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  Österreich | 17.4.2005 | 13:31   

 
 
Lesestoff: "Talschluss" von Olga Flor
  von Astrid Schwarz

Eine alpine Berglandschaft, ausgestattet mit einem See und braun geflecktem Rind, mit einem schmucken Bauernhaus, in dem sich eine Familiensippe aus der Stadt zum Feste versammelt. Gefeiert wird opulent und beinahe dekandent - komme was wolle.
Das ist das Ausgangsbild von Olga Flors zweitem Roman "Talschluss".
 
 
 
Prototypen
  Gretes Familie ist fast vollständig angereist, um das von Eventmanagerin und Ich-Erzählerin Katharina gekonnt inszenierte Geburtstagsfest über sich ergehen zu lassen. Alle sind gekommen. Gretes Mann Ernst, ein Mann der Wirtschaft, der mit einem Bein am Rande der Arbeitslosigkeit steht und sich in engen Radler-Trikots die Berge erradelt. Ihr Sohn Thomas, der gerade eine geschiedene Ehe hinter sich hat und sich schnurstracks auf eine Midlife-Crisis zu bewegt, Tochter Sabine ist Hausfrau und geschlauchte Mutter von zwei kleinen Kindern. Und mit dabei ist nicht zuletzt Katharina, die als alte Freundin der Familie und Ex von Thomas das Spektakel zum einen überwachen und zum anderen genießen soll. Das Salz - vor allem in Katharinas Suppe - sind drei junge Musiker, die quasi zufällig den Feierlichkeiten beiwohnen.

 
 
Kontrolle
  Bei diesem Fest wird nichts dem Zufall überlassen. Die leicht esoterisch angehauchte Grete beherrscht alle psychologischen Tricks und gibt die Zügel niemals aus der Hand. Katharina beobachtet in einer Art innerem Monolog die Abläufe, macht sich Gedanken und versucht mit aller Kraft die Kontrolle zu bewahren. Von ihrem Beruf geschult, lässt sie nichts von an sich heran. Auch eine kleine Affäre mit einem der jungen Musiker scheint sie nicht aus der Fassung zu bringen. Erst nach und nach verlässt sie ihre sichere Stellung und versucht hinter die Masken der anderen zu blicken. Der junge Geiger bleibt jedoch ihr vorrangiges Ziel.
 
 
 
Einsamkeit
  Gerade mal drei Tage soll die Familie gemeinsam mit essen, spazieren gehen und feiern verbringen. Doch schon bald beginnt die Stimmung zu kippen. Eine Flucht ist jedoch unmöglich, eine Viehseuche ist ausgebrochen und die Talausfahrt abgeriegelt.

Olga Flors Figuren sind von der Unfähigkeit geprägt, ihre Positionen zu verlassen. Erst im Laufe des Romans bahnt sich bei Katharina ein Kontrollverlust an, der über die Sprache spürbar und für die Leser nachvollziehbar wird.
Präzise und punktgenau beherrscht die Autorin alle Arten von Sprache. Von psychologischen Floskeln bis zum Wirtschaftsjargon - alles wird in ein feinmaschiges Psychogramm einer brüchigen Familienidylle eingearbeitet.

Der Talschluss wird zur Sackgasse und doch ist immer irgendwo ein Loch im Zaun.

 
 
Beobachterin
  Die in Wien geborene Olga Flor, lebt heute mit ihrer Familie in Graz. Nach einem abgeschlossenen Physikstudium hat sie ihren ersten Roman "Erlkönig" 2002 veröffentlicht. Mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet widmet sich heute ganz dem Schreiben. Und ihrer Familie.

Olga Flor: Talschluss
Zsolnay Verlag
ISBN 3-552-05332-8


 Olga Flor
Foto: Marko Lipus
 
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