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  Österreich | 14.10.2006 | 18:55   

 
 
Richter im Audioexil
  von Andreas Gstettner

"Ich wohne im vierundzwanzigsten Bezirk von Wien, in St. Pölten."

Mit diesem Satz hat für mich der sympathische Musiker aus dem ländlichen Außenbezirk schon gewonnen. Nicht, dass sich Christoph Richter für seine Wurzeln schämen würde. Im Gegenteil. Er sieht sich in bester Gesellschaft mit seinen musikalischen Nachbarn Bauchklang, House Of Riddim, und Ben Martin.

Sie alle kommen aus der gleichen Gegend, wie der Multiinstrumentalist Richter, der sich auf seinem Solodebüt Audioexile sowohl an Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards und Drummachines versucht.

Und das mit überzeugender Meisterhaftigkeit, was uns auch gleich ein wunderbares Album auf Couch Records beschert.
 
 
 
Von Bach zu Tomita
  "Ich bin sehr behütet aufgewachsen, umgeben von Musik."

Das meint Christoph Richter etwas zögerlich, wenn er nach seiner musikalischen Sozialisation und Vergangenheit gefragt wird. Denn allzu viel weiß man noch nicht von ihm. Wenigen wird er von der Halluzination Company bekannt sein, mehreren vielleicht als Keyboarder von Mono & Nikitaman. Aber sonst ist sein Werdegang eher ein weißer Fleck auf der österreichischen Musiklandschaft. Also fangen wir von vorne an.

"Meine Eltern spielen Klavier, mein Vater zusätzlich Saxophon, von meinem Bruder habe ich alles über das Gitarrespielen gelernt und mit 7 Jahren habe auch ich dann angefangen, Klavier zu spielen. Ich habe immer nach Gehör gespielt und Songs, die im Radio liefen, versucht, nachzuspielen."

An diesem Punkt wäre musikalisch ja noch alles möglich gewesen. Dennoch gab es einen Schlüsselmoment, das ihn davon abgehalten hat, in der Schulzeit eine Rockband zu gründen, um damit die Welt und ihre Frauen zu erobern.

"Mein Vater hatte damals eine alte Tonbandmaschine. Er hat ein super Band zusammengestellt. Einerseits nahm er Stücke des Brandenburger Konzerts Nr. 3 von Bach und hat sie mit Musikteilen von Tomita [Anm.: Japanischer Synthesizer-Freak der 70-iger Jahre] kombiniert. Es war so kunstvoll zusammen geschnitten, dass es mich umgehauen hat. Das war mit zehn Jahren also mein erster Kontakt zur elektronischen Musik."

 
 
 
 
Die Rumpelkammer
  Dieser vorgezeichnete Weg hat Christoph Richter natürlich nicht davon abgehalten, viel Pop- und Funkmusik zu hören, die sich gleichberechtigt über die Kopfhörer seines Walkmans in seiner emotionalen Welt festhakten. Doch mit der Zeit nahmen die synthetisch produzierten Klänge überhand. So sieht er sich heute mit der folgenden Tatsache konfrontiert:

"Mein Heimstudio ist wirklich schon eine Rumpelkammer!"

Wobei den hier angesprochenen Rumpel sehr viele Musiker gerne bei sich in der Kammer stehen hätten.

"Ich habe sie nicht gezählt, aber mindestens sechzehn analoge Keyboards werden dort schon herumstehen. Ich muss da auch wirklich aufpassen, dass meine Musik nicht zu Syntesizer-lastig wird. Aber ich finde trotzdem, dass diese Instrumente einen wahnsinnigen Charme haben. In der Schlussphase der Albumproduktion habe ich dann jedoch immer mehr Keyboardlinien wieder gelöscht und herausgenommen, um die Songs nicht zu überfrachten."
 
 
 
Pop + Elektro + Funk = Richter
  Auf 'Audioexile' vermengen sich viele Stilrichtungen. Die Popeinflüsse stammen meist von den Beatles, denen Richter auch das 'Magical Mystery Interlude' gewidmet hat. Auch die famosen, poppigen Songs 'At Night' und 'Stars Never Lie' gewinnen durch die unaufdringliche Singer/Songwriter-Ästhetik. Die psychedelischen Parts, die bei dem grandiosen Track 'Hurt' etwas herauszuhören sind, entstammen Richters Pink Floyd Phase und als dritte musikalische Säule untermauert der Funk à la George Clinton und Parliament den eigenständigen Stilmix, wie man bei 'B-Side' und 'Funk Is What You Don't Play' schwer überhören kann.

Und das alles ist so geschickt gemacht, dass sich die Songs im fast schon klassischen drei-Minuten-Popformat ganz natürlich mit Dancetrack-artigen Arrangements kreuzen. Dabei achtet Richter darauf, dass sein Werk durch Wiederholung nicht an auditiven Schätzen verliert.

"Ich bin ein Mensch der es sehr schätzt, wenn eine Produktion mit Liebe zum Detail gemacht ist. So wie bei David Bowies 'Outsight' - eine Platte, bei der ich noch nach unzähligen malen versteckte Instrumente und Melodien heraushöre."
 
 
 
Das selbst gewählte Soundexil
  Was dieses Solodebüt noch weiter in das Singer/Songwriter Eck platziert, sind die persönlichen Texte.

"Es ist mir wichtig, dass ich über Sachen singe, die mich bewegen. Diese Art, authentisch Geschichten zu erzählen, ist für mich die einzig richtige. Denn ich halte es nicht für sinnvoll, irgendwelche Liebestexte, die die Welt nicht braucht, zu verewigen."

So gesehen funktioniert 'Audioexile' wie das emotionale Tagebuch von Christoph Richter. Denn Gefühle möchten ja auch verarbeitet werden. Vor allem dann, wenn sie wie ein unendlicher Loop sich durch die Gehirnwindungen schlängeln.

"Ich bin ein Mensch, der sehr lange über Dinge nachdenkt. Manchmal auch zu viel und zu lange. Während Menschen andere Gedanken schnell abstreifen können, hänge ich manchen tagelang nach."

So scheint es dem perfektionistischen Multiinstrumentalisten auch bei der Produktion ergangen zu sein, was sich wiederum auf den Plattentitel 'Audioexile' niedergeschlagen hat.

"Ich war stundenlang, tagelang im Studio. Ganz alleine habe ich ein und dieselbe Melodie Millionen Mal gehört. Und nach einer gewissen Zeit wird man schon sehr wunderlich. Man verliert den Kontakt zur Außenwelt. Nach langen Studiosessions fällt mir dann das Kommunizieren schon schwer, weil ich zuvor noch in einer anderen Ebene war. Und jemanden mitzuteilen, dass ich an einem Rhodes Piano gerade über zwei Stunden herumgeschraubt und gefeilt habe, bis es endlich passt, ist für andere Menschen ja auch extrem uninteressant und ungreifbar. Hauptsache es klingt gut." (lacht)

Und diese Hauptsache erfüllt Richter bravourös. Sein Album trifft ins Schwarze, auch wenn es diesen bestimmten Bereich bei der Verschränkung seiner musikalischen Vielschichtigkeit eigentlich gar nicht gibt.

 
 
Tipp:
  Christoph Richter präsentiert am 3. November 2006 sein Album 'Audioexile' im Rahmen der Couch Records Night im Porgy&Bess in Wien.

Ein ausführliches Interview und eine lange Listening Session durch das Richter Album könnt ihr im kommenden FM4 Soundpark mit Marianne Lang hören. In der Nacht von Sonntag 15. Oktober auf Montag 16. Oktober ab 1 Uhr.
 
 
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