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  Österreich | 28.5.2006 | 12:33   

 
 
Lesestoff: Alexander Masters - 'Das kurze Leben des Stuart Shorter'
  von Anna Katharina Laggner

Stinklangweilig findet Stuart den ersten Entwurf seiner Biographie, die ihm Alexander nach zwei Jahren Gesprächen und Recherche vorlegt. Stinklangweilig. Stuart meint das nicht böse, er meint nur, Alexander solle etwas schreiben, das die Leute auch lesen. Am 6. Juli 2002 wird Stuart vom 23.15 Zug von London nach King's Lynn erfasst. Man kennt sein Urteil über die Endfassung der Biographie nicht.
 
 
Der rücksichtsvolle Selbstzerstörer
  Stuart Shorter ist Ex-Penner, Alkoholiker, Ex-Junkie. Alexander Masters ist Mathematiker und Physiker und hat eine Zeit lang in der Obdachlosenhilfe gearbeitet. "Bei der ersten Gelegenheit mach ich mich alle" hat Stuart zu Alexander bei ihrer ersten Begegnung 1998 in einem Hauseingang in Cambridge gesagt. Doch aus Rücksicht auf die Mutter solle der Selbstmord auf jeden Fall nach Mord aussehen.
 
 
 
"Stuart: A Life Backwards"
  Der Sozialarbeiter und Sohn zweier Schriftsteller schreibt ein Buch über einen Obdachlosen, dessen Familiengeschichte kaum zu rekonstruieren ist. Erzählt dessen Leben rückwärts, um eine Erklärung für das widerspenstige Wrack zu finden. Dass diese Biographie weder plattes Mitleidsgesäusel, noch abgehobenes Obdachlosen-Psychogramm wurde, ist ob der Prämissen ein kleines Wunder. "Das kurze Leben des Stuart Shorter" begeistert, weil sich Alexander Masters gängigen Mustern verweigert, weil er nicht Beobachter und Analyst ist, sondern Stuarts Freund. Weil er mitreißend schreibt und erkennt, dass eine Person, vor allem eine, die sich selbst nicht versteht, nicht zu erklären ist.

Am Anfang des Buchs, also kurz vor seinem Tod, ist Stuart ein Hoffnungsfall: er hat eine schimmlige Wohnung zugewiesen bekommen, macht den Führerschein und führt - mit einer auf Gehör und Glück basierenden Rechtschreibung - einen Terminkalender.

 
 
Sieben Uhr bei Alexander
 
 
  Vom Jetzt ausgehend arbeitet Alexander Masters sich rückwärts bis zu Stuarts Kindheit. Stuart in den Gefängnissen Englands, Stuart, der droht, seinen Sohn aus dem Fenster zu werfen, Stuart, der "aufhört, ein Mensch zu sein... den rasenden Stuart, die Serie blutiger Zwischenfälle". Stuart auf Heroin, Stuart auf Klebstoff. Stuart, der an Muskeldystrophie leidet. Stuart, der von seinem Bruder und seinem Babysitter vergewaltigt wird. Stuart, der erkennt, dass er seinen Verstand nicht unter Kontrolle hat.
 
 
 
Chaot
  Alexander schreibt Stuart eine Kategorie zu und versucht sie zu ergründen: Stuart ist ein Chaot, "wo jeder andere einmal ein Desaster erlebt, erleben Leute wie er siebenhundert gleichzeitig." Chaoten "brauchen keine Wohnung und keine Arbeit - sie brauchen ein neues Hirn." In "Das kurze Leben des Stuart Shorter" sagt jeder, was er denkt und vom andren hält. Als Leser wird man Teil dieser Vertrauensbeziehung. Nur einmal, als Alexander an den Ort von Stuarts Kindheit fährt und dessen Großeltern besucht, hat er das Gefühl, seinen Freund zu verraten. Da steigt er vom Fahrrad, "um wenigstens eine Zeichnung zu machen." Masters' Illustrationen sind ein weiterer Sympathiefaktor des Buchs.
 
 
 
 
 
  Die invertierte Biographie ist ein Balancieren von einer wackligen Lebenssprosse zur nächsten, deren Brisanz auch dadurch mächtig wird, dass Alexander Masters biographische Sequenzen und aktuelle Geschehnisse verstrickt. Etwa eine dreitägige Schlafaktion vor dem Londoner Innenministerium, nachdem die Leiter einer Cambridger Obdachlosenstiftung inhaftiert wurden, da in ihrer Tagesstätte angeblich Drogen gehandelt worden waren. Stuarts familiären Hintergrund und von Demütigung geprägte Kindheit strapaziert Masters aber nicht als Belege für dessen gegenwärtiges Verhalten, simplifiziert nicht Ursache und Wirkung. Er schafft das, was eine Biographie erfüllen soll: die literarische Abbildung eines Menschen. Mit allen Facetten.
 
 
 
  Alexander Masters lässt Stuart seitenlang reden und eine Welt beschreiben, die aus Obdachlosen einerseits und "dem System" andrerseits besteht. Komik entsteht von selbst. In einem Interview mit dem Guardian, der ihm den First Book Award verliehen hat, sagt Masters: "Stuart was very funny, (...) I think it's important to try and convey a sense of the situation. It's an exaggerated life, on the humourous side as well as the romantic side, or the tragic side. (...) Stuart often found himself in ludicrous situations, or we would find ourselves in uncomfortable situations, upsetting situations, where there was no way of release, no way of making sense of it except to be ridiculous about it. That really worked. I hate saying that sort of thing - what can you do but laugh? - but it is a bit of that."

 
 
  Das kurze Leben des Stuart Shorter von Alexander Masters ist 2006 in einer Übersetzung aus dem Englischen von Malte Krutzsch im Verlag Antje Kunstmann erschienen.
 
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