fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
  Österreich | 14.6.2007 | 19:25   

 
 
"Textfragmente wie einsame Bojen im schäumenden Ozean"
  von Andreas Gstettner

Seit geraumer Zeit liebe ich "Feel-Good-Geschichten", vor allem in Form von Filmen und Büchern. Als bestes Beispiel - um Definitionsdiskussionen vorzubeugen - sei hier nur Little Miss Sunshine erwähnt.

Vielleicht war ich auch deshalb über den Stil und die Stimmung von Pal H. Christiansens Roman 'Die Ordnung der Worte' etwas überrascht, denn die norwegische Hauptfigur dieser verdrehten Geschichte ist kein über alles liebenswerter Anti-Held. Zumindest nicht ausschließlich.
 
 
 
Hobo und die norwegische Sprache
  Irgendetwas stimmt hier nicht.
Von Anfang an.
Nicht nur der Name unserer Hauptidentifikationsfigur, Hobo Highbrow, ist seltsam. Auch seine Gedankensprünge und inneren Beschreibungen verwirren, wenn er zu Beginn des Romans in der Wohnung seiner Freundin Helle ungeduldig herumstreift, während sie sich im Badezimmer ausgehfertig macht. Alles wirkt ein wenig wie in einer Traumsequenz, bei der man sich auf die Chronologie von Ereignissen und die geographischen Referenzen nie ganz verlassen möchte.

Hobos Welt besteht dabei aus drei wesentlichen Faktoren.

Da wäre einmal die norwegische Sprache, die er über alles liebt und bewaren will. Er ist nicht nur ein Meister BEI Scrabble, sondern sieht sich als Schriftsteller der kurz vor seinem Durchbruch steht, den Nobelpreis für Literatur einzuheimsen. Würde es ihm doch bloß gelingen, seinen Roman über einen Nistkastenbauer ins Rollen zu bringen. In der Zwischenzeit - oder besser formuliert in der realen Außenwelt - ist Hobo Lektor des Boulevardblattes Verdens Gang. Hier blutet sein Herz immer wieder aufs Neue, denn:

Der Journalist war auch einer der vielen, die unter dem Zwang litten, in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen die falsche Präposition anzubringen. Gut BEI Fußball. Gut BEI diesem und jenem. Es machte mich sauer und ließ mich um die norwegische Sprache trauern.

 Pal H. Christiansen - "Die Ordnung der Worte". Erschienen im Rockbuch Verlag. Aus dem Norwegischen von Christine von Bülow.
 
 
Hobo und seine Freunde
  Dann wären da noch Hobos Freunde. Der sympathischste von allen ist gleichzeitig der abgedrehteste, der Künstler Higgins, der einen Müllwagen kauft, ihn adaptiert und zum "Poesieexpress. Bei Anruf - Lyrik!" umfunktioniert. Trotz aller ambitionierten Ideen scheitert Higgins meist bei deren Durchführung. Und dann wären da noch Haagen, Hobos engster Busenfreund der mit seinem Saxophon ins Bett geht, der manchmal mürrische Kneipenbesitzer Hirsch und Herman, Besitzer eines Lebensmittelladens. Sie alle spiegeln die kleine und skurrile Welt von Hobo wider, indem sie ihn meist verwundert und fragend ins Gesicht blicken, während er ihnen seine wüsten Gedankenfetzen um die Ohren schleudert. Hobo beteuert, man habe ihm seinen Tisch gestohlen, seinen Kleiderschrank ausgeraubt, sein Romanmanuskript verschwinden lassen und jetzt betrüge ihn auch noch seine Freundin! Alles wahr oder doch nur Einbildung?

 
 
Hobo und die Popmusik
  Selbst in den auswegslosen Situationen, in denen Hobo niedergeschmettert auf seinem Bett liegt und die Decke anstarrt oder krampfhaft versucht, den nächsten Satz seines Romans (der ihm ja den Nobelpreis einbringen soll) hinzukritzeln, hilft ihm etwas aus der Lähmung und Depression: Die Popgruppe A-HA. Das Trio erscheint unserem Möchtegern-Literaturstar nicht nur in seinen Tagträumen, sondern auch beim Einkauf oder Spaziergang durch den Park. Hobo geht sogar so weit, dass er seinem Idol Pal Waaktar-Savoy in dessen Privatvilla folgt.

Warum gerade die norwegische Band A-HA zeitlose, perfekte Popsongs geschrieben hat und warum ihr Album 'Hunting High And Low' (1985!) derart inspirierend wirken soll, diese Erklärungen überlasse ich dann doch lieber Pal H. Christiansen und seinem Charakter Hobo.

 
 
Wenn die innere Welt nicht kompatibel ist
  Pal H. Christiansen schickt uns in 'Die Ordnung der Worte' gerne auf die falsche Fährte. Immer wieder zweifelt man an den Ansichten und Einstellungen von Hobo, an seiner Loyalität und Feinfühligkeit. Eher geht er häufig als Schwätzer, Besserwisser und verkorkster Mensch durch, der in seiner inneren Welt gefangen ist. Das wäre per se noch kein Problem, wenn nicht seine Außenwelt derart inkompatibel mit seiner Wahrnehmung wäre.

Die Spannung der vielversprechenden Geschichte geht im Laufe des Buches leider etwas verloren, da die Andeutungen einer "Auflösung" zu oft und zu direkt einfließen. Auch wenn man sich mit Hobo und seinen verwirrten Aktionen meist indentifizieren kann, agiert er manchmal doch zu hart gegenüber seiner (Ex-?)Freundin, was an seinem Anti-Helden-Image dann doch beträchtlich kratzt.

Was die Übersetzung betrifft, so hätte ich gerne die Fähigkeit, das Buch auf Norwegisch zu lesen. Denn die recht schnoddrige Umsetzung ins Deutsche steht hie und da im Konflikt zu der sprachlichen Versiertheit des Hauptcharakters und seinem Ordnungswillen der Worte.

Auch wenn manche Menschen behaupten, Christiansens Charakter sei die norwegische Antwort auf Herrn Lehman oder ein Konglomerat aus Romanfiguren wie Rob Gordon (High Fidelity) und Will Freeman (About A Boy), so muss man dem Norweger schon zu Gute halten, mit Hobo Highbrow einen ganz eigenen und vor allem eigenwilligen Kautz geschaffen zu haben, der durch seine zynische und oft raue Ader eine - vielleicht für Skandinavier leichter nachvollziehbare - etwas düstere Stimmung verbreitet.

Spaß macht das Buch alle mal, auch wenn es nicht jenen Feel-Good-Faktor erreicht, den ich mir gewünscht hätte.
 
 
 
  Pal H. Christiansen - "Die Ordnung der Worte". Erschienen im Rockbuch Verlag. Aus dem Norwegischen von Christine von Bülow.
 
fm4 links
  fm4.orf.at/lesestoff
mehr Lesestoff auf fm4.orf.at
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick