Als Sibylle Berg mit ihrer Agentin im Funkhaus eintrifft, ist sie erstmal von der Architektur des Baus angetan. Würde sich hier sogar einmieten, wenn das ginge. Und irgendwann dann die Frage, ob das noch der Hitler gebaut hätte. Nein, hat er nicht. Aber: War eh nur als rhetorische Provokation gemeint, oder?
Frau Berg polarisiert - und ich denke gerne - das war schon immer so. Entweder man liebt oder man hasst sie, also ihre Bücher.
Grund für Sibylle Bergs Besuch ist ihr neues Buch "Die Fahrt". Es ist ein Reiseroman, und für ihn ist sie tatsächlich ein Jahr durch die Welt gegondelt. Obgleich sie gar nicht gern reist, besonders Flugzeuge muss sie nicht haben. "Die Dinger fallen ja auch andauernd runter", meint sie. Und überhaupt bleibt sie sowieso lieber zuhause, "weil da hat es keine hässlichen Tiere, da weiß man, was man zu essen kriegt."
In "Die Fahrt" tummeln sich etwa drei Dutzend Protagonisten und das rund um den Erdball. Von Island über Berlin, von Bombay bis nach Kyrgyztan, von Wien bis New York.
Der Roman beginnt und endet mit dem Tod - was dazwischen passiert, ist der Kreislauf, der Leben heißt. In bekannter Berg'scher Manier eher im Bereich Drama/Tragödie angesiedelt. Die Komödie schlägt nur hin und wieder mal durch.
Wie so oft in ihren Büchern berühren sich auch in "Die Fahrt" all die unterschiedlichen Schicksale, mal mehr mal weniger, sind dabei gespickt mit den üblichen Berg-Themen, der Suche nach Glück, Sinn und Liebe.
"Es hat jeder so sein Zeug, was ihn antreibt", meint Frau Berg. Und mit dem Unglück kenne sie sich nunmal aus.
Pech
So wie Peter. Per Entliebungs-Zufall führt er ein Hotel auf Sri Lanka, bis er durch einen Tsunami alles und beinahe auch sein Leben verliert. Fortan treibt er planlos durch die Weltgeschichte und scheint schließlich doch noch die Liebe zu finden. Doch so groß die Angst davor, so gewaltig dann auch der Schmerz bei ihrem unvermeidlichen Verlust. Peters Fazit: Die Frauen sind für sein verpfuschtes Leben verantwortlich.
Oder Miki. Pornodarstellerin in L.A., bis ein vermeintlicher Job sie nach Hongkong lockt. Was folgt ist eine millionenschwere Erbschaft und die Erkenntnis, dass reich allein (sic!) auch nicht glücklich macht. Eine Heimat wird sie da finden, wo sie sie am wenigsten glaubt, in ihrer Geburtsstadt Tel Aviv.
Dort und nach wie vor in Zürich lebt Frau Berg. Nach Tel Aviv habe sie der Mann verschlagen, erzählt Sibylle Berg.
"Die Fahrt" ist ihr mittlerweile achtes Buch, daneben gibt's noch Theaterstücke, zuletzt das Musical "Wünsch dir was", das im Vorjahr am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde.
Ticken
Als ich sage "Mir hat dein Roman übrigens schöne Reiselust gemacht", meint Sibylle Berg lachend: "Du bist ja geisteskrank!"
Aber es stimmt, und man merkt dem Buch auch an, dass Frau Berg viel gesehen hat. Zudem sind quer durch den Roman auch ihre eigenen Fotos von der Reise abgedruckt. Was sie dabei übrigens richtig beeindruckt hat war Island. Auch das kann man rauslesen.
"Die Fahrt" hat mich in gewisser Hinsicht an Sibylle Bergs Debüt "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" erinnert. Auch wenn der Ton ein anderer ist. Weniger wütend vielleicht, weniger stakkatoartig. Frau Bergs Worte dazu: "Es wird weniger gesplattert, es wird weniger gestorben, vielleicht weil's mir eh immer näher kommt."
Das Alter und sein Geruch, auch das sind große Themen bei Frau Berg.
Sibylle Bergs Roman "Die Fahrt" ist im August 2007 bei Kiepenheuer&Witsch erschienen.
Ein Interview mit der Autorin könnt ihr heute, Freitag, im FM4 Pool zwischen 15 und 19 Uhr hören.