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  Österreich | 12.2.2006 | 14:11   

 
 
Denton Welch - "Freuden der Jugend"
  von Martina Bauer

"Viele Sätze glitzern geradezu beim Lesen", ist Elke Heidenreich - Autorin und Moderatorin der von mir durchwegs geschätzten ZDF-Sendung "Lesen!" - auf der Rückseite des Umschlags zitiert.

Und recht hat sie. Dieses Buch ist ein Kleinod.
Denton Welchs Roman "Freuden der Jugend" (im englischen Original: In Youth Is Pleasure) stammt aus dem Jahr 1945. Auf Deutsch erschien er erstmals 1985. Die letzte Auflage, vor jener des Vorjahres, war 1992 - und der Roman damit bis vor kurzem quasi vergriffen.
 
 
 
  "Orvil holte seine schwarze Schuluniform aus dem Schrank. Der schwarze Stoff erfüllte ihn mit Grauen und widerte ihn an wie ein schwarzer Kamm, zwischen dessen Zähnen der schmierige Schutz einer fettigen Kopfhaut steckt."

Orvil Pym ist 15. Vor drei Jahren hat er seine Mutter verloren. Er stammt aus wohlhabenden Haus und besucht ein Internat, das er leidenschaftlich hasst. Doch nun stehen die Sommerferien vor der Tür, die er mit seinem Vater und seinen beiden älteren Brüdern in einem Hotel nahe der Themse in Surrey verbringen wird. Wir befinden uns irgendwann in den 1930er Jahren, einige Jahre vor dem Krieg. Urlaub sieht noch so aus, dass man sich für Wochen in möblierte Wohnungen oder Hotels einmietet, die fünf Mal am Tag Essen servieren, riesige Bibliotheken beherbergen und Bälle veranstalten. Ausgerüstet ist man dabei mit einer ansehnlichen Menge an Hausrat: Fotos - manchmal ganzen Ahnengalerien - Nippes und sonstigem Krimskrams.

 
 
Die eigene Geschichte
  Denton Welch hat einiges von sich selbst in dieses Buch gelegt. 1915 in Shanghai geboren, in China aufgewachsen bis er in Großbritannien auf die Schule kam, verlor auch er früh die Mutter. 1935 erlitt Welch einen schweren Fahrradunfall, der ihn zum Invaliden machte und ihn auch vom Maler zum Schriftsteller werden ließ. (Zumindest zwei seiner Bilder hängen übrigens in der Tate bzw. National Portrait Gallery in London.)

1948 starb Welch an den Komplikationen des Unfalls.

Die Angaben über sein Alter divergieren leicht, während sämtliche mir bekannte Quellen die Lebensdaten 1915- 1948 kennen, spricht William S. Burroughs in seinem Vorwort zu "Freuden der Jugend" zwar ebenfalls vom Sterbejahr 1948, aber auch davon, dass Welch 31-jährig verschied, also eigentlich 1917 geboren sein müsste.

 Selbstportät, 1942
 
 
  "Die Grabplatte zeigte das Bildnis einer vornehmen Dame mit einer Spitzhaube auf dem Kopf. (...) Plötzlich - er wußte gar nicht recht, warum - lag er der Länge nach auf dem Bildnis und küßte herzhaft die kalten Lippen der Dame. (...) 'Vielleicht trägt sie Ringe an den Fingern', dachte er. Er wünschte sich, eines Tages einmal ein Grabmal zu entweihen und einen alten Ring vom Finger eines Skeletts zu ziehen."

Orvil steckt fest zwischen beginnender Pubertät und kindlich-sadistischem Verhalten. Und während immer wieder eine subtile Sexualität über Welchs Sätzen liegt, fängt Orvil urplötzlich - und völlig kindhaft - an zu singen oder verliert sich in opulenten Spielfantasien. Opulent ist auch Welchs Sprache: oft erreichen seine Beschreibungen in ihrer Genauigkeit Stifter'sche Ausmaße, Sätze drehen sich und enden ganz unerwartet amüsant und dazwischen tauchen (natürlich nur für uns!) wunderbar-altmodische Ausdrücke wie "Lorgnette" auf.

 
 
Eine langsame Reise
  "Einer der beiden Boys bespritze den Mann mit Wasser, und der Mann revanchierte sich, indem er ihm mit seinem nassen Paddel einen Schlag versetzte. (....) In den Strahlen der Sonne schimmerten die nassen Schenkel des Mannes plötzlich wie Seide, und für einen Augenblick wirkten sie wie die sehnigen Hinterflanken eines sprungbereiten Raubtieres."

Hin und wieder tauchen Stellen auf, die Welchs Homosexualität durchschimmern lassen - und hier sei auch auf das Ärgerlichste hingewiesen: in der deutschen Übersetzung ist manches Mal ein völlig unpassendes "Boys" stehengeblieben.

Im Grunde geschieht nicht viel in "Freuden der Jugend". Orvil erkundet die Gegend um sein Ferienhotel, schließt dabei Bekanntschaften, erlebt einige Abenteuer und kämpft bei all dem mit dem Heranwachsen.

Es ist wie ein ruhige Kutschen-Reise in ein anderes Jahrhundert. Manchmal ruckelt es ein bisschen, und ansonsten genießt man die vorbeiziehende, wunderbare Landschaft.

 
 
  Denton Welch - "Freuden der Jugend"
Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 2005,
Aus dem Englischen von Carl Weissner


PS: Hier ein Auszug aus der Englischen Originalfassung:

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