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  Österreich | 17.11.2007 | 14:21   

 
 
Sarah Schmidt "Bad Dates"
  von Martina Bauer

Egal ob im ärztlichen Wartezimmer oder zuhause im Bett - so gut hat mich ein Buch schon lange nicht mehr unterhalten. Und zwar auf einer Tonleiter von leicht glucksend bis laut lachend. Gut so. Passiert nämlich gar nicht so oft.

Sarah Schmidts "Bad Dates" ist eine wirklich gelungene Sammlung von kurzen, im Schnitt ca. vier Seiten langen Texten. Und wer das Format von im Verbrecher Verlag erscheinenden Büchern kennt, weiß, dass sich dieses ungefähr in der Größe eines Notizbuchs bewegt. Da passen also gar nicht so viel Buchstaben auf eine Seite.
 
 
 
Kurz und Bündig
  "Bad Dates" erzählt, was große Mädchen in großen und manchmal auch kleinen Städten erleben können, aber es ist kein so genanntes "Frauenbuch".
Kann ich deshalb sagen, weil ich via Vorlesen einige Geschichten am männlich-lebenden Objekt ausprobiert habe. Er hat auch gelacht.

Da wäre etwa die sehr feine Geschichte, in der Sarah Schmidt den Klassiker von "Was frau erlebt, wenn sie abends alleine am Tresen steht" aufarbeitet. Diese unerträgliche Schwerheit der Kontaktaufnahme, geprägt von der wiederkehrenden Frage "Darf ich dich mal was fragen?!" - na bitte, wenns sein muss.
Oder die Erzählung "Mit Vögeln bin ich durch". Ja, hier geht es tatsächlich darum, dass jemand von Vögeln ignoriert wird. Soll heißen, dass seine Bemühungen, Piepmatze mit allerlei Freßereien ans Fenster zu locken kläglich-lächerlich scheitern.
Ach, und dann ist da noch die sehr, sehr amüsante Anekdote, die wir scheinbar einem Fernsehabend der Autorin mit der weltklasse Sendung "Traumhochzeit" aus dem Hause De Mol zu verdanken haben. Köstlich!

 
 
Kontaktaufnahme
  Im kurzen E-Mail-Interview antwortet Sarah Schmidt mir auf die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Stories:
"Hinter fast jeder Geschichte stecken reale Erlebnisse. Nicht immer aus meinem eigenen Leben. Ich überlege mir, wie man aus einer kleinen, realen Begebenheit etwas lustigeres machen kann, indem man nur mal ein oder zweimal um die Ecke denkt. In dem Sinne kann ich nur warnen: Immer schön überlegen, was man Autoren erzählt, wir merken uns alles und benutzen es rücksichtslos."

Zum Schreiben ist Frau Schmidt übrigens erst dadurch gekommen, dass Freunde von ihr in einem Lokal in Berlin-Mitte jeden Sonntag Selbstverfasstes vorlasen - sie wollte auch auf diese Bühne. Das war 1994.
 
 
 
Zuvor
  Geboren wurde Sarah Schmidt allerdings in einer Kleinstadt am Niederrhein, als 5. Kind und 4. Tochter. 1976 ging die Familie nach Berlin, und Sarah Schmidt trieb sich in der Hausbesetzerszene herum. Dazu die Autorin:

"Es gab wenig interessantere Möglichkeiten, seine Jugend in Berlin zu verschwenden. Beeindruckend war der große Rückhalt in der Bevölkerung, heute kaum noch vorstellbar. Dieses Wissen, das Leben doch auch anders möglich ist, begleitet mich seitdem als gutes, sicheres Gefühl. Und ja, Berlin hat sich verändert. Was ich nicht schlecht finde. Meistens zumindest."

Durchwegs einiges Biografisches versteckt sich auch in den Geschichten von "Bad Dates", die in den vergangen acht, neun Jahren entstanden sind. Etwa wie das unter Schwestern so ist, oder wie Papa einen richtig gut bloßstellen kann. Kennen wir doch alle, oder?!
Von Stil und Humor her würde ich Sarah Schmidt vielleicht in der Gegend von Axel Hacke oder Doris Knecht einordnen. Schnell, spritzig, mit einem Schuss Gemeinheit und Selbstironie. Einfach fein.
Ich finde, "Bad Dates" kann aus schlechten Tagen wirklich gute machen.

Sarah Schmidt, "Bad Dates" ist im Verbrecher Verlag Berlin erschienen.

 
 
  Und nur interessant für in und um Berlin lebende: nächster Lesetermin: 08.12.2007, 20 Uhr Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36
 
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  www.sarah-schmidt.de
Website der Autorin - inklusive Kurzgeschichten

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