Beides Begriffe, die nicht unbedingt eine negative Konnotation besitzen müssen. Soll heißen: Mein Besuch im brandneuen Parov Stelar Studio in der Nähe von Linz war geprägt von freundlichen Überraschungen. Abgesehen vom neun Kilometern Stau auf der A1 mit einem Zeitverlust von rund eineinhalb Stunden.
Die dadurch entstandene Verspätung führte dazu, dass ich Marcus Füreder und seine sechs MitmusikerInnen bei schon fortgeschrittener Geburtstagsfeier antraf. Bevor wir überhaupt über Produktionen und Live-Proben sprechen konnten, wurde mit Weißwürsten und Bier auf Trompeter Rainer Gutternigg angestoßen.
Aber schon nach wenigen Minuten, bevor noch das letzte Stückchen Wurst in meinem Mund verschwunden war, hastete Marcus hinter die zwei großen Screens und über das angespielte Playback wurden schon mit Trompete und Saxophon die ersten Töne gepustet. Von da an war die "Meute" nicht mehr im Zaum zu halten.
Vielleicht auch einer der Gründe, warum Marcus Füreder und die Parov Stelar Band selten bzw. ungern nach Wien fahren: Die A1 und ihr Stau.
Das Parov Stelar "Domizil". Außerhalb von Linz lässt es sich - wie man sieht - sehr schön wohnen. Vor dem geistigen Auge kann man die Band in der Sommerzeit am Pool sitzen sehen. Allerdings sind musikalische Assoziationen wie Lounge-Downbeat-Geplätscher fehl am Platz. Denn die Parov Stelar Band "drückt gerne drauf".
Schwarz/Weiß und die 30er Jahre
Nicht umsonst spielen Parov Stelar und Band zur Zeit in ganz Europa viele Konzerte und sind am kommenden Freitag, den 27. Oktober auch zum FM4 Fest in München geladen. Vor Kurzem ist nämlich das dritte Studioalbum 'Shine' auf Marcus Füreders eigenem Label Etage Noir erschienen. Neben groovigen Beats, wundervollen Arrangements, vielen Gastsängerinnen und Sängern, einer gehörigen Portion Popflair und Marcus Füreders bekannte Liebe zum Detail bei der Produktion ist eine Referenz besonders auffällig: Der Jazz und der Lebensstil der 30er Jahre.
Marcus Füreder: "Das waren alles Raver damals (lacht). Die Musik der 30er Jahre verkörpert für mich persönlich extreme Freiheit und den Mut, einfach den nächsten Schritt zu machen. Nicht an das Morgen zu denken, sondern im Jetzt zu leben."
Wenn man einer Probesession von Parov Stelar beiwohnt, könnte man meinen, diese Lebensphilosophie hätte sich auch auf die Bandmitglieder niedergeschlagen.
Instrumente, die Parov Stelar Mastermind live spielt, sieht man für gewöhnlich nicht. Ausser am Bildschirm. Denn Marcus Füreder schraubt fast ausschließlich im virtuellen Raum.
Improvisation is the new loud
Im Hier und Jetzt leben hieß an jenem Probe-Jamm-Tag den Geburtstag von Trompeter Rainer Gutternigg zu feiern. Und darüber hinaus das neue Studio einzuweihen. Denn wenige Stunden, bevor ich meinen Fuß in das mit Holz verschalte Häuschen setzte, wurde noch der Parkettboden verlegt. In beachtlicher Geschwindigkeit gesellten sich in den leeren, weißen Raum noch ein Tisch mit Bildschirmen, einer Synthie-Bank, einem Rechner, sowie Schlagzeug, Bassverstärker und einem Regal mit Etage Noir Veröffentlichungen dazu. Alles ein wenig improvisiert, eben.
Charmant chaotisch wurde der neue Klangraum zum ersten Mal bespielt, wobei die sechsköpfige Band nur wenige Augenblicke brauchte, um zu ihrem tighten Zusammenspiel zu finden. Selbst bei einer improvisationsreichen Probe ist zu spüren, wie gut eingespielt der musikalische Ball vom einen zur anderen geworfen wird.
Selbst bei Live-Auftritten bleibt eine gewisse Grundstruktur eines Songs. Wie hier im Arrangierfenster zu sehen, spielt und improvisiert die Band zu bestimmten Loops und Sequenzen. Marcus: "Vier Fünftel passiert auf der Bühne live, der Rest kommt vom Band."
Hier zu sehen: Bassist Stefan Hölzl, Saxophonist Markus "Sax Max" Ecklmayr und Sängerin Gabriella Hänninen.
Der "Chef" an der Tastatur: Marcus Füreder. Er bietet der Band den musikalischen Unterbau seiner Tracks, lässt ihnen den gebührenden Freiraum und lenkt sie feinfühlig mit kurzen Blicken und Handzeichen.
Konzentriert und trotzdem locker gespielt. Schlagzeuger Andy Lettner macht den vorgegebenen Groove zu seinem eigenen, transformiert ihn mit Lust und Laune und gibt dem digitalen Rhythmus eine menschliche Note.
"Wie ackern einfach das Zeug durch"
Dieses Zitat stammt von Markus "Sax Max" Ecklmayr, das mit Lachen von der gesamten Band gutiert wird. Überhaupt ist die Stimmung zwischen allen MusikerInnen entspannt, relaxed und trotzdem zielgerichtet. Denn aus den feinen Parov Stelar Tracks wird etwas Eigenes gemacht. Es wird also weder nach-, noch lediglich dazugespielt.
Markus Ecklmayr: "Bei dieser Band ist einfach eine hundertprozentige Energie da."
Gabriella Hänninen: "Als Vocalistin gibt es in dieser Band sowieso viel Freiheit. Für mich ist Improvisation genau das, um was es bei diesem Projekt geht. Es ist vielleicht für den Max als Saxophonist manchmal schwierig, da wir beide im Vordergrund stehen und Lead-Melodien legen."
Darauf entgegnet Markus Ecklmayr: "Das Saxophonspielen ist ja auch davon abhängig, dass man weiß, wie stark man hineinblasen muss..."
Allgemeines Gelächter.
Markus Ecklmayr: "Na ja, es ist ab und zu schon so, dass wir recht harte Passagen haben. Da muss man schon nach vorne gehen. Außerdem spiele ich gerne sehr hoch und da seh ich manchmal schon Sternchen."
Erneutes Gelächter.
Keine Konkurrenten: Tompeter Rainer Gutternigg und Saxophonist Markus Ecklmayr. Zwischen synchronen Linien und geblasenen Zwiegesprächen spenden beide eine gehörige Portion Energie und geben den Songs einen guten Drive.
Kommunikation ist alles in einer Band. Da reicht bei der Probe oder auf der Bühne schon ein kurzer, vielsagender Blick und alle wissen, wohin die Reise geht.
Freiheit ist das Wichtigste
Egal ob im Studio, im Proberaum oder auf der Bühne, zu später Stunde wird immer gejammed und frei improvisiert. Genau das macht die Parov Stelar Band zu einem lebenden Organismus, der Energie und Kraft verströmt.
Das weiß auch der Kopf von Parov Stelar, Marcus Füreder, der alle Nummern schreibt und produziert. Live ist er jedoch eher im Hintergrund und schafft seinen MitmusikerInnen viel Raum.
Marcus Füreder: "Das Wichtigste in dieser Band ist, dass jeder seine Freiheiten, die er innerlich spürt, auch ausleben kann. Ab dem Zeitpunkt, wo das passiert, dann ist der Groove da. Und ich glaube, dann funktioniert das ganze Ding auch."
Wie die erste Probe von Parov Stelar geklungen hat und was die Band über ihr Livespielen zu erzählen weiß, hört ihr am Freitag, 26.10., in FM4 Sunny Side Up (10-13).
Im Proberaum mit... TNT Jackson Ein Besuch im kreativen Epizentrum TNT Jacksons. Across the towers, im zweiten Wiener Gemeindebezirk. (Barbara Matthews)
Im Proberaum mit ... Velojet Die vier Velojets haben vor kurzem einen neuen Proberaum bezogen. Ein Lokalaugenschein in der Kreativzelle. (Alexandra Augustin)