B: "Räuber Hotzenplotz, wenns da no Kortn gibt. Sonst, ääh, die Hühner, oder wie des hast."
A: "Geh bitte, do muas ma si scho wida so lang anstöln."
Im Annenhofkino kann man dieser Tage Publikumsstudien betreiben, denn während in einigen Sälen weiterhin die aktuellen Blockbuster verwertet werden, zeigt die Diagonale in zwei anderen Sälen jene österreichischen Filme, die laut Birgit Flos das Potenzial zu Blockbustern haben. Munter vermischt sich im Foyer des Annenhofkino Diagonale- und Alltagspublikum. Das eine bauscht sich rund um den Ticketcounter, letzteres schlängelt sich vorwärts. Popcorn und Cola bekommen aber alle am selben Tresen.
Jedes Festival ist mitunter reich an kleinen Anekdoten, Seltsamkeiten, Schwierigkeiten. So hat sich etwa gestern während der Vorstellung von We feed the World im Kinosaal Rauchgeruch ausgebreitet, schließlich so irritierend, dass die Vorführung unterbrochen wurde. Das würde wohl manchmal passieren, da hats was mit der Klimaanlage, meinten die Annenhoftechniker. Aber es gibt ja auch noch das Schubertkino - ungefährlich und nur von der Diagonale bespielt - wo gestern Vormittag im ausverkauften Kinosaal Exile Family Movie gezeigt wurde.
Ein Teil einer iranischen Großfamilie lebt im politischen Exil in Texas und Österreich. Mit ihren Verwandten im Iran können sie sich seit Jahren nur über Videobotschaften austauschen. Bis die Tante aus Amerika den in Österreich lebenden Verwandten die frohe Botschaft eines heimlichen Familientreffens in Mekka überbringt.
Die Familie ist die des Regisseurs Arash. Dem gelingt es, ein universelles Bild zu gestalten, auch wenn diese Aufnahmen eigentlich nicht für ein großes Publikum gedacht waren. Allein von jenem Treffen in Mekka existieren 40 Stunden Videomaterial. Da stößt eine Familie nach Jahren wieder zusammen: Aus den Vereinigten Staaten Bush-Wähler, aus Österreich Liberal-Antireligiöse, aus dem Iran gläubige Moslems. Das ist der Stoff, aus dem der Kampf der Kulturen gestrickt ist. Der schaut in Exile Family Movie so aus: Küsse, Umarmungen, Tränen, Tanz, Lachen. Und natürlich: Diskussionen. "Was hast du denn von dieser Freiheit in Europa??" fragt eine iranische Cousine Arash' Schwester. "Was ist denn durch euer Beten besser geworden??" fragt sie später eine Großtante.
Nur Arash' Vater ist in Wien geblieben, aus Angst vor eventuellen Repressionen durch das iranische Regime. Für ihn vor allem hat Arash das Treffen in Mekka dokumentiert. Für den Vater, der einem nicht zu öffnenden Marmeladeverschluss mitteilt: "Seit 25 Jahren kämpfe ich für meine Ideale, mit dir werde ich auch noch fertig!"
Inhalt spektakulär, Umsetzung total in die Hose gegangen
Von Stadtutopien oder die Legende von Synia habe ich viel erwartet und wurde bitterlichst enttäuscht. Es geht um deutsche Architekten, die von einer chinesischen Firma den Auftrag für die Errichtung einer Millionenstadt bekommen. Dafür wird ein Berg abgetragen und in den Fluss transferiert - auf der so entstehenden Ebene soll die Stadt errichtet werden.
Das unumstößliche europäische Hochidealisieren der Altstadt, das in China auf totales Unverständnis stößt, ebenso die Idealisierung von Grünflächen, die den chinesischen Investoren völlig egal sind, die grundsätzliche Problematik, ein derartiges Projekt zweisprachig zu verhandeln. Themen, die dieser Film anreißt, aber nie verfolgt. Konzeptlos drauflos gefilmt, vielleicht mit experimentellem Anspruch geschnitten, doch völlig misslungen: Zwischen deutsch-chinesischen Verhandlungsszenen wird etwa der Blick auf den Himmel durch eine Autowindschutzscheibe montiert. Wieso mussten wir diesen Film hier sehen?
Es gibt nicht nur Dokus ...
... sondern auch diskussionswerte Spielfilme, etwa Eva Urthalers Keller. Teenage Wasteland. Zwei Pubertierende treiben ihre Beweisrituale so weit, eine Frau zu entführen und in einem verfallenen Betonbau auf einem Stuhl gefesselt festzuhalten. Sebastian steht auf die Entführte, Paul steht auf Sebastian und was sie mit ihren Gefühlen machen sollen, das wissen sie nicht. Das Spiel zwischen den Buben ist packend und gekonnt inszeniert. Die sexy Entführte kokettiert mit ihren Peinigern. Die Rolle dieser Frau, die im Angesicht des Todes die Beine spreizt, ist höchst fragwürdig.
"Den kenn ich schon", sagt Eva Urthaler sagt auf den "Frauenfeindlichkeitsvorwurf". Frauen hätten eben die verschiedensten Qualitäten und es sei nicht frauenfeindlich, sie auch zu zeigen.
Eva Urthaler ist zu Gast in der heutigen Diagonale Sondersendung aus Graz, 15 bis 17 Uhr.
Diagonale Preisverleihung Der Große Diagonale-Preis für den besten österreichischen Kinospielfilm 2005/2006 ist Samstagabend in Graz dem Film 'Cache' von Michael Haneke verliehen worden. Der Dokumentarfilmpreis geht an zwei Produktionen. Der zum ersten Mal verliehene Preis für den besten österreichischen Dokumentarfilm geht ex aequo Tizza Covi & Rainer Frimmel für 'Babooska' sowie 'Exile Family Movie' von Arash erhielten.