Spricht man über den Musiker Tobias Kuhn, fällt zwangsweise auch der Bandname Miles. Er hat mit seinen Texten und seiner unverwechselbaren Stimme den deutschen Indierockern viel Erfolg beschert. Doch im Moment scheint das Bild der Gitarrenrockinstitution aus Würzburg zu bröckeln. Das Label, das letztes Jahr im Mai "Let the cold in" veröffentlichte, ging in Insolvenz und Gründungsmitglied und Gitarrist Gilbert Hartsch verließ die Band.
Doch wo manche Türen sich schließen, öffnen sich andere. Unter dem Namen Monta veröffentlich Tobias Kuhn mit "Where Circles Begin" sein Solodebüt und geht damit auch gleich auf Tour.
Nach einer EP nun das MONTA Debüt Album "Where Circles Begin".
Wo die Kreise sich öffnen
"Vor eineinhalb Jahren habe ich angefangen, die Texte für das Album zu schreiben. Diesmal wollte ich zuerst die Texte haben und die Musik danach machen, damit ich diese Dringlichkeit habe, dass wenn ich etwas sagen will und mir etwas wichtig ist, ich zuerst einen Text mache. Sonst ist es ja oft so, dass du die Lieder hast und denkst, okay jetzt brauche ich noch einen Text dazu. Das war diesmal also eine ganz andere Herangehensweise."
Vielleicht ist es genau diese 'Dringlichkeit', die einem bei den Zeilen des ersten Songs des Monta Debüts aufhorchen lässt:
the love to leave behind / the need to find the new / it's always been a burden / whatever i may do (MONTA - "Farewell Dear Ghost")
Die Suche des neuen Wegs, des neuen Sounds, alte Muster zu durchbrechen, alte Lieben loszulassen und ohne Kompromisse sein eigenes Ding durchzuziehen, all das hat "Where Circles Begin" zu einem sehr persönlichen Werk reifen lassen, das eng mit Tobias Kuhns Leben verflochten ist.
Rein statt verzerrt
Wie auch schon auf der letztes Jahr erschienen EP "Always altamond" ist die Instrumentierung recht spärlich.
Akustische Gitarren und die eindringliche Stimme von Tobias Kuhn beherrschen das Geschehen. Doch diesmal gesellen sich Klavier, Schlagzeug und stellenweise gefühlvoll arrangierte Bläsersätze zu den schematischen Songs hinzu. Ein Grundsatz ist auf alle Fälle geblieben:
"Es gab für mich eigentlich nur eine Bedingung für das Album, nämlich dass ich keine lauten Gitarren einsetze. Verzerrte Gitarren langweilen mich einerseits, und andererseits decken sie oft den Raum und die Atmosphäre eines Songs total zu und schränken ihn ein."
So blieb auch der bewehrte Drumcomputer im Schlafzimmer alleine zurück, als sich Tobias immer wieder nach Klagenfurt aufmachte, um sein Album im Studio von Herwig Zamernik (dem Bassisten von Naked Lunch) zu produzieren.
"Als ich zum Herwig nach Klagenfurt gefahren bin, hatte ich zum Teil schon Songs, allerdings waren sie noch nicht ganz fertig. Hauptsächlich existierten nur die Akkordfolgen. Es hat sich dadurch ergeben, dass ich sehr frei arrangieren und instrumentieren konnte und wir zu Anfang nicht genau wussten, wo es eigentlich hingehen soll. Das war auch eine total neue Erfahrung für mich."
Eigenartig. Vergleicht man die Songs der EP mit jenen des Albums, könnte man beim ersten Hinhören meinen, dass durch die Studioarbeit und vielfältigeren Möglichkeiten etwas von dem "ich sitze ganz alleine in meinem Wohnzimmer und singe meine Songs" Flair und der damit verbundenen Intimität verloren gegangen ist.
"Es kann schon sein, dass einem vielleicht vorkommt, dass es nicht mehr diese ganz intime, persönliche Note hat, die die EP gehabt hat. Das Album hat halt eine andere Stimmung."
Flucht und Leidenschaft
Andererseits korrigiert sich der schleichende Verdacht, Tobias Kuhn hätte nun versucht, eine opulenter produzierte Version seiner zerbrechlichen Stücke zu schaffen, nach dem zweiten Durchlauf. Songs wie "Long Live The Quiet", "This Is My Lie" oder "The Awakening" leben schon von einem versteckten Bandsound, doch werden sie im Prinzip auf die Befindlichkeiten und Stimmungen von Tobias reduziert. Ein recht schwieriger und schmaler Grad zwischen ausgefeilteren, vergrößerten Arrangements und sehr persönlichen Momentaufnahmen.
Dass "Where Circles Begin" ein durch und durch selbstreflexives Album ist, bestätigt die unterschwellig mittransportierte Grundstimmung. Die 'Kuhnsche Lebensschwingung', wenn man so will.
"Das Album hat sehr viel mit Flucht zu tun. Ich bin irgendwie so ein getriebener Mensch. Ich liebe es, Musik zu machen und ich kann auch nichts anderes. Aber ich stelle das auch immer in Frage. Besonders dann, wenn ich nichts zu tun habe. Wenn man eine Zeit des Leerlaufs hat, wird man auch immer schnell unglücklich und man denkt sich: 'Oh Gott, wo führt das alles hin?' Aber wenn's einem gut geht, man viel zu tun hat, im Studio oder auf Tour, dann ist es das Schönste was es gibt. Dass man mit diesen zwei Seiten zu Recht kommen will, das ist für mich die Grundstimmung des Albums."
When all my wishes burn to ashes / i might explode someday / names are what remain written down in flames / it's their look which makes me numb / they toss and turn / sleep and burn / if it's not too late i'd love to know where to go / This is my lie (MONTA - "This is my lie")
Mit seiner Single "I'm Sorry" rangiert Tobias Kuhn auch hoch oben in den FM4 Charts.
Das Klassentreffen
Obwohl 'Flucht' sich als Grundthema durchs Album zieht, findet sich der sympathische Würzburger Singer/Songwriter öfters in der genau gegenteiligen Situation wieder: Sich stellen zu müssen.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Miles und Monta ist und bleibt die Tatsache, dass Tobias Kuhn nun alleine ist. Im Studio standen ihm für einige Tracks sein Miles-Kumpane Ronny Rock am Schlagzeug zur Verfügung, ein befreundeter Drummer aus Klagenfurt wurde ebenfalls zu Aufnahmen gebeten und auch Trompeter Richi Klammer spielte zu einigen Tracks. Allerdings ist und bleibt Monta das alleinige Projekt von Tobias Kuhn. Kritisiert man Texte oder Stücke, gibt es nichts und niemanden mehr, hinter dem er sich verstecken könnte. Nicht, dass Tobias dies vor hätte, jedoch hatte er bisher ein Bandgefüge, wie es Miles im vergangenen Jahrzehnt war, wie einen schützenden Burgwall um sich.
Und ein weiterer Aspekt des "sich Stellens" kommt hinzu. Einer, der mit dem Alter sich eigentlich ganz von selbst in den Gitarrenkoffer einschleicht: He, was mache ich eigentlich mit meinem Leben?
"Vor einigen Wochen hatte ich Klassentreffen (beginnt zu Lachen) und dort waren dann die ganzen Leute und sagen, ja ich bin Apotheker, und ich fange jetzt als Arzt an zu arbeiten, uns so weiter. (Lacht erneut) Und dann wird natürlich auch über Geld geredet. Und dann dachte ich mir auch schon mal: 'Man, shit, puh, wo führt das in meinem Leben alles hin?' Klar haben manche gesagt: 'He, ich habe deinen Song gehört, cool!' und ähnliches. Ich bin jetzt 29 und so etwas macht man halt, wenn man jung ist. Ich bin mir sicher, dass einige meiner Klassenkollegen gedacht haben: 'Hm, was mag der wohl in zehn Jahren machen?' Und diese Frage stellt man sich dann hat manchmal auch."
So hat man Tobias Kuhn aka Monta auch bei der FM4 Tour in Vorarlberg sehen können. Auf seiner jetzigen Tour, die ihn auch ins Wiener Chelsea führt, hat er sich neben seinen Gitarren eine Live-Band zur Unterstützung geholt.
Wo die Kreise sich schließen
Zur Zeit sieht es ganz danach aus, dass Tobias Kuhn zumindest weiß, was die nächsten paar Jahre bringen: Viele Konzerte und vielleicht das eine oder andere Album, das in jedem Fall mit "M" beginnen wird.
Doch vorerst wird "Where Circles Begin" live präsentiert und nicht - wie im Vorprogramm von Slut - nur mit Gitarre und Stimme, denn für seine Tour hat sich Tobias Kuhn eine Liveband zusammengesucht.
"Es war mir wichtig, es mal zu probieren, denn ich hatte auch selber Lust darauf, die Songs mal im Bandformat zu spielen. Ich spiele zwar auch gerne oft alleine, aber ich kenne das auch - wie es vielleicht manche Zuhörer auch verspüren, - dass man manchmal zu wenig Konzentrationsspanne hat, um sich eine Stunde hinzusetzen und nur jemanden an der Gitarre zuzuhören. Das ist manchmal glaube ich schon schwierig."
Man darf sich also auf einen spannenden und gefühlvollen Monta Abend einstellen, wenn die neuen Songs in Wien präsentiert werden.
Tipp
MONTA zum Hören: Tobias Kuhn aka MONTA und sein neues Album "Where Circles begin" am Montag 29.11. in der FM4 Homebase (ab 19:00 Uhr)
MONTA zum Sehen: Live mit Band am Dienstag 30.11. im Wiener Chelsea