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  Österreich | 30.6.2005 | 14:17   

 
 
Fahrkarte nach Bistrica
  von Claus Pirschner

Stefan öffnet ein Paket, das in der Post war. Darin befinden sich unter anderem Kleidung, Schokolade, Speck oder ein Schwamm. Ein beigelegter Brief beginnt mit "Liebe Uli", der Absender lautet auf Claudia Haider. Eine falsche Zusendung. Die Gattin des Kärntner Landeshauptmannes hat es an ihre in Wien lebende Tochter adressiert, irrtümlicherweise wird es ausgerechnet Stefan, einem Kärntner Slowenen, der in Wien studiert, zugestellt. Panik packt ihn, er sieht sich schon in Handschellen, abgeführt von der Polizei. Aber warum diese Angstreaktion? Das kann nicht sein. Stefan will dem auf den Grund gehen. Er fährt in seine Heimatstadt Bistrica/Feistritz im Rosental, um dem Zusammen/Neben/Gegeneinanderleben der Kärntner Slowenen und Deutschkärntner nachzuspüren.

Mit dieser Szene beginnt F.A.Q. (Frequently Asked Questions) - die spannende, präzise, unterhaltende, komische, tragische und mit Leichtigkeit erfüllte sowie hoffnungmachende Film/Doku/Fiction über Zweisprachigkeit in dem Bundesland, aus dem ich komme.
 
 
 
Ich muss ausholen...
  Ich hab mir F.A.Q. gleich zwei Mal hintereinander anschauen müssen, weil es soviel mit meinen eigenen Wurzeln zu tun hat, von denen ich lange fern war bzw. ferngehalten wurde. Ich bin zwar in Oberkärnten aufgewachsen, und die meisten Slowenen leben in Unterkärnten, aber dennoch: Im Gymnasium habe ich Englisch, Französisch, Latein und Italienisch gelernt, aber kein Slowenisch, die Sprache der ethnischen Minderheit in Kärnten. Das gab es soweit ich mich erinnere an unserer Schule nicht.

Als ich das ein Jahrzehnt später einer ehemaligen Professorin vorhalte, kontert sie, dass uns Slowenisch jedes Jahr als freiwilliges Fach angeboten wurde, aber sich damals (späte 80er, Anfang 90er) nie eine genügende Schülerzahl dafür angemeldet hätten. Ich hatte dieses Angebot aus meiner Erinnerung ausgeblendet. Aber gleichzeitig ist klar, dass es nicht reicht, die Sprache der Minderheit nur anzubieten, ohne kontinuierliche Bewusstseinsarbeit an den Schulen über die jahrzehntelange Unterdrückung und Diskriminierung der slowenischen Minderheit in Kärnten, die ja bis heute andauert.

 
 
 
 
Mittendrin im Kärntner Wahnsinn
  Da sind wir schon mittendrin im Kärntner Wahnsinn, in dem ich sozialisiert wurde. Hätte ich "F.A.Q." damals - etwa eingebettet in eine Diskussion in der Schule - gesehen, ich hätte mich vielleicht für Slowenisch als Unterrichtsfach eingesetzt oder meine Sensibilisierung für das Zusammenleben in Kärtnen hätte zumindest früher begonnen.

 
 
Und endlich F.A.Q.
  Stefan Hafner (Regie, Konzept) und Alexander Binder (Regie, Kamera) tun das mit F.A.Q. Hafner verwebt Biographisches mit Gesellschaftlichem und Politischem. Zum Beispiel fragt er etwa seine Eltern, wieso er als jüngster dreier Bauernkinder als erster ins slowenische Gymnasium geschickt wurde. Bei den zwei anderen Söhnen war der gesellschaftliche Druck noch so groß, dass sie lieber anständig deutsch lernen sollten. Der älteste Sohn wurde angegriffen, weil er sich für Slowenisch in der Schule angmeldet hatte. Erst bei Stefan wollte die Mutter dann, dass er richtig Slowenisch lernt.
 
 
 
Im Stil von Michael Moore
  Wie Michael Moore fragt Hafner die Bewohner von Feistritz auf der Straße, ob sie selber slowenisch sprechen können oder wo es solche Leute gibt: Da unten! Weiter oben nach der Kreuzung! Oder: Im nächsten Ort!, antworten viele zuerst ungewollt amüsant. Bei genauerem Nachfragen erzählen manche mehr: Ja ihre Großmutter spräche Slowenisch, oder sie selber doch ein bisschen oder sie antworten plötzlich doch auf Slowenisch. Stefan Hafner blickt hinter die Kulissen von Feistritz und man beginnt an der Zahl der offiziell gemeldeten 377 von 2707 Feistritzern, die als Umgangssprache slowenisch sprechen, zu zweifeln. Tatsächlich bricht da einiges Verschüttetes oder verloren Geglaubtes auf.

Vor einem Jahrhundert gaben noch fast alle Feistritzer Slowenisch als ihre Umgangssprache an. Mit Archivmaterial und Historikerinterviews untermauert zeigt F.A.Q., was in den letzten hundert Jahren geschah: Der Grenzfindungskonflikt nach dem ersten Weltkrieg, die Volksabstimmung 1918, die Enteignungen und Deportationen im zweiten Weltkrieg, die (nicht) umgesetzten staatsvertraglichen Rechte der slowenischen Minderheit, der bis heute dauernde Ortstafelkonflikt. Obwohl es den Kärntner Slowenen bei der Volksabstimmung von 1918 zu verdanken ist, dass Grenzgebiete zu Österreich gehören: Die Belohnung für ihr Abstimmungsverhalten war primär eine Eindeutschungspolitik.

 
 
Geschichte und Gegenwart
  F.A.Q. lässt nichts aus: Kärntner Traditionsorganisationen, die noch heute dafür plädieren, keine "Bodengewinne" an der Grenze anzustreben; der 1974 zurückgetretene Landeshauptmann Sima, der sich vergeblich für die zweisprachigen Ortstafeln eingesetzt hat und letztlich deshalb zurückgetreten ist; die Feistritzer Bürgermeisterin, die sich nicht an Konflikte wegen der Zweisprachigkeit im Kindergarten erinnern will; ein Jörg Haider, der die ethnische Minderheit gar als Juwel bezeichnet; erstarrte Strukturen bei den slowenischen Vertretungsorganisationen und vor allem eine wachsende Zahl junger Kärntner Slowenen, die ihre Zweisprachigkeit selbstbewusst als Bereicherung leben.

Aber junge wie ältere Kärntner Slowenen sind sich uneinig über die Zukunft ihrer Kultur und Sprache: Die einen befürchten, dass das Aussterben davon lediglich eine Frage der Zeit ist, die anderen sehen eine neue Chance in den nun zunehmenden Anmeldungen von Kärntner Slowenen wie Deutschkärntern zum Slowenischunterricht in Kindergärten und Schulen.

 
 
Natur revisited
  Wiederholt zeigen Hafner und Binder Aufnahmen der "wunderschönen" Kärntner Natur, den Seen, der Flüsse, den Bergen, den Karawanken - ein Panorama, das ich liebe. Ein Panorama, das, wie ich selber erlebt habe, vorort aber regelmäßig instrumentalisiert wird als beinah einzig geltendes Charakteristikum Kärntens: das schöne, (touristen-)freundliche Kärnten mit dem traumhaften Wetter - oft schwenkt die Kamera hinauf in den blauen Himmel.

Eine Instrumentalisierung, weil sich Bewohner und Politiker der ethnischen Mehrheitsgruppe eskapistisch in den Kärntner Natur- und Gasfreundlichkeitsdiskurs begeben und den ethnischen Konflikt bzw. den Assimilationsdruck für die Minderheit ausblenden. F.A.Q. aber bricht mit dieser Instrumentalisierung und zeigt den Missstand und die existierenden Hoffnungskeime unter dem blauen Himmel.

 
 
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