Man könnte annehmen, hinter dem Titel 'Alles verloren' stecke ein depressives und pessimistisches Werk. Wenn allerdings Binder & Krieglstein als Interpret auftaucht, ist ziemlich schnell klar, dass die elf Songs der Platte einen differenzierten Blick auf das Thema "Verlust" bieten. Witz statt Selbstmitleid, Weisheit statt auswegsloser Trauer, Handeln auf Grund der eigenen Stärken statt Verfall in die Depression. Und vor allem Spaß an der Musik, die einem in den schwierigsten Krisen des Lebens Kraft geben kann.
So wie ich Rainer Binder Krieglstein kennen gelernt habe, würde er all dem vielleicht entgegenhalten, dass es ganz einfach nur schöne Popsongs geworden sind.
Und auch da ich müsste ich ihm beipflichten.
Mut und Konfrontation
Für Rainer Binder Krieglstein scheint zur Zeit alles glatt zu laufen. Nachdem sein Debüt 'International' im Frühling 2002 schon einmal zum FM4 Album der Woche gekürt worden ist, findet er sich jetzt gerade rechtzeitig zur Veröffentlichung des dritten Studioalbums wieder am Podest und spielt obendrein den "quasi Releasegig" auf unserem FM4=12 Geburtstagsfest.
Dass dies keiner Zufälligkeiten, sondern harter Arbeit, Durchhaltevermögen, Mut und Konfrontationen bedarf, gehört mittlerweile ganz selbstverständlich zum Leben des auf die 40 zugehenden Grazer Schlagzeugers, Musikers und Produzenten.
Für 'Alles verloren' hat Rainer Binder Krieglstein erstmals sein musikalisches 'Baby' aus der Hand gegeben und einen Außenstehenden an die Mischpultregler gelassen. Den Frankfurter Produzenten Stefan Hantel, unter seinem Künstlernamen Shantel bekannt für seinen Bucovina Club Sound. Der für Rainer wichtige Schritt, über die Szene- und Landesgrenze hinauszugehen, stieß bei seinem Musiker- und Bekanntenkreis nicht nur auf positive Reaktionen.
"Es ist mir sogar schon vorher vorgeworfen worden, wie ich nur mein Werk aus der Hand geben kann, um jemand anderen drüber zu lassen. Es ist vielleicht auch eine Frage der Reife, denn ich habe mich ja auch selbst disziplinieren müssen, um diese gute Erfahrung machen zu können."
Um diesen Entwicklungsschritt besser nachvollziehen zu können, ist es gut zu wissen, welche grundlegende Frage sich Rainer Binder Krieglstein vor der Produktion seines dritten Albums gestellt hat.
Die entscheidende Frage
"Was bleibt da noch über, wenn einmal die ganzen Arrangement-Raffinessen, die Ecken, Kanten und absichtlichen Trash-Faktoren rausfallen? Was bleibt da vom Songwriting über?"
Diese Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten. Nach den zwei ersten Platten, die für Rainer durch ihre Lo-Fi Ästhetik eine sehr intime Stimmung hatten, ist bei 'Alles Verloren' durch das Wegfallen der Komplexität und der dadurch entstehenden Geradlinigkeit kein Platz mehr zum Verstecken. Unmittelbar stehen die Songs mit ihrem klaren und druckvollen Sound unverrückbar für das Ende einer Soundfindung.
Der eklektische Stilmix zwischen Dub, Elektronik, Jazz-Versatzstücken und Folk ist noch immer das Markenzeichen. Allerdings ist der Popappeal in den Vordergrund gerückt, unterstützt durch die großartige Produktion von Shantel.
title: Prime Cuts: Alles verloren artist: Binder & Krieglstein length: 1:10 MP3 (1.12MB) | WMA
Zwischen alt und neu
Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass sich einige altbekannte Stücke auf dem neuen Album befinden, wie 'Wir wissen nicht' oder eines der absoluten Highlights 'Monkey Disco', das schon viele musikalische Mutationen durchgemacht hat. Bei der Auswahl der Tracks spielte Shantel eine große Rolle. Da die Platte auf seinem Label Essay Recordings erscheint, wurde entschieden, neben den neuen Songs die alten, die in Österreich sehr gut funktionierten, auch in Deutschland unter die Hörer zu bringen.
Für Binder & Krieglstein Kenner ist das allerdings kein Nachteil. So hat die neue Version des Protestsongcontest Lieds 'Alles verloren' nicht nur einen überarbeiteten, genialen Text, sondern auch die kratzige tiefe Stimme von Rainer von Vielen bekommen. Ein Glanzstück voller Ironie, Humor und schmunzelnden Lebensweisheiten.
Neben der ausgefeilten Popperle 'Spit', dem gewagt kommerziell wirkenden Trashlied 'Drink All Day' und dem Groovemonster 'Pietons' (hat da Police für die Bassline Pate gestanden?) besticht der Song 'Piraten' durch seine komplexe und lange Geschichte. Nur so viel: Es ist eine Art Coverversion des Liedes "Möchtegernpiraten" von Polman Reisen (das Projekt um Matthias Kertal von Mika und Garish-Sänger Thomas Jarmer). Dafür konnte Rainer Sängerin Eva Jantschitsch alias Gustav begeistern. Auch hier gab es keine Zufälligkeiten, sondern bedurfte es der schon erwähnten beinharten Arbeit.
Ohne Verluste geht es nicht
Durch viele Verluste scheint man sich wirklich mehr selbst zu finden. Rainer Binder Krieglstein ist für mich einer der wenigen Menschen, die ich in letzter Zeit kennen gelernt habe, der mit einer gewissen Ruhe und Besonnenheit in die Welt geht, mit all seinen Zweifeln und Hoffnungen, ohne dabei seine Begeisterungsfähigkeit und Menschlichkeit zu verlieren. So fällt mitten im Interview der Satz:
"Es wird immer super, wenn's kompliziert wird. Denn dann steckt viel Geduld und Hirnschmalz dahinter."
Auch wenn dieser Satz aus seinem Kontext gerissen dasteht, kann er in einer Zeit geprägt von Verdrängung, Konfrontationsunlust und der Sucht nach Unterhaltung und Ablenkung Balsam für die Seele sein.
Rainer Binder Krieglstein mag sich durch seine musikalischen Entscheidungen und Veränderungen angreifbarer gemacht haben, aber andererseits kommen seine vermittelten Gefühle und Stimmungen nun viel direkter an.
"Die Platte ist in gewisser Weise eine Zwischenbilanz, da ich ja auch in der Mitte meines Lebens angekommen bin. Da hat man natürlich viel mit Verlusten zu tun. In erster Linie sind das Trennungsschmerzen, die es immer wieder gibt. Aber vor allem verliert man seine jugendhafte Leichtgläubigkeit und Frische. Und da war es mir sehr wichtig, das herüber zu retten, kreativ gesehen. Dass, wenn man an die Vierzig geht, man nicht die Selbstbefindlichkeitsmusik besonders herausstreicht, sondern das ins Gegenteil wendet und den Spaß und die Freude nicht verliert."
Dass mit Alles verloren' auch ein Verlust einhergeht, nämlich der Abschied von einer langen Soundsuche und einem langen Lebensabschnitt, ist für Rainer kein Problem. Denn nun stehen ihm wieder alle Türen offen.