Knapp ein dutzend Wohn-, Last-, und Baustellenwägen sind am Stadtrand von Wien nahe dem Wiener Zentralfriedhof auf einer Wiese kreisförmig aufgestellt. Eine Runde junger Menschen sitzt gemütlich im Gras, trinkt Bier und schunkelt zur Musik, die aus einer der Lautsprecherboxen dröhnt. Es ist ein warmer Sommerabend, zur Abkühlung steht in der Mitte des Platzes ein kleiner Plastik-Swimmingpool bereit.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Gruppe verbringt hier nur ein paar gemütliche Urlaubstage. Die jungen Menschen haben aber beschlossen, etwas länger zu bleiben. Sie haben den Platz im Grünen letzten Oktober mit ihren Wägen besetzt um eine sogenannte Wagenburg zu gründen und um hier zu leben. Österreichs einzige Wagenburg steht seitdem - ohne Genehmigung - auf einem Grundstück der Stadt Wien. Und deswegen muss die Truppe das Feld bis Mitte August räumen.
This ain´t no holiday!
Wagenburgen werden aus ähnlichen Motiven gegründet wie Häuser besetzt. Um politische Zeichen zu setzen, aus Protest gegen einen kapitalorientierten Wohnungsmarkt und um alternative Formen des Zusammenlebens zu realisieren. Im Unterschied zu besetzten Häusern ist man dank der Wägen aber mobil: Wer keine Lust mehr hat an einem Ort zu bleiben, setzt sich ans Steuer seines LKWs oder Wohnmobils und fährt mit seinem "Haus" eben weiter.
Durch die meist illegal besetzten Flächen sind viele Wagenburgen von der Räumung bedroht. Bekanntestes Beispiel ist der Hamburger Wagenplatz Bambule, dessen spektakuläre Räumung 2002 große mediale Aufmerksamkeit erregte. Das Phänomen "Wagenburg" wird gerne in die Punk- oder Hippie-Schublade gesteckt, die Wahrheit sieht aber meist weit weniger politisch aus als man vermutet.
Abenteuer & Freiheit
"Mit Punk hat das für mich nix zu tun, ich definiere mich nicht als Punk", erzählt die 25-jährige Jul aus Wien. Wagenburgen haben vielleicht in subkulturellen Jugendbewegungen ihren Ursprung, aber im Gegensatz zu den damaligen politischen Motiven möchte die Gruppe "nur" eine alternative Wohnmöglichkeit schaffen. Juls Gründe so zu leben sind größtenteils rein praktischer Natur.
"Letzten Sommer habe ich meine Wohnung aufgegeben. Ich bin innerhalb von Wien oft umgezogen, auch viel gereist und hatte es irgendwann satt, mein ganzes Zeug immer zwischen den Wohnungen herumzuschleppen".
Wirklich lange hielt es Jul nie an einem Ort. Letzten Sommer hat sie ihre Sachen zum vorläufig letzten Mal zusammengepackt und sich der Wagenburg angeschlossen. Für sie ist Mobilität wichtig und sie würde mit dem Wagen am liebsten noch die ganze Welt bereisen. Zwar wird sie mit dem jetzigen, schon ziemlich alten Wohnwagen (Baujahr 1967) nicht mehr weit kommen, aber darum geht es gar nicht. Jul schätzt das mit der Wagenburg verbundene Lebensgefühl. Die Vorstellung, dass die Reise theoretisch möglich wäre, reicht ihr vollkommen.
Keine Arbeit? Kein Geld?
Martin, der vor drei Jahren für's Psychologiestudium von Deutschland nach Wien gezogen ist, lacht über die Vorurteile mit denen die Wagenburgbewohner ständig konfrontiert sind.
"Klar denken viele, wir wären nur ein paar asoziale Obdachlose und Verrückte. In Wirklichkeit sind wir einfach nur ein harmloser Haufen junger Menschen, der das Wohnen in starren vier Wänden satt hat. Was kann ich in einer Wohnung schon groß machen außer die Möbel herumrücken oder ein Poster auf- und abhängen? Hier bin ich in der Natur und hab den geilsten Garten vor meiner Tür. Das einzige das uns von Menschen die in einer WG oder in einem normalen Haus wohnen unterscheidet, sind die Räder unter unseren Häusern", meint er.
Martin
Und bald kein Dach mehr über dem Kopf?
Die Stadt Wien duldet die Wagenburg im Moment zwar, aber macht auch großen Druck, dass die Bewohner den Platz bald wieder verlassen sollen. Ein neues Grundstück ist aber schon in Aussicht.
Die Wägen werden in den kommenden Tagen auf ein nahe gelegenes Privatgrundstück wandern. Für eine geringe Monatsmiete dürfen sich die Burgbewohner ab Mitte August dort dann auf einer 2000m2 großen Wiese ausbreiten.
Alle Wagenburgen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf einen Blick.