Seit den Beatles gilt: Die meisten Bands werden im Laufe ihrer Karriere - so sie eine haben - komplizierter, schwieriger und ambitionierter, siehe auch Radiohead, Blur oder Tocotronic. Von Kritikern wird das geliebt, da gibt es was zu fragen - "Warum habt ihr diesmal die Geräusche eines Origami-Falters in die neue Platte eingebaut?" - und zu schreiben - "der deleuzsche Gedanke der Plateaus im Format einer Popsingle".
Dann gibt es noch die Schule der Sturen, die beharrlich das gleiche machen (Ramones, The Fall, The Strokes). Und schließlich, und das sind die, die am schwersten zu fassen sind, gibt es jene Bands, die vom Schweren zum Leichten finden, die zu Beginn den Kopf voll haben mit Ideen, Anliegen Möglichkeiten und Intelligenz und alles mal in ein, zwei Platten pressen, um dann später zu einer Einfachheit im Ausdruck finden, die gerade darum umso verstörender wirkt. Scritti Politti oder Prefab Sprout sind diesen Weg gegangen und auch die Band, um die es hier gehen soll: Blumfeld.
Blumfeld. Zweiter von rechts, Jochen Distelmeyer.
Foto von Martin Eberle.
Verbotene Früchte: auf deutsch Singen
Blumfeld haben mit ihrer ersten Single"Ghettowelt" 1991 ein ganz neues Kapitel deutschsprachiger Popmusik eröffnet. In Zeiten, in denen Juli, Silbermond und Tokio Hotel ihre Befindlichkeitslyrik aus allen Kanälen singen, ist es fast unvorstellbar, dass die deutsche Sprache in der Popmusik als komplett "uncool" gegolten hat.
Jochen Distelmeyer, der Sänger und Texter von Blumfeld hat dann mit einem Paukenschlag das Gegenteil bewiesen. Die frühen Blumfeld Texte waren kryptisch und sloganhaft zugleich, klug, vielleicht sogar ein wenig obergscheit, jedenfalls nicht Schlager und auch nicht Neue Deutsche Welle, sondern was Anderes. Dazu kam die Musik, kratziger Indie-Rock, Marke Sonic Youth und schon hat man von der "Hamburger Schule" gesprochen. Zeitgenossen von Blumfeld wie Die Sterne, Kolossale Jugend, oder Die Regierung haben die Grundfestung gebaut, Bands wie Tocotronic oder Stella haben die Türme errichtet und irgendwie führt das dann auch zu Kettcar, Virginia Jetzt und sogar, auf verschlungenen Pfaden, zu Christina Stürmer. Eine immens einflussreiche Band also, diese Blumfeld.
"Ghettowelt"
Verbotetene Früchte: Naturlyrik
Auf "Verbotene Früchte" wimmelt es von Tieren und Pflanzen: "Ich fliege mit den Raben", "Schmetterlings Gang", "Apfelmann" oder "Tiere um Uns" heißen die neuen Songs, in denen es genau um das geht, was ihre Titel versprechen. Ganz ohne Metaebenen beschreiben Blumfeld nicht die "Stelle zwischen ich und du", wie das noch auf Old Nobody genannt wurde, sondern den Ort zwischen Natur und Kultur. Die Platte ist trotzdem kein Philosophie-Proseminar geworden, sondern in weiten Teilen eine, ja, romantische Beschreibung, von Naturphänomenen, dem Wechsel der Jahreszeiten und dem Wesen von Tieren ("Tiere sind nicht die besseren Menschen, bei ihnen gilt des Stärkeren Recht.") Klingt das jetzt verschroben, naiv, blöd?
Verbotene Früchte: Stimmen hören
Nichts ist leichter, als ein paar Textzitate von Jochen Distelmeyer abzudrucken, und sie dann höhnisch zu kommentieren, so wie es letzte Woche das Profil gemacht hat. Aber Blumfeld sind eben keine Dichter, sondern eine Band, und Jochen Distelmeyer ist kein Lyriker sondern Sänger und Songschreiber. Und wenn man ihm zuhört, wie er seine Worte in Melodien und Gesang übersetzt, dann wird das im besten Falle magisch.
"Verbotene Früchte" ist voll von dieser Magie. Mit dieser Platte überschreiten Blumfeld endgültig die formalen und inhaltlichen Grenzen der "Hamburger Schule". Den offensichtlichen Protestsong ("Die Diktatur der Angepassten") sucht man hier vergeblich. Warum aber das Thema Natur gleichbedeutend sein soll mit dem Rückzug ins Private, oder gar in die Verspießerung, wie es manche Kritiker der Band vorwerfen, kann ich nicht nachvollziehen.
Das Cover zur ersten Single-Auskoppelung "Tics"
Verbotene Früchte: Fan sein
Ich bin ein Gegner davon, Popmusik lange vor ihrer Veröffentlichung zu konsumieren. Der Beruf bringt es mit sich, ab und zu mit sogenannten "Vorab-CDs" konfrontiert zu werden. Meist schlichte weiße Pappendeckel-Dinger, ohne Infos jenseits eines trockenen Tracklistings. Da geh' ich lieber in den Plattendiskonter oder die musikalische Hausapotheke, sehe die Poster, das Cover, spüre das Umfeld, ob die Platte in Stößen rumliegt oder als einsames Exemplar der Wühlkiste entgegendämmert.
Bei der neuen Blumfeld hab ich, als Fan, eine Ausnahme gemacht, und mir ein "Promo-Exemplar" der Platte schon vor circa einem Monat in den CD-Player geschoben. Und da rotieren die "Verbotenen Früchte" seither fast ohne Unterbrechung. Musik, die bei mir klebenbleibt, Musik ohne Beispiel, konkurrenzlos auf ihrem Terrain. Auch wenn Blumfeld ihr Image als "Diskurs-Rocker" - was für ein grässliches Wort - wohl niemals abstreifen werden, gibt es eine Dimension in ihrer Musik, die sich den Worten entzieht, wie es bei großer Popmusik ja eigentlich selbstverständlich sein sollte.
Das Cover zu "Verbotene Früchte"
Ein Interview mit Jochen Distelmeyer, das Eva Umbauer geführt hat, samt Ausschnitten aus "Verbotene Früchte" gibt es heute, 24. April, in der FM4 Homebase zu hören.