"Jeder Morgen ein Fugato. In die Verweigerung. Aufwachen. An die Wand starren. Verstummen. Verstummen als Konsequenz auf die Angst. Auf die Angst vorm Verlassenwerden. Vorm Verlassen. Vorm Verlassen noch mehr. Noch mehr jeden Morgen. Aufwachen. An die Wand. Verstummen.
Er wollte eigentlich Sportreporter werden. Jetzt reist er als Sportartikelvertreter durch die Lande und hängt seinem Traum zu kommentieren an Abenden vor der Mattscheibe nach. Sie hat ihren Traum ebenso verfehlt und strauchelt mit der 20jährigen Realität einer verstummenden Beziehung. Versucht sich in ihre Bücherwelt zu flüchten. Sie existieren nun mehr nebeneinander.
"Eine Seilschaft der beiden, miteinander, füreinander, bis dass der, bis alle Stricke reißen, aber die rissen einfach nicht und fürs Sterben ists irgendwie immer zu früh."
33 Fotos
33 Fotos ordnet der 'Erzähler', legt sein Leben vor sich aus und betrachtet die Liebesgeschichte des Ehepaars aus der Ferne. Kommentiert sein Leben in filmisch geschnittenen Szenen, hält zusammen und bricht auf, wo es ineinander zu fließen droht.
Dreiecksgeschichte
Mit subtilen Wortverschachtelungen und metaphorischen Ausbrüchen tastet sich Christoph W. Bauer in seinem Prosadebüt an die Realität des Erzählers und des Ehepaars heran. Die sprachlose Auswegslosigkeit drängt das Ehepaar immer weiter ins Abseits, der Erzähler funkt dazwischen, kommt ins Schwärmen, etwa wenn er über Island zu träumen beginnt. Sinniert über das Erzählen, greift sich Filmauschnitte heraus, wechselt Ebenen und kümmert sich keineswegs um chronologische Reihung.
Christoph W. Bauer
Drei Teile
In einer klassisch dreiteiligen Form komponiert C.W. Bauer seine Episoden rund um das Leben des Erzählers und die Liebe des Ehepaars. Eine klassische Dreiecksbeziehung, die im zweiten Teil ihren Höhepunkt erlebt. Die Erzählstränge werden verdichtet, enggeführt und laufen kontrapunktisch auseinander. Der Fluss wird nicht aufgehalten, keine Notausgänge tun sich auf und Lösungvorschläge oder Alternativen hält der Autor ebensowenig parat. Ein Strom von Gedanken und Beobachtungen, die mal abreißen, mal ohne Punkt und Komma fortgesponnen werden, faszinierend auf Grund seiner sprachlichen Prägnanz.
"Stumpf glitt mein Blick in den Morgen, die rostige Bahnsteigüberdachung entlang und über sie hinaus in die massigen Schenkel der Wolken, pralle Muskulatur, fand eine weiche Stelle, schlitzte sie auf. Himmel quoll hervor, behände zum Strang geronnen, ich knüpfte den Tag daran, fragte mich einmal mehr, was das alles eigentlich sollte, wollte weg."
Oberflächen
Schroffe Schnitte kombiniert der Autor mit dem sprachlichen Rhythmus, der - mehr als die Geschichte an sich - das Geschehen prägt. Szenen aus dem Lehreralltag des Erzählers mischen sich mit Ausflügen in Dantes Figurenkabinett. C.W. Bauers Gespür für sprachliche Nuancen, Balance zwischen Pathos, Slang und Alltagsprache zeichnen diesen Roman aus. Ein Buch, das ab der ersten Seite ein Weiterlesen fordert. Eingehüllt in Wortakrobatik läßt der Autor den/die LeserIn bis zur lezten Seite seine Skepsis spüren. Fragen ob des Funktionierens der Ehe oder des Konzept Heimats bleiben unbeantwortet. Und doch bleibt keine Frage offen.
Prosadebüt
Geboren 1968 in Kärnten, wohnhaft in Innsbruck, gewann Christoph W. Bauer mit Teilen dieses Textes den Publikumspreis des Ingeborg Bachmann Wettbewerbs 2002. Das Staatsstipendium für Literatur erhielt er 2004. Bisher hat er drei Lyrikbände herausgebracht.
Christoph W. Bauer: Aufstummen
Haymon Verlag, Innsbruck 2004