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  Österreich | 27.3.2005 | 10:32   

 
 
Lesestoff: Hans Platzgumer - "Expedition"
  von Andreas Gstettner

Ich weiß nicht, woran es liegt: Vor einigen Wochen hielt ich bereits ein Buch eines Musikers/DJs in Händen, Laurent Garniers "Elektroschock - Die Geschichte der elektronischen Tanzmusik", in dem er durch seine Karrierebrille die Entwicklung des Phänomens House und Techno in Europa nachzeichnet.
 
 
 
  Nun hat sich ein weiterer Musikus an den Tisch gesetzt und die Feder in die Hand genommen, um sein Leben niederzuschreiben. Und das kann ganz schön gefährlich sein bzw. ziemlich in die Hose gehen.

Im Fall von Hans Platzgumer hat sich das "Zu- Papier-bringen" jedoch gelohnt. "Expedition - Die Reise eines Undergroundmusikers in 540 kb" ist ein ungeschminkter, ehrlicher und spannender autobiographischer Roman - wie es Hanz Platzgumer selber bezeichnet. Gelungen, sprachlich versiert und aufrüttelnd.

 
 
Der Kampf gegen den Parasit
  Gleich zu Anfang zeichnet Hans Platzgumer das Bild eines Wegbegleiters, den jeder kreativer Mensch fürchtet und zugleich akzeptieren muss. Es ist ein Parasit, der aus heiterem Himmel erscheint und die Oberhand gewinnt.

"Unbemerkt hatte es sich wieder angeschlichen, ist ohne Vorwarnung über mich hereingebrochen. Das Nichts. Diese Leere. Er hat sich wieder ausgebreitet in meinem Inneren und heimlich all jene Zellen in mir zerfressen, die kreieren wollen. Sie taugen nichts mehr, zumindest für eine Weile. Ohne Sinn und ohne Auftrag liegen sie brach da, verwirrt, ob und wann sie wieder zu einem Einsatz kommen."

Immer wieder taucht dieser Parasit in allen Lebens- und Musiklagen auf und mischt sich heimlich in die Erzählungen. Doch im Verlauf lernt Hans Platzgumer die wichtige Lektion, diese Leere anzunehmen, sie entstehen zu lassen und aus ihr neue Inspiration zu schöpfen, auch wenn damit manchmal ein harter Kampf verbunden ist.
 
 
 
Von Innsbruck bis zum großen, sauren Apfel
  Meist chronologisch berichtet Hans Platzgumer in wortgewandter Witzigkeit und Exaktheit, wie er zum Klangkünstler, Soundwissenschafter, ja sogar zum Geräusche-Alchemisten wurde. So startet Platzgumer in seiner Kinderzeit in Innsbruck, als er sein erstes Soloprojekt, die Band "The Dicks" im zarten alter von sieben Jahren gründete. Allerdings nur in seinem Kopf, dafür aber mit allem, was dazu gehört. Er malt sich genaue Lebensläufe aller Bandmitglieder aus, kennt all ihre Songs, all ihre Texte in teils echtem, teils Fantasie-Englisch, verfasst eine penible Diskographie und zeichnet alle Plattencover, geht jeden Skandal der Band, der in der imaginären Boulevardpresse hinausposaunt wird, im Detail durch. Geheim und eingesperrt im Kinderzimmer formt er die "Dicks" aus Ton und Plastelin und stellt ihre Live-Konzerte nach, mit aufwendiger Light- und Pyrotechnikshow, versteht sich. Doch schon in Teenagerjahren bekommt der junge Hans Platzgumer die knallharte Realität zu spüren.

 Albumcover: HP Zinker - "Perseverance"
 
 
  Eines der beeindruckendsten, spannendsten und zugleich desillusionierendsten Kapitel erzählt vom amerikanischen Rocktraum, jener Zeit Ende der 80er Jahre, in der Hans Platzgumer die geniale Kultband H.P. Zinker in New York gründet. Während der junge Tiroler voller Tatendrang und Musikbesessenheit über den Wolkenkratzern der Wallstreet schwebt, kommt sein österreichischer Freund und Mitbegründer Andreas Pümpel mit den Entbehrungen, die solch ein Lebenswandel mit sich bringt, nicht zurecht. Er schafft es immer seltener, aus der Kellerwohnung auf die Avenues und verwandelt sich zusehends in einen panischen Krieger, dessen einziges Ziel es ist, allen Ratten in der Wohnung den Gar auszumachen.

Hier wird nichts beschönigt, nichts weichgezeichnet, kein realitätsfremdes "Sex, Drugs and Rock'n'Roll"-Klischee bedient.
 
 
 
Zwischen Aufdeckung ...
  "Expedition" demaskiert nicht selten das von außen oft ruhmreich wirkende Musikbusiness. So sollten vor allem jene jungen Musiker, die das Touren für die schönste und glamouröseste Sache halten, sich das Kapitel "Der Veteran" zu Gemüte führen, in dem Hans Platzgumer alle Phasen einer Tournee beinhart analysiert.

"'Das schönste am Reisen ist das Nach-Hause-Kommen', sagt ein Sprichwort. Jeder Rockmusiker kann es Lügen strafen. Nicht, weil das Tourleben so schön, angenehm und wildromantisch wäre. Vielmehr wickelt einen diese Mischung aus Strapazen, Hektik und Langeweile in eine derart trostlose Monotonie und Selbstgefälligkeit ein, dass man sich ein Leben außerhalb dieses engen, stumpfen und dumm machenden Tour-Kosmos gar nicht mehr vorzustellen vermag. (...) Ein Musiker auf Tour muss ebenso wenig wie ein Soldat in der Kaserne eigenständig denken. Er muss funktionieren. Dafür wird er gebraucht und mit Aufmerksamkeit, Gesellschaft und Bargeld belohnt. Selbst wenn er sich einfach fallen lassen wollte, würde er zwangsweise immer wieder aufgefangen werden."

 HP Zinker, New Jersey, 1993
 
 
... und Anekdoten
  Die immer wieder auftauchenden, witzigen und skurrilen Anekdoten geben dem autobiographischen Roman auch seine Leichtigkeit zurück. So zum Beispiel, wenn der amerikanische H.P. Zinker Schlagzeuger David Wasik, gelernter Automatik-Autofahrer, zwangsweise den europäischen Tourbus über die Grenze nach Österreich zurückfahren muss.

"Völlig überfordert von der Situation, mit schwitzenden Handflächen am Lenkrad klebend, gab David aber sein Bestes. Jede Sekunde wurde das Auto abgewürgt und sprang unversehens wieder an. Mal im fünften, mal im ersten, mal im Rückwärtsgang laut aufheulend machte unser Fahrzeug die nötigen unkoordinierten Sätze in Richtung Österreich. Meter um Meter fürchteten wir um unser Leben und die Grenzbeamten um ihren Zollschranken."

 David Wasik, sehr geübt am Schlagzeug, weniger geübt in der Gangschaltung.
 
 
Vielschichtige Freiheit
  "Expedition" funktioniert auf vielen Ebenen und führt manchmal mehr, manchmal weniger detailliert persönliche Themen des Innsbrucker Musikers aus, schneidet geschichtliche Begebenheiten wie den Ausverkauf der Independent Musik zu Zeiten Nirvanas an, und führt uns durch den unendlich groß wirkenden, verschlungenen und dichten Dschungel von Platzgumers Musik- und Kunstprojekten. Schließlich arbeitete Platzgumer in den letzten zwanzig Jahren mit über 30 verschiedenen Pseudonymen, so dass er auch selber manchmal nicht mehr genau wusste, welche Persönlichkeit er eigentlich gerade war.

Ein zentrales Thema, das auf allen knapp dreihundert Seiten zwischen und in den Zeilen spürbar wird, ist die Wandlung des Begriffs Freiheit und die Freiheit selber. Die "äußere" Freiheit, das zu tun, was nicht der Norm oder den heimischen Erwartungen entsprich, dem Diktat der Geschmackspolizei Widerstand zu leisten und die "innere" Freiheit, seinen Träumen Platz zu machen und den eigenen Weg zu gehen, sich zu erlauben, den eigenen Gedanken und Ideen zu folgen.
 
 
 
Ist das alles wahr?
  Die Frage, ob denn alle Fakten und Begebenheiten wirklich der Wahrheit (im Sinne von Objektivität) entsprechen, stellt sich hier nicht. Hans Platzgumers "Expedition" ist ein persönlicher, subjektiver und in gewisser Hinsicht auch versöhnlicher oder vielmehr ermutigender Blick auf die Vergangenheit, auch wenn Erinnerungen an katastrophale Situationen und verheerende Momente überwiegen, denn eines stellt Hans Platzgumer klar:

"Im Desaster liegt eben das Besondere, im Extremen das Erwähnenswerte. Der Mensch ist ein 'Rubbernecker'. Sensationslüstern wird er angelockt von Katastrophen und Skandalen. Er möchte teilhaben an Aufregung und Hysterie, durch die er sich von seiner eigenen Durchschnittlichkeit zu befreien meint. So verschieben sich die Prioritäten der Ereignisse mit dem Lauf ihrer Verarbeitung. Die Daten werden geändert. Wichtige Bestandteile eines Ganzen werden vergessen und verdrängt von stärkeren Eindrücken. Diesem Darwinismus der Realitätsverschiebung fühle ich mich auch ausgesetzt und will mich ihm auch nicht gänzlich widersetzen, denn er erhält mir die innere Aufregung und den Spaß am Erlebten. Es reicht mir, wenn ich mir regelmäßig darüber bewusst werde, wie ungerecht er ist. So ist auch mein kleines Gehirn im Endeffekt nur ein Boulevardblatt der eigenen Erinnerungen, gefüllt mit Restbeständen meiner subjektiven Wahrnehmung."

 
 
Infos und Termine
  Hans Platzgumer: "Expedition - Die Reise eines Undergroundmusikers in 540 kb", 333 Seiten, erschienen im Skarabaeus Verlag 2005.

Ein ausführliches Interview mit Hans Platzgumer über sein Buch "Expedition" könnt ihr am kommenden Mittwoch (30.03.) in einem FM4 Homebase Spezial ab 19:00 Uhr hören. Ebenfalls werden Auszüge aus der zeitgleich mit dem Buch veröffentlichten Anthology CD "Hans Platzgumer - Expedition 87-04" gespielt.

Live wird Hans Platzgumer sein Buch mit inszenierten Lesungen, Musikprojekten und vielen Gästen am 1. und 2. April im Wiener Kasino am Schwarzenbergplatz präsentieren.

 
 
PS:
  Mit diesem Buch verhält es sich so, wie mit einem guten Album. Man kann von Kapitel/Track zu Kapitel/Track skippen und findet auch nach mehrmaligem Lesen/Hören immer wieder neue Dinge, die beim ersten Mal irgendwo zwischen Netzhaut/Trommelfell und Synapsen auf der Strecke geblieben sind.
 
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