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  Österreich | 10.4.2006 | 17:13   

 
 
Verborgene Geschichte/n
  von Claudia Unterweger

Du läufst Menschen afrikanischer Herkunft über den Weg und redest sie erstmal nicht in der hier gängigen Landessprache an. Du hörst den Begriff "Schwarz" - und spulst im Geiste diverse Klischees ab: von nackter glänzender Haut, "Yo brother!"-Hip Hop, bis hin zum "bösen schwarzen Mann".

Bilder Schwarzer Menschen als "die Andersartigen", "Fremden", "Exotischen". Allesamt gängige Stereotypen hier in Österreich - mit einer jahrhundertelangen Tradition. Die Realität der Schwarzen Community, die hier in Österreich ihren Lebensmittelpunkt hat, zum Teil hier geboren und aufgewachsen ist, bleibt dabei unsichtbar.

Diese verborgene Geschichte - die Schwarze österreichische Geschichte - wird jetzt erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Verborgene Geschichte/n, Remapping Mozart, so der Titel eines Kunstprojekts, das bis Herbst 2006 in einer Reihe von Ausstellungen, Veranstaltungen und Kunstaktionen die verdrängte, verborgene Geschichte Österreichs bis zurück in die Zeit Mozarts aufrollt und Geschichte/n erzählt, abseits der gängigen Mainstream-Erzählung, die wir so schön identitätsstiftend in unseren Schulen und durch die Medien zu hören bekommen, und die uns den Blick für vielfältigen Realitäten in der Gegenwart versperrt.
 
 
 
  Um über die aktuelle und sehr ähnliche Situation der hunderttausenden Schwarzen Deutschen und Strategien zur Selbstermächtigung zu sprechen war Noah Sow heute, Montag, in Connected zu Gast. Sie ist Moderatorin, Musikerin, Radiomacherin und aktiv im Verein der Braune Mob, Schwarze Deutsche in Medien und Öffentlichkeit.

Hier gibt es Auszüge aus dem Interview zum Nachlesen und das gesamte Interview zum Nachhören.
 
 
 
Noah Sow im Interview
  Wie erlebst du denn die Art der Darstellung Schwarzer Menschen in deutschen Medien?

Inzwischen ist das ja schon so fortschrittlich, dass man sich nicht mehr ausschließlich über Schwarze lustig machen kann und sie lächerlich darstellt, mit irgendwelchen Knochen im Haar oder als Unpersonen oder so. Das kommt zwar auch noch leider ab und zu vor - inzwischen ist es ein bisschen subtiler geworden: Schwarze werden grundsätzlich reduziert auf so Geschichten wie Sport, Sex oder Show und Musik, aber man sieht ganz selten eine Abbildung der Realität. Ich weiß nicht, wie es in Österreich ist, in Deutschland ist es schon so, dass es schwarze Anwälte gibt, Banker, schwarze Leute bei Stadtverwaltungen, Busfahrer, das spiegelt sich ganz normal in der Bervölkerung wieder. Es gibt mehrere hundertausend Schwarze in Deutschland und das wird aber von den Medien nicht aufgenommen, Schwarze sind da ganz oft nur ein Objekt und nicht einfach ganz normale Leute wie im wirklichen Leben. In Filmen zum Beispiel ist es auch so: Grundsätzlich ist der Cast von einem deutschen Film weiß - Schwarze kommen nur vor, wenn sie eine Funktion haben, also einen unheimlichen Mann darstellen, einen Dealer, einen DJ oder es thematisiert sind, dass sie schwarz sind, also, dass sie ausgewiesen werden sollen. Aber dass ganz normal - wie in echt auch - einem eine Krankenschwester übern Weg läuft, die schwarz ist, das passiert da nicht.

 Noah Sow
 
 
  Das sind auch Zerrbilder und Stereotypen, die eine sehr lange Tradition haben, zum Teil Jahrhunderte alt sind. Warum sind rassistische oder exotisierende Klischees in Bezug auf Schwarze Menschen dermaßen resistent?

Weil die nicht bekämpft werden. Die Mehrheit in Ländern wie Deutschland oder Österreich ist ja nicht schwarz und deswegen haben die kein Problem damit, weil es sie nicht unmittelbar betrifft.
Zur Kolonialzeit z.B. hat man in Deutschland Schwarze mit Absicht brutal als Unmenschen und Untermenschen dargestellt, in Comics, auf Postkarten, um zu rechtfertigen, dass man diese Menschen töten und ausbeuten darf - darüber gibt es sehr viele Ausstellungen in letzter Zeit in Deutschland.
Dann wurden Rassentheorien entwickelt, die natürlich schon lang entkräftet sind, aber diese Zerrbilder wurden nie so dekonstruiert wie sie damals konstruiert wurden. Es steht in keinem Schulbuch, wie es dazu kam, dass Schwarze Menschen so dargestellt werden durften und was man heute dagegen tun kann, dadurch lebt das natürlich fort. Es ist auch immer noch nicht obligatorisch, dass man sich an deutschen Schulen mit der kolonialen Geschichte Deutschlands beschäftigt, was ich für komisch halte, denn es ist ja Geschichte und es gibt Geschichtsunterricht. Trotzdem gibt es ganze Bundesländer, in denen lernt man darüber kein einziges Wort.

 (Foto: Dirk Eusterbrock)

 
audio
 
title: Interview mit Noah Sow, Teil 1
length: 5:24
MP3 (5.182MB) | WMA
   

 
audio
 
title: Interview mit Noah Sow, Teil 2
length: 5:54
MP3 (5.663MB) | WMA
   
fm4 links
  noahsow.de

derbraunemob.info

remappingmozart.mur.at
Was verschweigt die Geschichtsschreibung, welche Stereotype tradiert sie? "Remapping Mozart" nennt sich ein Wiener Kunstprojekt, das verfestigten Klischees nachspürt und diese zu sprengen versucht. Zu sehen bis Herbst an verschiedenen Ausstellungsorten in Wien.
   
 
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