Aber Alma, es geht hier doch nicht um einen Staatsempfang. Und um den Wiener Opernball auch nicht. Das ist ja eine Ausstattung für eine ganze Entourage (...) Alma hatte das Nötigste in gerade mal zwölf Koffern untergebracht.
Aufbruch und Aufruhr bestimmen den Alltag von Alma Mahler, Franz Werfel und Heinrich Mann: Sie alle fliehen während der Nazizeit nach Kalifornien. Wie es ihnen in der neuen Heimat unter Palmen ergeht, schildert Bachmann-Preisträger Michael Lentz in seinem Roman Pazifik Exil. Genau, Roman. Lentz beschränkt seine Beobachtungen nämlich nicht ausschließlich auf geschichtlich Überliefertes. In mehreren Episoden lässt er je einen der unfreiwilligen Emigranten zu Wort kommen. Deren metaphernreiche innere Monologe folgen ihrem Lebensgefühl in der Fremde aufs Wort, sodass der Leser am Ende verdutzt zur Kenntnis nehmen muss: Eine deutliche Grenze zwischen Realität und Fiktion lässt sich in Pazifik Exil nicht ziehen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn: Lentz' Gespür für die Befindlichkeiten seiner Charaktere ist enorm. Die Schnurren vom Leben und Leiden in Kalifornien, die minutiöse Abbildung eingeschworener Künstlerzirkel, die, ein paar tausend Kilometer gen Westen verlagert, im Inneren wenig anders funktionieren als noch kurz zuvor in Deutschland, berühren dort, wo jeder mitkann: Über ganz alltägliche Sorgen und Probleme von weniger alltäglichen Persönlichkeiten rollt Michael Lentz ein Kapitel deutscher Literaturgeschichte neu auf.
title: Pazifik Exil length: 0:28 Michael Lentz liest aus seinem Roman. Hörbuch, Patmos Verlag 2007 MP3 (448KB) | WMA
Pazifik Exil behandelt die Vergangenheit dieser Autoren von Weltrang mit Bedacht. Hier wird nicht unnötig fabuliert oder übertrieben. Dennoch bietet das Buch einen gewichtigen Gegenpol zu seiner doch eher schwer verdaulichen Kulisse: Die mitunter schwierige Annäherung an die neue Heimat und ihre wahrheitsgemäße Abbildung verzichtet nämlich nicht auf die komischen Momente des Alltags.
Wenn beispielsweise Franz Werfel als Anhänger qualmender Zigarren von seiner Freundin Alma unerbittlich gerügt wird, diese aber gleichzeitig darauf besteht, mit nicht weniger als zwölf Koffern im Schlepptau den Atlantik zu überqueren, darf ruhig gelacht werden.
Michael Lentz
Heinrich ist wieder eingeschlafen. Er kann sich nicht helfen, diese Frau ist unerträglich. Soll sie nur ihre Geschichten erzählen, ich schlafe unwillkürlich dabei ein. "Jedenfalls", setzt Alma ihre Geschichte fort, nachdem sie Heinrich ausgiebig missbilligend angeschaut hat, "die Koffer waren spurlos verschwunden."
Dass Michael Lentz die Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion gekonnt vermittelt, hat zwei Gründe: Einerseits hat der Autor drei Jahre lang eingehend für sein Buch recherchiert, Exzerpte gefertigt, die Werke der Handelnden studiert. Emotional hat sich Lentz aber auf anderem Wege mit der Materie vertraut gemacht:
Während eines Studienaufenthaltes hat er einige Monate in Lion Feuchtwangers Villa Aurora in Kalifornien verbracht, und in Folge die damaligen Aufenthaltsorte seiner Protagonisten abgeklappert. Womöglich war es nötig, die Heimatlosigkeit am eigenen Leib zu erfahren, um sie auch für andere fassbar zu machen. Die Mühe hat sich jedenfalls gelohnt: Mittlerweile ist Pazifik Exil für den deutschen Buchpreis nominiert. Und jeder, der auch nur ein paar Schritte ins Exil geblättert ist, wird meinen: zu Recht.