menschen, die in den vergangenen 1-2 Jahren Eva Jantschitsch (aka Gustav) extrem am Nerv gegangen sind. Nämlich mit der, dem Onkel/Tantenhaften "Wann bist denn fertig mit dem Studium?" nicht unähnlichen Frage "Wann kommt denn dein Album raus?" Jedesmal, nachdem ich eines ihrer großartigen Konzerte genießen durfte, jedesmal wenn wir uns beim Fortgehen getroffen haben, nach dem Kino, im Karaokelokal,...
Das Warten und die blöde Fragerei hat jetzt ein Ende. Dieser Tage erscheint "Rettet die Wale", ein bemerkenswertes Album, ein großartiges Debüt.
 
 
 
  Acht kluge, zynisch-böse bis herzerweichend-traurige Protestsongs. Feministische, regierungs- und globalisierungskritische Tracks, die, obwohl Gustav meint, ihre Musik gehe nicht in die Beine sondern in den Kopf, doch auch voll in das Herz dazwischen treffen. "Rettet die Wale" ist vielleicht nicht der Soundtrack einer Bewegung, aber sicher eines der schlüssigsten künstlerischen Umsetzungen der großen Themen ihrer, Gustavs, Generation. Sperrige, verspielte Beats vermischen sich mit beseelten Streicherarrangements und eingängigen Melodien, darüber die unglaubliche Stimme von Eva Jantschitsch. Eine Platte, die zur Gänze in Eigenregie (vom Arrangement, Einspielen der meisten Instrumente, Songwriting sowieso, bis hin zum Cover-Artwork) entstanden ist, und wiedereinmal beweist, dass man auch mit wenig Geld Großes leisten kann. Nicht auszumalen, was erst herauskommt, wenn man Eva Jantschitsch fürs nächste Album ein großes Budget überlässt (Ideen, was sie damit anstellen würde, hat sie schon!). Aber so weit sind wir noch nicht.

Anfang November durfte ich Eva in ihrer Wohnung im 6. Wiener Gemeindebezirk, gleich um die Ecke der Mariahilferstraße besuchen; dabei sind ein Interview und die Fotos in dieser Geschichte entstanden. Dank den Kolleginnen Pia Reiser und Elisabeth Gollackner gibts hier zum Nachlesen Auszüge aus dem Gespräch.

 Cover "Rettet die Wale"
 
 
Eine Wohnung mit Geschichte. Hier haben schon die Vormieter, die großartigen "Play the Tracks Off" an ihrer Musik gewerkt
 
 
Learning by doing
  Auf dem Album sind 8 Songs. Hättest du Material für drei Alben gehabt oder war es schwer, das Album vollzubekommen?

Ich hätt' Ideen für drei Alben. Ich hätt noch ein paar Lieder in petto wo ich weiß, das sind gute Dinger,wo ich allerdings einen enormen Produktionsaufwand hätte, den ich jetzt einfach nicht regeln könnte. Weil ich dabei auch mit Externen arbeiten müsste, mit Arrangeurinnen oder Arrangeuren. Für mich war's schon auch wichtig, dass diese Gustav-Platte eine absolut eigenständige Gschicht bleibt, auch vom produktionstechnischen Aufwand her, dass ich tatsächlich nichts abgebe. Keinen der Bereiche, die gestalterisch wichtig sind. Wie eben das Artwork, oder Produktion, und Arrangieren... das wollte ich alles selber machen.

Das sind ja alles Dinge, die man erst lernen muss, oder?

Genau. Das war learning bei doing. Mit den Stücken hab ich angefangen, mich mit Audiosoftware auseinanderzusetzen, da sind die Lieder entstanden, dann ist der Wunsch gekommen, diese Lieder zu verewigen, zu archivieren, dass man das in den Schrank stellen kann. Und dann kam alles weitere. Menschen kennenlernen, die ein eigenes Studio haben, die mir ihr Wissen und ihr Equipment zur Verfügung stellen - das sind alles so Etappen, wo das letzte Jahr draufgegangen ist. Ich wär stehengeblieben. Ich hätte nicht gewusst, wie ich weiter vorgehen sollte. Du bist wirklich dann auch abhängig ab einem gewissen Punkt. Und eben das hat ein bisserl was mit socialisen zu tun, mit dem Artikulieren: hey, ich mach Musik, und will eine Platte machen, bitte HILFE! Und im Hilfe sagen bin ich nicht gut.
 
 
 
Homerecording auf ausgeliehenem Equipment. 2 Tage nach meinem Besuch bekam Eva ihren 1. eigenen Laptop
 
 
  Das hört man dann schon irgendwie, dass die Stimme sehr klar aufgenommen ist im Gegensatz zur Musik, die immer wieder sehr raunzig klingt, einen trashigen Charakter hat. Was eben daran liegt, dass ich mit Mac AV, also nicht mal mit einer Soundkarte gearbeitet hab, sondern wirklich alles ganz basic, billiges Pick Up, wo mich viele Technikerinnen und Techniker vermutlich ohrfeigen würden. Aber ein großer technischer Park hemmt auch, im diffizilen Ausprobieren - du hast es nicht mehr so unmittelbar greifbar. Wenn ich mir denk: Ich möchte eine Geige dabei haben, dann tu ich's Pick Up rauf und spiels sofort ein.
 
 
 
Rache an der Geige
  Hast du eine musikalische Kindheit gehabt?

Ja, kann man so sagen. Meine Schwestern haben alle Klavier gelernt, und meine Mutter hat mich dann gefragt: Eva, was willst denn spielen? Violine oder Geige? Ursprünglich wollt ich immer Harfe spielen, weil ich das für ein total elegantes und himmlisches Gerät gehalten hab. Aber dann ist es halt Geige geworden. Und das hat mich schwerstens belastet. Ich bin kein Mensch, der gerne übt. Klavierspielen hat mir immer totale Freude bereitet. Aber bei der Geige ist es so, dass du drei Jahre mal daran arbeiten musst, dass du einen schönen, geraden Ton rausbringst. Außer du bist ein Wunderkind oder bringst schon den Willen zur Disziplinierung mit. Den hab ich aber nie gehabt. Deshalb hab ich sehr gelitten unter diesem Instrument. Was vielleicht bei der Platte spürbar ist, dass ich mich sehr stark an dem Instrument der Geige räche. In der Art, dass ich mit Geige zwar Sachen aufnehme, das Spielen allerdings mach ich dann übern Computer.

 Die Gastgeberin
 
 
Auch Laptop-Pilotin sein
  Eigentlich kommst du ja von der Grafik, vom Visuellen, du studierst an der Angewandten.

Ja, weniger von der Grafik, eher von der Performance, Webprojekte, hab immer im Kollektiv gearbeitet, auch Videomontage, Videos.

Was war dann der Punkt, wo du gesagt hast, jetzt mach ich wieder Musik?

Das ist so schleichend gekommen, weil mit den Leuten, mit denen ich auch an anderen Projekten gearbeitet hab, hab ich dann irgendwann auch angefangen, Musik zu machen. Das Problem war eigentlich auch, dass ich die einzige war, die keinen eigenen Computer gehabt hat. Und das hat mich lange davon abgehalten, wirklich Musik zu produzieren.

Aber es war für dich klar: Ich muss am Computer arbeiten, um dorthin zu kommen.

Ja. Weil ich mich damals klarerweise immer darauf reduzieren musste, Keyboard zu spielen, oder eben zu singen, da wirst du schnell einmal von diesen elektronischen Sounds ausgeschlossen. Und da hab ich gemerkt: Das ist eigentlich scheiße. Du darfst nicht mitspielen, wirst ausgeschlossen bei einem Prozess, bei dem du total gerne aktiv dabei sein würdest. Spielst zwar mit, weil du am Keyboard spielst, aber du würdest auch gerne Laptop-Pilotin sein, die cool an den Reglern dreht. Da haben mich die Buben nicht mitspielen lassen. Und das war für mich ganz furchtbar, weil ich mir gedacht hab: Ich möchte nicht diesem stereotypen Bild "Frau in Elektronik ist gleich Sängerin", die diesen Frickelfrackel-Ding dann noch die Seele zusätzlich einhaucht, gerecht werden. Da hab ich dann tatsächlich einen ganz bewussten Schritt gesetzt und gesagt: Okay, wenn ich jetzt Musik mache, dann nur alleine, damit diese Kompetenzzuschreibungen nicht falsch passieren können.
 
 
 
 
 
Zeit der Erkenntnis und des Aufwachens
  Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem man sich fragt, worüber möcht ich eigentlich singen. Ist dir sofort klar gewesen, was das ist oder war das ein Suchen nach Themen.

Es waren die Themen, mit denen ich mich sowieso auseinandergesetzt habe. Das waren die politischen Ereignisse, die uns alle betroffen haben, so 2001 hab ich angefangen und da ist es ja total zugegangen in der Welt, es war ja Wahnsinn, historisch total spannende Phase, uns hats alle hin und hergebeutelt, da stürzt das World Trade Center ein, die Regierung, man muss demonstrieren, dann war der G8-Gipfel in Seattle, Volkstheater-Karawane in Genua, es ist soviel passiert, ich hab nicht suchen müssen, es ist alles da, alles greifbar gewesen. Da haben wir angefangen zu diskutieren und in mir ist plötzlich der Knopf aufgegangen. Es war schon eine Zeit der Erkenntnis und des Aufwachens, weil ich mich damit auseinandersetzen musste, warum gehen die da jetzt plötzich demonstrieren, da hab ich plötzlich gemerkt, dass ich mich informieren muss.
 
 
 
Diese Flagge musste brennen
  War es für dich dann leicht, es in Lyrics zu fassen?

Es ist eine lange, harte Arbeit gewesen, bis die Texte so gestanden sind, dass ich mir gedacht hab: Gut, so kann ich sie verwerten - das ist rund und geht durch. Jeder Mensch handelt ja aus Gründen, die wir teilweise nicht wissen. Es bringt ja auch kein Mensch grundlos jemanden anderen um oder macht eine Abtreibung. Es gibt so viele Gründe. Und das ist das Spannende: Dieser Versuch, verstehen zu wollen, der mich antreibt, diese Texte zu schreiben. Dass ich nicht bei der Aussage bleiben möchte: Stürzt das System!, sondern immer auch das System suche in meiner Arbeit, wo sich das Sytem einnistet. Und das ist es, was es spannend macht - dass ich versuche, diese Oberflächen aufzureiben.

Dein Cover-Artwork, das du ja auch selbst gemacht hast, zeigt ein Heimat-Idyll mit einer brennenden österreichischen Flagge. Was ist denn dein Verhältnis zu Österreich?

Ein jelinek'sches Verhältnis, wenn man das so sagen kann. Diese Flagge musste brennen, weil in den letzten Jahren die Flagge herhalten musste, egal für was, ORF-Werbung, mehr Sport ORF, mehr Kultur ORF, mehr Fun ORF, so war das, ja die groß angelegte Medienkampagne, diese ganze Konstuktion von Nationalität oder Konstruktion von einem Wir-Gefühl, der kleinste, gemeinsame Nenner, den du hast, wenn du innerhalb der österreichischen Grenzen wohnst, ist halt die Fahne, dass wir da drinnen leben und die Anderen draußen, das ist halt so ein ekelhaftes Symbol dafür, dieses Hinweisen auf dieses konstruierte "Wir" und dann war da noch das Telekom Austria-Logo, es gab so viele Fahnen plötzlich.


 
 
naiv darf das nicht sein
  Beim Song Monopol heißts "Das ist mein Zuhaus, doch bald zieh ich aus". Wo wäre das, wo du lieber sein würdest?

Im Prinzip eh genau da wo ich jetzt grad sitze. Es ist nur ein ideologischer Auzug, das macht sich ja nicht fest an Grenzen verlassen oder Staat verlassen, sondern einfach wo man sich vom Kopf her befreit, wo man einfach nimmer mitspielen mag. Es ist eher eine geistige Freiheit, die man sich zurück erobert, als die körperliche.

Du verpackst die Dinge dann doch nicht in plumpe Parolen?

Jein, ich bedien mich doch teilweise plumper.. naja, plumper... Parolen, die man einfach kennt.

Vielleicht geht in deinen Protestsongs die Naivität ab, die in den 60er-Jahre Protestsongs manchmal drinnen war. Naiv sind sie nicht.

Nein, Gott sei Dank. Das wäre ja furchtbar: Junge Frau, hat naive Stimme und singt naive Texte und macht Musik auf unmöglich naiven Instrumenten. Nein, naiv darf das nicht sein.

 
 
 
 
  Da kommen dann so Formulierungen wie "charmante Frau, bezaubernde Sängerin".

Echt? Wo ist das gestanden?

Irgendwo im Netz.

Immer, wenn du als Künstlerin auf die Bühne steigst, ist der erste Schritt immer der einer Frau auf die Bühne. Dann kommen diese Niedlichkeitsfallen, die man hat: Ich schau relativ jung aus, jünger als ich bin - viele schätzen mich auf 19 oder 21, ich bin aber 26 - und traun mir aufgrund meines Äußeren viele Dinge nicht zu. Frau, große Augen, großer Mund, singen wie die Björk natürlich (lacht)... und bis die Leute sich befreit haben von der Dominanz des Blickes, also von dem was sie sehen oder sehen wollen,... ich will gar nicht wissen, wieviele Dinge da mitschweben in manchen Blicken.
 
 
 
  Glaubst du, wäre das Album entstanden, wenn so Dinge wie die schwarz-blaue Regierung, die Anschläge vom 11. September oder eben Genua - wenn das nicht stattgefunden hätte?

Es wäre langweiliger, inhaltlich nicht so spannungsgeladen geworden. Wahrscheinlich hätte ich mich dann mehr mit mir selber auseinandersetzen müssen.

Wenn du dir vorstellst, dir dein Album in 10, 15 Jahren anzuhören... ist es ein Album für den Moment jetzt?

Ja, und deshalb würde ich sagen, dass es ein Popalbum ist. Aber ich glaube schon auch, dass manche Stücke länger gelten als die nächsten 10 Jahre. Ich glaub schon, dass so Stücke wie Genua, so Momente, die im kollektiven Gedächtnis einfach verankert sind, das sind einfach Dinge, die unsere Generation mitdefinieren, weils in unser aller Rucksack gepackt sind... obs die Generation verstehen wird? Bei zwei, drei Nummern erhoff ich's mir.
 
 
 
 
 
Gustav on air
  Heute Donnerstag hören wir uns in FM4 Connected (14.00-17.00) durch das Gustav Album "Rettet die Wale", ab 19.00 in der FM4 Homebase gibts ein ausführliches Interview, und am kommenden Sonntag besucht Eva Jantschitsch Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger im Sumpf.

 Auf Wunsch von Gustav - ein Foto des Redakteurs
fm4 links
  gustav.0rf.at

www.mosz.org
Das Label
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick