Er ist wieder da. Aber ist doch ein andrer. Bret Easton Ellis, der sich wie seine Romanfiguren in Armani, Gucci und angesagten Restaurants ablichten ließ, präsentiert sich auf einem Foto in der Wochenzeitung "Die Zeit" in Schlabberpulli und Jogginghosen am Rand einer Badewanne. Bei einem Autor, der sich die Oberfläche zum Programm macht, muss dieser veränderte Auftritt etwas bedeuten.
Von seiner Satire auf die Jeunesse Dorée in "Unter Null" bis zur bestialisch mordenden Modellclique in "Glamorama" war Ellis' Werk eine nihilistische Abwärtsspirale. Diese negative Sogwirkung scheint das größte Problem des Autors selbst zu sein. In "Lunar Park" versucht er die geifernden Schatten der Vergangenheit zu bezwingen: den eigenen Vater und jene Figur, die in Anlehnung an den Vater entstanden ist: Patrick Bateman, blutrünstige Hedonismusschleuder aus "American Psycho". Der Protagonist in "Lunar Park" heißt Bret Easton Ellis. Ein Schriftsteller, dem sein Verlag horrende Vorauszahlungen für die Verfassung eines pornographischen Thrillers gezahlt hat. Doch es wird nicht dazu kommen, denn Bret Easton Ellis ist ein von Drogen, Alkohol und Parties ausgebranntes Wrack.
Die ersten 50 Seiten von "Lunar Park" lesen sich wie eine Autobiographie. Der kometenhafte Aufstieg zum Sprachrohr der Generation X nach seinem schnoddrig hingefetzten Debüt, dessen Erfolg in die Exzesse des Brat-Pack mündet - Glamour-Autoren, die mit Hummer um sich warfen und sich Dom Perignon über die Köpfe gossen. Mit 26 veröffentlicht er "American Psycho", einen Teufelstrank aus gefühlskranker Gleichgültigkeit und kannibalistischem Mordspektakel. Im Dauerdrogenrausch tourt Ellis lesend um die Welt. Millionenschwer, aber körperlich ausgebrannt besinnt er sich seiner Jugendliebe Jayne Dennis. Sie gibt ihm eine zweite Chance. Macht man sich die Mühe nach der Hollywood-Schauspielerin Jayne Dennis zu suchen, findet man eine vom Verlag gefakte Fanseite. Wo in "Lunar Park" die Grenze zwischen Realität und Fiktion liegt, ist schwer auszumachen, spielt aber letztlich auch keine Rolle.
Die zweite Chance liegt in einem schicken Vorort von New York. Bret heiratet Jayne und versucht eine Beziehung zu ihrem gemeinsamen Sohn Robby aufzubauen, den er nie richtig kennengelernt hat. Die Beschreibung des Lebens in Suburbia ist das Beste, was "Lunar Park" zu bieten hat. Detailbesessen seziert Ellis die Oberfläche der Hochsicherheitsidylle. Markennamen geräuschloser Spülmaschinen, Pilates-Kurse für Zweijährige und Elle Décor. Bei einem Abendessen bei den Nachbarn führen die Kinder Yogastellungen vor und balancieren Kirschkernkissen auf dem Kopf. Leider ist die Charakteristik einer seit 9/11 zwanghaft kontrollierten und von Terrorpanik erfüllten Großbürgerlichkeit nur ein Teil von "Lunar Park".
Grusel, Geister und Schrecken schleichen sich in die Milieustudie. Patrick Bateman verübt Gräueltaten, die für die veröffentlichte Version von "American Psycho" gestrichen wurden. Um diesen Spuk zu beseitigen, schreibt Bret Easton Ellis das Originalmanuskript um. Unsinnigerweise lesen sich Passagen in "Lunar Park" wie eine reuige Rechtfertigung für Patrick Bateman. Schließlich schlittert der Roman in B-Movie-Spuk.
Ekelhafter Schleim an den Türklinken, ein Stofftier verwandelt sich in ein katzenzerfetzendes Blutmonster, der Teppich im Wohnzimmer verändert seine Farbe, wie überhaupt das ganze Haus langsam die Züge von Ellis' Elternhaus annimmt. Jede Nacht bekommt er zur Sterbezeit seines Vaters leere Emails. Bret Easton Ellis trifft ständig Personen, die ihm irgendwie bekannt vorkommen, und hat man als Leserin schon bemerkt, es handelt sich etwa um Clay aus "Unter Null", steht er noch auf der drogenbedingt langen Leitung. Unterm Strich sind die Schauerfiguren multiple Inkarnationen des früh verstorbenen Vaters, dessen Asche in einem Bankschließfach steckt. Mit "Lunar Park" habe er den Vater aus seinem Leben geschrieben, sagt Ellis. "Lunar Park" - eine aus den Fugen geratene Therapie-Couch-Sitzung? Nein.
(c) Jane Carlsson
"Lunar Park" ist eine Zäsur in Bret Easton Ellis' Werk: weg vom Gesellschaftsschreck, hin zum Poltergeist. Ein ziemlich larmoyanter Poltergeist, die Beschreibungen des Fluchs sind leer und hohl. Ellis ködert mit Ankündigungen wie "an diesem Morgen sollte ich meine Familie das letzte Mal sehen". Am wenigsten Schrecken verbreitet der Dämon, der das Haus besetzt. Ein schwarzblond gestreifter, pelziger Hügel, dessen einziges Aug unkontrolliert in der Höhle rollt. In "Unter Null" hat Ellis einst geschrieben, er wolle auch das Schlimmste sehen, in "Lunar Park" meint er, nun müsse er das Schlimmste erleben. Wenn es das ist, muss man sich nicht fürchten.
In einem Satz erwähnt er, "Lunar Park" werde sein letzter Roman sein. Doch was kann man hier noch glauben? "Lunar Park" ist ein Abschied von einem Bret Easton Ellis, der einem irgendwann Angst gemacht hat, ein Abschied vom Schrecken ohne Ende. Dem Happy End sind Tür und Tor geöffnet. Und das ist wirklich das Schlimmste.
Bret Easton Ellis: "Lunar Park", Verlag Kiepenheuer & Witsch, aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann
The master himself auf Lesetour:
16. März, Rabenhoftheater Wien, 20 Uhr
17. März, Literaturhaus München, 20 Uhr