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  Österreich | 14.1.2005 | 07:00   

 
 
FM4 Hausbesuch von Mathias Zsutty #5/10
  Dirk von Lowtzow: Gitarrist und Sänger von Tocotronic

Ort: Dirks Wohnzimmer in Berlin
Zeit: 16. Dezember 2004

"Ich habe in meinem ganzen Leben überhaupt nur zwei Trainingsjacken besessen, eine Blaue und eine Beige. Diese ganze Trainingsjackengeschichte wurde völlig überbewertet, das hat man halt damals in Hamburg so getragen."
 
 
 
Dirk von Lowtzow
 
 
Die Anfänge
  Nach einem abgebrochenen Kunstgeschichtestudium in Freiburg landet Anfang der 90er der Hobbymusiker Dirk von Lowtzow in Hamburg, mit dem Ziel, Jura zu studieren. Stattdessen lernt er Jan Müller und Arne Zank kennen und gründet mit ihnen Tocotronic, deren Sänger er wird. Die Musik ist räudig, die Texte wütend-präzise Alltagsbetrachtungen in slogantauglicher Form, und optisch machen die drei auch was her: Cordhosen, Trainingsjacken, enge Werbe T-Shirts und die typische Scheitelfrisur setzen den Indie-Look Standard der 90er.

 "Popstar-Sein in Deutschland ist eine relativ unglamouröse Angelegenheit"
 
 
  Die interessierte Jugend im deutschsprachigen Raum hat eine neue Lieblingsband, die Medien mit dem Begriff "Hamburger Schule" eine neue Schublade, in der auch Bands wie die Sterne oder Blumfeld Platz haben müssen. Rund ums Jahr 1995 nehmen Tocotronic in 12 Monaten über 40 Songs auf, der Mainstream und Teeniemedien wie die BRAVO werden aufmerksam. Eine gefährliche Zeit für die Band, an jeder Ecke Versuchungen, die Ideale zu verraten, wie Dirk rückblickend meint. Die Band umschifft diese Untiefen, die Musik ändert sich, die Texte werden weniger sloganhaft. Statt schnell zu produzieren wird jetzt für ein Album auch schon mal 1 1/2 Jahre ins Studio gegangen.
 
 
 
  Am 17. Jänner erscheint das 7. Album der Band "Pure Vernunft darf niemals siegen", das so gar nichts mehr mit den Anfängen der Band zu tun hat. Am 22. Jänner spielen Tocotronic live beim FM4 ist 10 Geburtstagsfest in der Wiener Arena. Und am Sonntag, 16. Jänner spielen sie im Gästezimmer ihre Lieblingsplatten.
 
 
 
Seit zwei Jahren lebt Dirk von Lowtzow jetzt in Berlin, auf die Band habe das keinen Einfluss gehabt, meint er "Außerdem gibts jetzt eine 90 Minuten Zugverbindung nach Hamburg"
 
 
Dirk über das Leben als Popstar
  Mathias Zsutty: Du hast in der "Zeit" einmal geschrieben: man sitzt zuhause und schreibt Texte, geht ins Studio und geht auf Tour. Und zwischendurch ist man vielleicht ein bisschen müde.

Dirk von Lowtzow: Ja. Das stimmt ja auch.

Mathias Zsutty: Aber das klingt so unglamourös.

Dirk von Lowtzow: Popstar-Sein in Deutschland ist eine relativ unglamouröse Angelegenheit. Zumal in dem Bekanntheitsgrad, in dem wir sind. Entgegen mancher Meinung werden wir nie zu großen Filmpremieren eingeladen und sind auch selten in der Gala oder der Bunten oder so zu sehen. Ich glaube, was ich damit sagen wollte, ist, dass man abseits davon, dass man diese Platten macht und tourt, was alles sehr intensiv und toll ist, eben trotzdem ein ganz normales Leben führt. Da ist man auch oft müde und schlecht gelaunt. Und oft geht es einem gut und man trifft seine Freunde...

 
 
 
 
  Mathias Zsutty: Du hast Langeweile einmal als den Motor deiner Arbeit beschrieben.

Dirk von Lowtzow: Das stimmt, ja. Weil ich mich sehr viel langweile und nur sehr schlecht mit mir selbst beschäftigen kann. Wenn ich das besser könnte, wenn ich also fähig wär, den Tag einfach so verstreichen zu lassen mit diesem und jenem, man trudelt mal hier rum und dann macht man mal das, nimmt ein Buch zur Hand, und dann eine CD und so, und schwupps ist es schon wieder vier Uhr nachmittags, dann würd ich glaub ich gar nichts machen. Weil ich eben auch so faul bin. Aber dadurch, dass ich mich wirklich schnell langweile und das auch als qualvoll empfinde, bin ich gezwungen, mich hinzusetzen und etwas zu machen. Weil ich auch nur dadurch so eine Art Glücksmoment empfinden kann. Weil ich nur so schlecht in mir selber ruhen kann.

Mathias Zsutty: Wo steht das Büchlein, in das du die schönen deutschen Wörter reinschreibst?

Dirk von Lowtzow: So eines hab ich nicht. Ich hab auch keine Skizzenbücher oder Schmierheftchen oder sowas. Ich denk mir immer, sowas sollte ich mir mal anlegen, weil das eben auch sowas wär, wo ich mir denke, so könnte man arbeiten und der Langeweile entgehen. Ich hab da so ein tolles französisches Schulheft mit "Buffy the Vampire Slayer" gesehen und gleich gekauft und gesagt, da mach ich mein Schmierheft rein. Aber ich mach nie was damit. ich kann das nicht. Entweder kommt so ein Gedanke und dann geht das ganz schnell, dann mach ich gleich - zack, zack - den ganzen Text, oder eben ... nicht.


 Kurz vor Weihnachten in Berlin, auch im Hause Lowtzow darf der obligatorische Baum und anderes Glitzerwerk nicht fehlen
 
 

Wann er sich das letzte Mal in eine Trainingsjacke gezwängt hat, warum die aktuellen deutschen Charts-Gitarrenbands allesamt in der Hamburger Schule durchgefallen wären und wie knapp Tocotronic an einem Bravo-Starschnitt vorbeigeschrammt sind, erzählt Dirk von Lowtzow ab 19.00 im FM4 Hausbesuch.

 
 Playlist FM4 Hausbesuch #5 
 
artist title
 Dinosaur Jr. Thumb
 TocotronicLetztes Jahr im Sommer
 BlumfeldSuperstarfighter
 TocotronicWir sind neu in der Hamburger Schule
 TocotronicIch möchte Teil einer Jugendbewegung sein
 TocotronicLet there be Rock
 TocotronicIch verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst
 TocotronicAber hier leben, nein danke
 TocotronicDieses Jahr
   
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  tocotronic.de
   
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