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  Österreich | 11.2.2007 | 13:31   

 
 
Pedro Juan Gutierrez: "Der unersättliche Spinnenmann"
  von Marion Bacher

"Das Zentrum von Havanna ist ein Hexenkessel und wie eine große, feuchte versiffte Höhle, die von Scheiße, Ratten und Kakerlaken nur so überquillt."
 
 
 
  Das Urteil eines jahrzehntelangen Beobachters: Pedro Juan Gutierrez, der Autor des Buches "Der unersätttliche Spinnenmann", lebt seit seiner Geburt im Jahr 1950 in Kuba und stößt immer wieder an Grenzen. Seine Bücher sind in seiner Heimat - bis auf eines - nicht erschienen: Zu präzise, ehrlich und hautnah beschreibt er die Armut der Menschen, die Stadt Havanna, das Regime. Der Autor hält sich mit Jobs als Bildhauer, Dichter oder Journalist über Wasser. Ans Auswandern denkt er trotzdem nicht.

"Manchmal glaube ich, das Leben hier beschränkt sich wirklich auf Musik, Rum und Sex. Alles andere ist Landschaft."

 
 
Lust und Gier als Zeichen der Flucht
  Das Buch "Der unersättliche Spinnenmann" besteht aus zwei Ebenen: einerseits Havanna und andererseits die Lebenskrise des 52-jährigen Pedro Juan (es ist vermutlich kein Zufall, dass die Hauptfigur gleich heißt wie der Autor). Die Hauptstadt Kubas ist die Bühne, auf der Pedro Juan, der Buchprotagonist, ebenso wie Pedro Juan, der Autor, auf der Suche ist. Der in die Jahre gekommene Mann muss sich mit dem eigenen körperlichen Verfall, der Liebe, seiner Arbeit und seiner Alkoholabhängigkeit auseinandersetzen. Sinnfragen verflüchtigen sich da am besten, wenn man sich den Freuden des Lebens hingibt.

 
 
Die Krise und der Verfall
  Pedro Juan ist mit Julia verheiratet. Er findet sie jedoch schon lange nicht mehr begehrenswert. Während sie den ganzen Tag in einem Pizza Fast Food Restaurant arbeitet (sie musste ihren Beruf als Mikrobiologin aufgeben, weil das Gehalt nicht reichte), vergnügt sich Pedro Juan mit zahlreichen Frauen, trinkt Rum und verrichtet Denk- und einfache körperliche Arbeit. Pedro Juan ist Schriftsteller, dessen Bücher in Kuba nicht veröffentlicht werden, weshalb er hauptsächlich Bilder malt. Nicht nur hier verschwimmen die Grenzen zwischen dem Leben des Autors und dem des Protagonisten.
 
 
 
  Das Paar ist unfähig aufeinander einzugehen. Jeder scheitert am Verständnis für den anderen. Liebevolle Worte sind in dieser Beziehung rar gesät. Julia vermutet, was Pedro Juan hinter ihrem Rücken treibt und Pedro Juan vermutet, dass die Flucht in Abenteuer die einzige Möglichkeit ist, das Elend zu ertragen. Elend nicht nur auf die Armut und Angst in Kuba bezogen, sondern auch das eigene Elend: die Unfähigkeit mit sich selber glücklich zu sein.
 
 
 
Keine Beschönigungen in Gutierrez' Werk
  "Der unersättliche Spinnenmann" ist schwer einzuordnen - es ist ein bisschen Roman, ein bisschen Erzählstück und ein bisschen Autobiografie. Erzählungen über Menschen, Beschreibungen, eine fiktive Geschichte und ein Protagonist, der fast 1:1 dem Autor gleicht - alles verschwimmt bei Pedro Juan Gutierrez. Er vermischt den Schweiß der Arbeitenden mit dem Salz des Meeres und spült all das mit Rum hinunter. Auf der Flucht vor sich selber, die durch Alkohol und Sex erleichtert wird, folgt die Beschreibung der Armut, folgt der Moment einer gleißenden Sonne, die im Meer untergeht. Pedro Juan versteht es, seine Leser mit Bildern zu füttern. Er benützt einfache Wörter, um einerseits die Banalität des Alltags zu betonen und andererseits all das Erlebte so roh wie möglich darzustellen. Gutierrez ist kein Analytiker oder Moralist, sondern wie gesagt: ein Beobachter.

 Pedro Juan Gutiérrez (Foto: Ana Bolívar)
 
 
  Pedro Juan Gutierrez "Der unersättliche Spinnenmann" ist im Hoffmann und Campe Verlag erschienen und wurde von Michael Maier ins Deutsche übersetzt.
 
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