FM4 Redakteure lesen sich einmal um den Globus.
Eine literarische Reise. 20. und letzte Station: Österreich. Allein oder einsam sein macht schlussendlich keinen Unterschied.
Thomas Glavinic: "Die Arbeit der Nacht"
von Astrid Schwarz
Wenn ein "Guten Morgen!" in der Früh ungehört verhallt, ist das an und für sich noch nichts Ungewöhnliches. Wenn das allerdings heißt, dass sich nicht nur niemand im selben Raum befindet, sondern dass es überhaupt kein Leben mehr gibt, ist die Situation eine andere.
Jonas, Mitte 30, wacht am 4. Juli in seiner Wiener Wohnung auf, die Tageszeitung fehlt, der Fernseher flimmert und aus dem Radio kommt nur Rauschen. Auch das Internet ist tot. Zuerst glaubt Jonas an einen Scherz oder gar Feiertag verschwitzt zu haben. Doch auf den Strassen regt sich kein Leben. Die Autos stehen stumm am Straßenrand. Er fährt nach Salzburg und nach Ungarn, hinterlässt überall Nachrichten, man möge ihn doch bitte kontaktieren - doch nirgends findet er Zeichen von menschlichem Leben.
"Am Vorabend hatte er eine Streichholzschachtel gegen die Wohnungstür gelegt, wie er es in Filmen gesehen hatte. Als er am Morgen die Tür kontrollierte, lag die Schachtel noch da. An der exakt gleichen Stelle. Nur dass die Seite mit dem Adler nach oben schaute, nicht mehr die mit der Fahne. Niemand war hier gewesen, niemand. Es war unmöglich. Aber wie sollte er sich dann die Schachtel erklären?"
Die Angst macht sich breit. Jonas besorgt sich für Verteidigungszwecke eine Pumpgun. In der ganzen Stadt stellt er Kameras auf, um das Geschehen während seiner Abwesenheit zu dokumentieren um überprüfen zu können, ob da wirklich niemand ist. In den Strassen ändert sich nichts, was sich ändert ist Jonas Wahrnehmung. ER distanziert sich von seinem schlafenden Ich und beginnt sich selbst auf den Videobändern zu verleugnen, wodurch er letzen Endes wirklich allein ist.
Mit Handlungsanweisungen, die er sich auf kleine Kärtchen schreibt, versucht er seine Einsamkeit zu beleben. Die Fotos der Vergangenheit in der Wohnung seines Vaters dient ihm als Strohhalm in der Gegenwart. Doch der wirkliche Rettungsanker ist die Liebe zu seiner Freundin Marie, die er nicht erreichen kann. Um Sicherheit über den Verbleib seiner Freundin zu bekommen packt er seine Habseligkeiten auf einen Lastwagen und macht sich auf den Weg nach Großbritannien.
Thomas Glavinic nähert sich in "Die Arbeit der Nacht" den großen Themen des Menschseins wie Einsamkeit, Angst und Mut ganz unverblümt und mit grossen handwerklichem Geschick. Psychodrama, extreme Situationen und Personen hat Glavinic schon in seinen früheren Büchern zelebriert. Die spannende, dramaturgische Entwicklung lässt alle anfänglichen Längen vergessen. Die Arbeit der Nacht ist eine Hommage an das Menschsein und nicht zuletzt an die Liebe.
Thomas Glavinic - "Die Arbeit der Nacht", Roman, erschienen im Hanser Verlag, 400 Seiten.
Am 27. September 2006 liest Thomas Glavinic (gemeinsam mit Nicolas Ofczarek) um 20 Uhr im Wiener Rabenhof Theater aus "Die Arbeit der Nacht".
* Der Begriff Einsamkeit bezeichnet die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein. Die Bewertung dieses Sachverhalts kann sehr unterschiedlich ausfallen, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet.
* In der Aufklärung wird Einsamkeit oft positiv gewertet, als Rückzug des Menschen aus dem hektischen Alltag zum Zwecke geistiger Aktivität und Selbstbesinnung.
* Das sich Vollständig-von-der-Gesellschaft-Abkapseln ist hauptsächlich in Japan seit den letzten Jahren ein weit verbreitetes gesellschaftliches Phänomen besonders unter Jugendlichen geworden - die Hikikomori.