Die österreichische Musikszene verleiht sich einmal im Jahr einen Preis. Und weil es eben die österreichische Musikszene ist, nennt sich dieser Preis "Amadeus". Soweit zur Einleitung.
Die bemerkenswerte Liste der Nominierten in der Kategorie "Künstler Pop/Rock National": DJ Ötzi, Georg Danzer, Ludwig Hirsch, Rainhard Fendrich und Udo Jürgens. Im Schnitt schon etwas jünger die weiblichen Pendants, Österreichs beste Künstlerinnen Pop/Rock National 2005: Christina Stürmer, Marianne Mendt, Nina Proll, Saint Privat und Verena.
Und zwischen all dem und den Preisträgern in acht weiteren Kategorien wird es auch wieder einen echten Publikumspreis geben. Vergeben in der elften und schönsten Kategorie.
Der FM4 Alternative Act 2005
Unsere Musikredaktion hat 20 Bands und Solokünstler/-innen des FM4 Universums ausgesucht, die im letzten Jahr mit ihrem Schaffen besonders auf sich aufmerksam gemacht haben. Alte Bekannte und neue Gesichter. Insgesamt ein gewohnt buntes Häufchen, zuhause irgendwo zwischen Heartbeat und Tribe Vibes, dem House Of Pain und La Boum de Luxe. Und einer dieser 20 Acts wird der FM4 Alternative Act 2005.
Welcher das ist, dafür seid ihr jetzt zuständig. Wir stellen sie euch in dieser 2-teiligen Nominierungs-Geschichte noch einmal kurz und mit Soundproben vor, und ihr kürt dann in einem famosen Web-Voting (zu finden ganz am Ende der Geschichte) den Sieger, die Sieger oder die Siegerin. Ganz wie es euch gefällt.
A.Geh
Der MC mit dem Mörderschmäh war früher Teil der Band Illianz of Lykx, die sich dem Rappen im Wiener Dialekt verschrieben hatten. Auf seinem Solo-Debütalbum "Da Doppla" durchlief er gemeinsam mit den Hörern diverse Aggregatzustände des Wiener-Seins, von sonnenstichig-jauchzend bis weinselig-betrübt. Und das alles selbstverständlich auf voller Länge im breiten Dialekt. Er weiß eh, dass er "a Wohnsinn" ist, trotzdem: Sagen sie es ihm nochmal und wählen Sie A.Geh!
Ben Martin sprengt die Grenzen dessen, soweit das Auge reicht. Zuerst einmal ist Ben Martin, der unter seinem bürgerlichen Namen einmal Gitarrist der St. Pöltner Lokalmatadoren Starman war, nicht ganz und gar ein Solokünstler, sondern Kopf der Ben Martin Band. Aber dann ist er manchmal auch doch wieder ganz alleine unterwegs. Und Ben Martin ist entgegen der Vermutung aller, die ihn hauptsächlich über seiner Durchbruchs-Single "Television" kennen, nicht nur ruhiger Nummern auf der akustischen Gitarre fähig, er rockt auch schon mal ganz gerne aus. Und er ist nicht im Mindesten ein Anhänger einer allfälligen, verklärenden Singer-Songwriter-haften Rückwärtsgerichtetheit, sondern hat im Gegenteil ein wohl entwickeltes Sensorium für die Möglichkeiten der modernen Technik und der virtuellen Medien. So wurde er von seiner Plattenfirma Wohnzimmer Records über die Veröffentlichung von "Television" im Soundpark entdeckt, und soeben hat er seinen Fans mit "Travelling" ein komplettes mp3-Album auf seiner Homepage zugänglich gemacht. Zur Stunde arbeitet Ben Martin schon wieder am "richtigen" auf greifbaren Trägerflächen bannbaren Zweitalbum, das kommenden Herbst erscheinen soll. Über den Prozess bis dahin wird selbstverständlich Schritt für Schritt interaktiv auf der Website des Künstlers Aufschluss gegeben werden.
Warum sich auf die Erfüllung gesellschaftlich determinierter Rollenbilder beschränken, wenn man ja doch auch einfach alles machen kann? Nachdem die 26jährige Wiener Kunststudentin Eva Jantschitsch es satt bekommen hatte, im Kontext der experimentellen Kunstgruppen, in deren Reihen sie tätig war, immer nur als ästhetisches Element, aber nie als kreativer Motor angesehen zu werden, setzte sie sich das Pseudonym Gustav auf und bereicherte die Öffentlichkeit bei ihrem Unterfangen, ihrem eigenen Leben in einer Stereotypen wiederkäunden Welt Gerechtigkeit zu verschaffen, um das Album "Rettet die Wale". Darauf weitet sich das Hinterfragen der eigenen zugeschrieben Attribute aus auf die Überprüfung, was größere Menschengruppen als eine Szene, eine Nation, eine Generation tatsächlich beschreibt und verbindet, oder eben nicht. Das teilweise abgehackte Sloganeering, das den Anschein erwecken soll, die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne des Publikums zu bedienen, ist in Wirklichkeit in epische, ausschweifende Lo-Fi Epen eingebtettet, die vermeintlich in der Phrasierung an manchen Stellen zum Vorschein tretende Naivität ist nur Mosaikstein in der übergelagerten Attacke der Subversion. Die österreichische Flagge brennt, Wut macht sich ihren Platz, und der Appell, sich zu informieren und ein bewusstes Leben zu führen, verschallt nicht ungehört.
"Vorsicht!" Trends können gefährlich sein. Wenn sie allerdings in solch einem schillernden und zugleich schmutzigen Elektro-Hardcore-Gewand daherkommen, wie sie sich die Mediengruppe Telekommander umhängt, dann darf man auch mal ganz getrost unreflektiert ins bei Konzerten allgemein verbreitete Pogen und Kopfnicken einstimmen. Nicht nur, dass es die österreichisch-deutsche Freundschaft des Salzburgers Gerald Mandl und des Münchners Florian Zwietnig schaffte, auf dem legendären Elektroniklabel MUTE zu veröffentlichen, sondern auch, dass die beiden ihr ganzes (kleines) Videodreh-Budget für Flüge nach Las Vegas ausgegeben, um dort ein ebenso trashiges wie auch lustiges Stück Zelluloid zu produzieren, spricht für die digital-punkige Attitüde der zwei Herrn.
Fast 35 Jahre nach ihrer Auflösung lässt sich noch immer nicht in seiner Gesamtheit absehen, für welche noch im Entstehen begriffenen musikalischen Genres das Oeuvre der Beatles noch die Vaterschaft beanspruchen können wird. Die Heavy Metal - Bands der ersten Stunde nannten "Helter Skelter" als ihren Einfluss, "Tomorrow Never Knows" wird nachgesagt, die Saat von Breakbeat & Techno gelegt zu haben. Der Beautiful Kantine Band aus dem Burgenland aber gefallen die Beatles in ihrer embryonalen Form noch immer am besten, als sie noch unter dem Namen "The Beat Brothers" im Hamburger Star Club Rockabilly-Nummern auf Bestellung herausgeklopft haben. Überhaupt verschreibt sich die Band rund um Kapellmeister Kantine, der grauen Eminenz der pannonischen Indie-Szene, auch auf ihrem zweiten Album "Rock'n'Roll Hat Unserem Leben Einen Neuen Sinn Gegeben" wieder der musikalischen Wurzelpflege. Da wird der originalen österreichischen Rock'n'Roll-Band The Bambis gehuldigt, die in den Augen der Gruppe die Schablone hinterlassen hat für das gekonnte Balancieren auf dem unwahrscheinlichen Trennungsstrich zwischen liebestrunkenem Schlager und kaltschnäuzigem Garage-Rock. Was dabei in der Fassung der Beautiful Kantine Band herauskommt, ist, vor allem auch unter Berücksichtigung der virtuosen Handhabung ihrer Instrumente, auf der weiten Bühne heimischer Musikproduktionen zumindest nie weniger als eines: Einzigartig.
title: Amadeus Mix1 artist: A.Geh, Ben Martin, Gustav, Mediengruppe Telekommander, The Beautiful Kantine Band length: 2:27 MP3 (2.361MB) | WMA
So sehen Sieger aus: Die Gewinner des damals erstmals vergebenen FM4 Alternative Act 2001: Die Waxolutionists
Convertible
Viele hätten gerne die Wiedergeburt der legendären Rock-Formation H.P. Zinker miterlebt, die der Tiroler Hans Platzgumer 1989 in N.Y.C. gegründet hatte - vor allem jene, die die letzten Atemzüge des Indietrios mitbekommen haben, jedoch zu spät dran waren, Konzerte zu besuchen. Nach einigen Alben und einem extrem steinigen Weg war der "Amerikanische Traum" ausgeträumt und Hans begab sich wieder nach Europa, um fortan in elektronischen Gefilden zu arbeiten (auch wenn der Punk-Ausflug mit den Goldenen Zitronen das "Sex, Drugs and Rock 'n' Roll"-Feeling wieder kurz aufflackern ließ). Umso mehr machte sich Freude breit, als Ende 2003 verlautbart wurde, es gäbe wieder ein Gitarrenalbum von dem Innsbrucker Musiker. Auch wenn der Name "Convertible" auf der Veröffentlichung stand, wurde man von dem poppigen und dennoch typisch schrägen Sound sehr zufriedengestellt, der dem Wort "drive" seine im Musikkontext verstaubte und schon längst vergangene Bedeutung wieder zurück gibt.
Auf seiner Karriere-Uhr war es "Null Uhr", nach seinem Debüt und der zugehörigen Promotion-Offensive ist der Rapper aus Wien-Floridsdorf in Sachen Bekanntheitsgrad schon weiter gekommen als die meisten: Beiträge und Lobeshymnen in Medien, die HipHop aus Österreich sonst wenig Platz einräumen - dazu ein Rap-Slot zwischen der Austropop CremedelaCreme bei einem grossen Benefizprojekt. Alles Indizien dafür, dass dieser Mann noch einiges vor hat.
Zwischen den beiden einander hervorragend ergänzenden Polen Jazz und Downbeat bewegt sich Parov Stelar, seines Zeichens DJ und Produzent mit Wohnort Linz. Sein Full-Length-Debüt "Rough Cuts" liefert dabei nicht einfach öde Lounge-Beschallung, sondern kombiniert Sound-Expereminte á la Matthew Herbert mit (Achtung, Unwort:) Nu-Jazz im Stile von Yonderboi. Das Ergebnis ist letztlich mehr als die Summe der einzelnen Teile, und Vergleiche hinken wie so oft auch in diesem Fall. Nachzuhören gibt es das nicht nur auf seinem Album, sondern ebenso auf den gelungenen EPs "KissKiss", "Move On!", "Primavera" und "Wanna Get". Darüber hinaus interessant: Marcus Fuereder, wie Parov Stelar im bürgerlichen Leben heißt, ist Chef des Labels "Etage Noir". Letztlich steht Parov Stelar für Musik, die im Club genauso funktioniert wie in den eigenen vier Wänden.
Hinter dem Projekt Dela Dub steckt der in Prag geborene und schon länger in Wien lebende Musiker und Produzent Stani Vana. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Magie des Gyps Sounds in die gegenwärtige suburbane Musiklandschaft zu transformieren. Und das ganz ohne einen kulturchauvinistischen Blick von Außen. Auf dem Debüt "Cigani Ruzsa + Angelo" finden sich neben traditionellen, osteuropäischen Klängen auch Jazzanleihen, poppige Beats und die hypnotisierende Stimme von Sängerin Melinda Stoikers. Ein gelungenes Werk.
Wenig glamourös ist die Geschichte, wie sich die vier von Julia getroffen haben: Nämlich eher zufällig in einer Filiale eines gleichermaßen beliebten wie verhassten Junkfood-Konzerns. Das war im Jahr 2000, seitdem hat sich die Band um Sänger Koma eine stetig wachsende Fan-Gemeinde erspielt - verdientermaßen, bei über 200 absolvierten Live-Gigs. Nach den beiden selbst veröffentlichen Demo-EPs "Anti Depression Air Condition" und "Put to Sleep" erschien letztes Jahr der erste reguläre Tonträger von Julia: "Songs About Decay". Zwischen Grunge, Stoner Rock, Metal, Emo, Punk und Gitarrenpop bewegt man sich auch diesmal. Heraus kommt dabei aber kein undefinierbares Kuddelmuddel, sondern, äh, eben "Julia-Musik". Oder, wie es Julia augenzwinkernd selbst beschreiben: "Nirvana verprügeln Metallica und anschließend gleich noch Queens of the Stone Age." Ein bindendes Element ist dabei aber allen Stilbrüchen zum Trotz feststellbar: eine gesunde Härte, die nicht nur die Knochenbrecher dieses Landes zu überzeugen weiß.
title: Amadeus Mix 2 artist: Convertible, MA Doppel T, Parov Stelar, Dela Dap, Julia length: 2:21 MP3 (2.253MB) | WMA
Die legendäre a-Capella-Formation Bauchklang gewann 2002 gleich zwei Preise: Den Amadeus in der Kategorie 'Beste Gruppe Pop/Rock national' und den FM4 Alternative Act 2002.
Amadeus 2005: Der FM4 Alternative Act
The Nominees - Pt.1 A.Geh, Ben Martin, Gustav, Mediengruppe Telekommander, The Beautiful Kantine Band, Convertible, MA Doppel T, Parov Stelar, Dela Dap, Julia