Die französische Gastfreundschaft, die formidable Küche, das perfekt organisierte Festival, das alles hab ich schon erzählt. Was bis jetzt fehlt sind die Menschen, die ein Festival wirklich ausmachen. Und damit meine ich nicht uns privilegierten Medien- und Plattenfuzzis.
Rennes hat 250.000 Einwohner, ringsum flaches Land und kleine Dörfer. Nichts desto trotz findet dieses Wochenende neben dem Transmusicales, dem Off Festival, dem Off Off Festival auch noch eine Free Party (das Technival) mit mehr als 25.000 Besuchern statt.
Und bei uns?
Das österreichische Gegenstück zu Rennes , was die Einwohner betrifft, ist demnach Graz. Okay, Graz hat Gott sei dank das Spring Festival, aber ich kann mich aber an kein anderes Event erinnern, ausgenommen vielleicht Sportveranstaltungen, die auch nur annähernd an die Besucherzahlen dieser vier parallel laufenden Veranstaltungen herankommen. Noch einmal - hier geht es um eine Stadt, nicht um einen Acker im nirgendwo.
Beim Transmusicales werden keine großen Headliner eingekauft, vor ein paar Jahren haben zwar die Beastie Boys und die Fugees gespielt, aber das hat eher mit dem Musikgeschmack und den guten Kontakten des Masterminds des Festivals, Jean Louis Brossard zu tun, denn mit Philosophie. Das Booking macht nämlich ebendieser völlig allein, so hat es mir zumindest Regis erzählt, der immer freundliche Mann, der für die Pressebetreuung zuständig ist. Einige der hier auftretenden Bands werden uns diesen Festivalsommer wieder begegnen, andere wahrscheinlich nie den Weg nach Österreich finden. Ich befürchte, dass meine Favoriten zur zweiten Gruppe zählen.
Aber wieder zur Frage, woher kommen all diese Menschen? Gestern habe ich versucht, diesem Mysterium auf den Grund zu gehen. Eins gleich vorweg - ich bin gescheitert. Und wie. Denn es gibt ihn wirklich, den großen Graben den Goscinny und Uderzo in Asterix so treffend schildern. Der große Graben ist das völlige Fehlen einer Fremdsprache. Wer sich daheim einmal gefragt hat, ob Besucher den Witz des Sängers wirklich verstanden, kann völlig beruhigt sein. Hier versteht man außer "hello" und "clap your hands" gar nichts. Meine kläglich gescheiterten Versuche, Fragen über das Alter, den Wohnort, die Lieblingsband zu stellen, kann man sich nächste Woche in der Homebase anhören. So bleibt für mich weiter vieles im Dunkeln, kein "ich mag das Flair, der Sänger ist so süß" und so weiter.
Also zurück zum gestrigen Tag
Am Nachmittag habe ich mit DJ Click, einem fantastischen DJ, der oriental-flamenco-balkan mit Teremin und anderen lustigen Instrumenten mischt, mit DJ Morpheus - Swound Sound Hörern bestens bekannt - und dem einen oder anderen Musiker, Plattenfirmenmenschen oder Booker interessante Gespräche geführt. Am Abend wieder in den Shuttlebus und raus zum Festivalgelände, rechtzeitig zu den Bishops, die auch zum FM4 Geburstagsfest kommen, eine sehr gute Show, aber die Bühne war doch ein wenig zu groß. Danach ein großartiges Konzert von Albert Hammond jr und warten auf den Headliner Cassius. Die Halle war rappelvoll aber schon nach ein paar Minuten steigt Schwefelgeruch in meine Nase. Wo bin da hineingeraten? Das Album finde ich ja ganz gut, aber das hier ist nix für mich. Der 90er Megadancemix mit permanenten "sound of tha police" und "you got the power" Sample lässt mich flüchten.
DJ Click
(c) D. Vrignaud - Trans 2006
The Books
Ein Getränk später hab ich mich wieder gefangen, aber leider hab ich auch Son of Dave versäumt, die einmanndeltariverbluesdanceband (copyright Björn Booker aus Berlin). Mein Bett ruft schon, doch bevor ich gehe, muss ich mir noch The Books anschauen, Kollege Smash lobt sie ja in den höchsten Tönen, und er hat recht damit! Zwei Mann, Acoustic Gitarre und Chello kombiniert mit feinsten Beats von der Harddisc. Ich steh wie angewurzelt und mein Lächeln wird von Minute zu Minute breiter. Normalerweise gibt es ja keine Zugaben beim Trans, aber 30 Sekunden nach Ende des Konzerts, kommt ein weißhaariger Mann auf die Bühne, sagt irgendetwas mit "extraordinär" und die Show geht weiter. Der Mann war besagter Jean Louis Brossard und sein Lächeln war dem meinen nicht unähnlich.
Die Long Blondes haben danach ein leichtes Spiel mit mir und verzücken mich mit netten Popsongs. Das Bett kann warten und DJ Morpheus bringt die Leute auch um vier Uhr morgens noch zum Tanzen. Das Bett kann weiter warten.
Heute am Programm
CSS, Kaiser Chiefs, dam (palistinänsischer Hip Hop aus Israel (!)), edu k, MSTRKRFT, Justice und andere. Und da gibt's ja noch das Off, das Off Off Festival und das Technival. Schlafen kann ich in Wien auch noch.
Danke
ans Institut francais de Vienne, das uns diese Bildungsreise in Sachen französischer Musikkultur ermöglicht hat.