Lesestoff: Walter Moers- "Die Stadt der träumenden Bücher"
von Peter Schlager
Vor Jahren fiel mir der erste Roman von Walter Moers "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" in die Hände. "Kinderbuch...?" fragte ich mich, die etwas alberne Fernsehversion im Hinterkopf. Als die 700 Seiten mitsamt Illustrationen verschlungen waren, stellte sich heraus: Das ist Unterhaltung, die es nicht notwendig hat, sich nur an ausgewählte Altersgruppen zu richten. Abenteuerroman, JRR Tolkien auf LSD, eine Welt für sich, wasauchimmer! Jedenfalls vibriert der Buchdeckel, der die tausenden phantastischen Figuren und Geschichten kaum zurückhalten kann.
Moers ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren des vergangenen Jahrzehnts. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem kontroversen Comic "kleines Arschloch". Ihn jedoch auf einen Zeichner zu reduzieren ist unmöglich. Genauso kann man den Wahl-Hamburger auch Comic- und Drehbuchautor, Songtexter und Maler nennen. Bei der Rheinarmee und an der Flaschenkontrolle einer Brauerei hat er auch schon gearbeitet. Und seit längerem ist er - auch - Autor phantastischer Romane.
Lesen: ein Abenteuer
"In tiefen, kalten, hohlen Räumen
Wo Schatten sich mit Schatten paaren
Wo alte Bücher Träume träumen
Von Zeiten als sie Bäume waren
Wo Kohle Diamant gebiert
Man weder Licht noch Gnade kennt
Dort ist's wo jener Geist regiert
Dan man Schattenkönig nennt."
Moers setzt seinen 1999 mit "Käpt'n Blaubär" begonnen Zamonien-Epos gekonnt fort. Zamonien ist nicht nur ein längst vergessener Kontinent und Schauplatz aller Romane von Walter Moers. Zamonien ist mittlerweile ein durchdachtes Universum, in dem Details, Figuren u. Schauplätze zu einem phantastischen Ganzen verknüpft sind. Eben dort, wo Intelligenz eine übertragbare Krankheit und ein Sandsturm aus Zucker ist.
Das Vorurteil der Jugendlektüre räumt Moers in einer Warnung gleich zu Beginn aus:
"Es ist keine Geschichte für Leute mit dünner Haut und schwachen Nerven - welchen ich auch gleich empfehlen möchte, dieses Buch wieder zurück auf den Stapel zu legen und sich in die Kinderbuch-Abteilung zu verkrümeln. Husch, husch, verschwindet, ihr Kamillenteetrinker und Heulsusen, ihr Waschlappen und Schmiegehäschen, hier handelt es sich um eine Geschichte über einen Ort, an dem das Lesen noch ein echtes Abenteuer ist!"
Eine Buchheimer Schreckse
Die liebenswerten Buchlinge
Der Übersetzer
Diesmal bekommt der dichtende Lindtwurm, Hildegunst von Mythenmetz, am Sterbebett seines Dichterpaten Danzelot ein geheimnisvolles Manuskript in die Krallen. Dieses Schriftstück ist von derartiger Brillianz und Perfektion, dass er sich vor Vergnügen windet, hysterisch lacht und dann wieder zu Tode betrübt ist. Er muss den Verfasser dieses unglaublichen Textes kennen lernen und macht sich in der zamonischen Literaturmetropole Buchheim auf die Suche. Was er dort erlebt, spottet jeder Beschreibung: Musik die Visionen verursacht, skrupellose Bücherjäger und Katakomben von tödlicher, wahnsinniger Literatur sind nur einige Stationen auf seiner Reise.
Walter Moers gibt sich bescheiden und meint zu Beginn seines Romans, er habe das vorliegende Werk nur aus dem Zamonischen übersetzt u. illustriert. Nur hin und wieder meldet sich der "Übersetzer" in Form von Fußnoten zu Wort und erläutert dem Interessierten z.B den Murch:
"A.d.Ü.: Was ein Murch ist, weiß in Zamonien jeder seit Godfid Letterkerls Roman 'Zanilla und der Murch', daher ersparte sich Mythenmetz hier die Beschreibung dieses possierlichen Tieres. Ein Murch ist ein sehr seltenes, vorwiegend in sumpfigen Gegenden lebendes Geschöpf, das man am besten als Kreuzung zwischen einer Ente und einem Frosch beschreibt...."
Der Zamonische Murch
Mythenmetz kämpft sich auf seiner Reise durch die grotesken Katakomben von Buchheim, der "Stadt der träumenden Bücher", bis er endlich dem sagenumwobenen Herrscher von Schloss Schattental begegnet. Außerdem erfahren wir, wie Mythenmetz in den Besitz des "Blutigen Buches" kam und "das Orm" erwarb. Und vor allem, wer dieser Schattenkönig ist. Kurz: ein packend erzähltes Abenteuer. Und Abenteuer definiere ich ganz altmodisch nach dem Zamonischen Lexikon:
"Eine waghalsige Unternehmung aus Gründen des Forschungsdranges oder des Übermuts; mit lebensbedrohlichen Aspekten, unberechenbaren Gefahren und manchmal fatalem Ausgang."
Das Zamonische Lexikon gibt es tatsächlich, und wurde angeblich von einem siebenhirnigem Dunkelheitsforscher namens Prof. Abdul Nachtigaller verfasst.
'Die Stadt der träumenden Bücher' von Walter Moers als 464 Seiten starke gebundene Ausgabe mit zahlreichen Illustrationen des Autors im Piper Verlag erschienen.