Am Theatereingang des Rabenhofs, circa zwei vor acht: Drei Herrschaften in Schwarz entreißen mir rüde das Handgepäck, das muss jetzt nämlich durch den Scanner. Außerdem wird der kleine Finger noch schnell biometrisch abgefrühstückt - naja, wenigstens sind die Plastiksäckchen, in die das Geldbörsel gestopft werden muss, gratis. Boarding Completed, ich schlüpfe zwischen zwei "I see dead Pixels"-Shirts auf meinen Platz.
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Amira Awad und Thomas Rottenberg führen durch die diesjährige Veranstaltung zu Ehren von Datenschutz und Privatsphäre. Wie schon in den letzten Jahren ist kein einziger der Preisträger anwesend, um seinen Betonbruder (siehe unten) in Empfang zu nehmen. Das macht aber nichts, bemerkt Amira Awad, denn wir haben ihre Postadresse und schicken Ihnen die Preise einfach!.
Amira Awad macht ihrem Co-Host mühsam begreiflich, dass Datenschutz durchaus für uns alle von Bedeutung ist - Thomas Rottenberg gibt sich ordentlich brainwashed, und räumt schließlich das Feld für Laudatorin Barbara Mayerl.
Betonbrüder
In sechs Kategorien werden heuer Preise für eifriges Bemühen um Überwachung und Kontrolle vergeben, Format-Journalistin Barbara Mayerl hält die Laudatio für den Bereich "Business und Finanzen".
Nominiert war in diesem Bereich unter anderem die Bawag. Seit August müssen Kunden der Bank bei allen Einzahlungen Name, Geburtstag und Geburtsort bekannt geben, egal ob es sich um eine Gasrechnung, die Rundfunkgebühren oder ein anonymes Strafmandat handelt. Pure Fleißaufgabe, denn selbst die kommende Richtlinie zur Bekämpfung von Geldwäsche verlangt das erst ab einem Überweisungswert von 1.000 Euro.
Trotzdem gewinnt niemand geringerer als Heinrich Frey von der Taxi-Innung den Preis. Er wirbt für Minivideokameras, die das Innenleben der Autos festhalten. Barbara Mayerl hat jedoch keine Lust, am nächsten Tag Roadmovies auf Youtube zu sehen.
Politische Überwachungsverdienste
Standard-Journalist Helmut Spudich sollte eigentlich den Preis für "Überwachungsverdienste" in der Politik überreichen. Den erhält heuer Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Ihr Verdienst: Die Verschärfung des Bildungsevidenzgesetzes. Das verpflichtet zum Beispiel zur Archivierung von (schlechten) Noten und Klassenbucheinträgen - für eine Dauer von 60 Jahren. Weil Claudia Schmied sich kürzlich zu einer entschärften Version der Richtlinie durchgerungen hat (ab 2009 könne man überhaupt noch einmal reden), wird ihr Preis einstweilen in Evidenz gehalten.
"Außerdem kommt es immer wieder zur Ablagerung von Sperrmüll!" Helmut Spudich zitiert Wohnbaustadtrat Michael Ludwig, der für Mistkübelüberwachung eintritt.
Mit Gamejew im Gepäck stürmen anschließend Monochrom die Bühne. Sie haben sich ein "Rock Opera Musical" im Taschenformat ausgedacht. "Myfacespace" bringt Web2.0-geile Nerds auf die Bühne. Fünf Minuten später bleibt vor allem die Frage, wie lange Johannes Grenzfurthner für diesen Auftritt wohl in der Maske gesessen ist.
"The Administrator" geistert durch den Saal.
Unter den gestrengen Blicken des Sicherheitspersonals betritt Laudator Rainer Nikowitz die Bühne.
Lebenslanges Ärgernis
Vor der Pause erklärt Kabarettist Rainer Nikowitz noch schnell, warum sich Hans Dichand diesen Titel verdient hat. Uschi Reiter stellt dann die Nominierten der Kategorie "Behörden und Verwaltung" vor. Mit Einrichtung der lebenslangen elektronischen Gesundheitsakte könnten schon bald Privatversicherungen, Betriebsärzte und sogar Verwaltungsangehörige in unseren Krankengeschichten herumstöbern. Den Preis bekommt dann aber Peter van der Arend. Er steht einer Arbeitsgruppe vor, die (für Gerätehersteller) verbindliche Überwachungsstandards für Telekomverkehrsdaten entwirft. Völlig willkürliches Data-Mining entbehrt zwar jeder gesetzlichen Grundlage - doch warum arbeiten dann allerhand staatliche Körperschaften an den Voraussetzung genau dafür?
Gerald Votava presents...
Gerald Votava kümmert sich um Kommunikation und Marketing. Die Wahl fällt hier nicht etwa auf die üblichen Verdächtigen Google, Yahoo und Internet Explorer. CSI macht sich nämlich viel besser am Pranger der Datenschützer. Die amerikanische TV-Serie präsentiert Grundrechtseingriffe wie Rasterfahndung und DNA-Analyse nämlich vollkommen lässig, unkritisch und verharmlosend, wie Gerald Votava bemerkt.
Die ehemaligen Protestsongcontest-Finalistinnen "Maronif" widmen Innenminister Platter ein Lied. Aus Angst vor Überwachung verkleiden sie sich mit französisch-englischen Akzenten - äh, oui.
Günther Platter erhält dann auch tatsächlich den heurigen Publikumspreis. Sein "Engagement" in den Sparten "Bundestrojaner" und "Asylrechtsauslegung" wird dabei wohl das seine getan haben.
Dem entgegen steht dann der einzige wirkliche Held des Abends. Karl Korinek, Präsident des Verfassungsgerichtshofes, wird für sein explizites Eintreten für die Privatsphäre prämiert. In einem Interview hatte der Verfassungsjurist gemahnt, die Grenze zum Überwachungsstaat dürfe nicht überschritten werden. Dem wird man leider auch im kommenden Jahr wieder die Nominiertenliste für die Big Brother Awards entgegenhalten können.