Ende der Achtziger Jahre ist mit Bands wie Embrace und Rites Of Spring aus der Washingtoner Hardcore Szene ein neues Genre hervorgebrochen: Emo. Hardcore Punk wurde mit melodiöseren Vocals bedacht, die verhandelten Themen wandten sich der inneren Gefühlswelt ihrer Protagonisten zu. Jahre später heiratet Emo Indie, und so unterschiedliche Bands wie Dashboard Confessional und die Get Up Kids machen in den USA Furore.
"It's, sort of, like, every year, a whole new group of people seems to learn the term, and so it just keeps coming back up again with different people", bringt Matt Pryor, Sänger der Get Up Kids, die mit den Jahren zunehmende Diversifizierung des Begriffs auf den Punkt.
The Get Up Kids
They're Gonna Clean Up Your Looks
Schauplatzwechsel ins Jahr 2007. Mit dem Erfolg von Popbands wie My Chemical Romance oder Panic At The Disco feiert der Begriff Emo sein massentaugliches Revival. Wenn heute die auflagenstarken Illustrierten des Landes das Wort Emo in den Mund nehmen, meinen sie damit jugendliche Musikfans mit der Vorliebe für einen besonderen Kleidungsstil: Schwarze Röhrenhosen und schräg ins Gesicht gekämmte Stirnfransen, reichlich schwarze Schminke und grelle Accessoires stehen auf der Tagesordnung - in der aktuellen Emo-Mode verschmelzen mit Anleihen aus Gothic und Ska verschiedenste subkulturelle Einflüsse.
Die klassische Emo-Uniform der 00er Jahre bedient sich an Genres wie Ska und Punk. Verbindendes Element ist die streng androgyne Ausrichtung des Styles.
Ein Blick auf die Wiener Mariahilferstraße beweist: Immer schneller arbeiten heutzutage die Marketingabteilungen großer Textilverschleißer. FM4 ruft in der Pressestelle eines bekannten schwedischen Bekleidungsdiscounters an. Woran orientieren sich die Designer im hohen Norden auf der Suche nach geschäftstauglichen Trends? Die zuständige Pressedame erklärt: "Medien- und Trendforschungsinstitute sind da sehr gefragt, und zur Zeit besonders für die Jugend interessant ist natürlich die Musikindustrie, die Richtlinien setzt."
Über hundert Designer sind hier ständig mit der Ausschlachtung einer Jugendkultur betraut - dank blitzschneller Vertriebssysteme (täglich langt in den Shops neue Ware ein) wird das Bezugssystem "Emo" also eifrig gemolken.
What You Got Under Your Shirt
Emo scheint eine gefällige Kategorisierung zu sein - die Bekleidungsindustrie ist dankbar für ihr aktuelles Zugpferd und die Medienwelt hat endlich wieder eine Schublade für den Status Quo in Sachen aktueller Jugendkultur zur Hand: Auf Magazincovers wird die gepiercte, schwarz geschminkte Kanzlertochter zur nationalen Ikone hochstilisiert.
Wie so oft führen die Verschränkung von Jugendkultur und Marketing zum Clash of Opinions: Seit ihre Szene medienübergreifend gepusht wird, möchten immer weniger angebliche Szenezugehörige unter dem Begriff firmieren: "Panic At The Disco" verwehren sich in Interviews der Bezeichnung, und unter all den düster geschminkten Indie-Kids möchte sich auch kaum einer mehr als Emo abgestempelt wissen.
The Only Difference Between Martyrdom And Suicide Is Press Coverage
Was bleibt, ist die schale Erkenntnis: Digitale Revolution und Kampfmarketing befördern Szenen heute blitzschnell in den Mainstream - was bleibt da noch übrig, außer sich gegen die Kategorisierung zu wehren? Zum Schluss geht das Wort deshalb erneut an Matt Pryor:
"I'm used to it now, and it doesn't bother me at all, because I figure it's just sort of a marketing term. It's sort of like the only people who really need to use it are journalists and people who work in record stores."
Matthias und Jules, beide 16:
"Wir sind keine Emos!"
Radiotipp
Emo als massentaugliches Indiephänomen? Wir nehmen uns heute in den Sendungen Connected (15-19 Uhr) und in der Homebase (19-22 Uhr) des Begriffs "Emo" an.
In Connected spricht der Hardcore-Konzertveranstalter Thomas "Morli" Mayr über das Aufgehen von Emo in verschiedenen Styles und den medial hochstilisierten Gegenwartsbegriff "Emo".
Die Homebase bringt eine Rückschau auf die musikalischen Wurzeln von Emo und wirft einen Blick auf die kommerzielle Nutzbarmachung des Begriffs. Außerdem zu hören: Ein Porträt der österreichischen Bands Dimitrij, Rika und Everton, die sich sehr wohl noch Emo auf ihre Fahnen heften.