Mein Rock war mal eine Männerhose. Milch, nicht die im Packerl im Kühlschrank, sondern das Label von Cloed Baumgartner, hat sie verändert. Die großen Taschen hat er behalten, das satte Grün und die schwarzen Streifen. Diese Woche geht es den Hemden an den Kragen: Cloed Baumgartner macht dünne Herrenhemden mit
Stricktechnik zu dicken, wärmenden Teilen.
Wie die fertigen bestrickten Hemden aussehen, kann man bei der Upcycling Schau des Beschäftigungsprojekts tag.werk der Caritas für junge Erwachsene am 21.11. in der Grazer Postgarage anschauen. Tag.werk sind Upcycling-Spezialisten.
"Upcycling" klingt nach Sport in den Bergen, ist aber ein alter Hut: Second-Hand-Kleidung wird recycled, umgemodelt und damit aufgewertet. Der Anorak in seiner heutigen Form ist so entstanden. Alfred Wegener, Polar- und Geowissenschafter, ließ für seine letzte Grönlandexpedition Jacken nach den grönländischen Anoraks umschneidern.
Das Basislager für Zelte liegt in meinem Kleiderschrank links unten: XL bis L-Shirts (Herrenschnitt) bilden einen Stapel, der bei jeder Umstellung von Sommer- auf Winterpullis einmal auseinandergenommen und wieder fein gefaltet zurückgelegt wird. Dazwischen kurze Erinnerungssplitter an Konzerte. "Wir kommen um uns zu beschweren". Zu kurz, zu eng oder ein Zelt - der Merchandisestand ruft nach einer Nähmaschine.
Ein Kurztrip zu Lieblingsstücken und Upcyclern rund um den Globus.
Guam. Und Schnitt!
Valerie King macht Band-T-Shirts tragbar. Bündchen und Knöpfe näht die 20jährige an Radiohead-Shirts, Future Heads-Fanware bekommt von ihr eine Kapuze und Weezer leichte Rüschenärmel. Ihr Kundinnenstock kauft mittlerweile auch Shirts, die keine klingenden Namen tragen. Gut so, denn die Onlineauktionen mit dem umgearbeiteten Merchandisetextilien wurden immer öfter beendet bevor geboten werden konnte - obwohl alle Shirts aus offiziellen Merchandise-Teilen gemacht sind. Valerie King lebt auf Guam, doch hinklicken kann man sich hier.
Viele Laden voll Socken hat Anita Steinwidder diesen Sommer geleert und daraus ihre komplette
unartig-Herbst/Winter-Kollektion genäht. Die ausgebildete Architektin setzt sich seit einigen Jahren mit der Entfremdung von bereits vorhandener Kleidung auseinander und lässt dabei die ursprüngliche verwendungsübliche Funktion der Stücke weg. Pullis, Kleider und Hosen entwirft Steinwidder einzig aus Socken, Strümpfen und Strumpfhosen. Dutzende Socken setzt sie mittels Nähmaschine zu T-Shirts zusammen.
Und ja: Alte Socken können sehr anziehend aussehen. Farblich sortiert, gewaschen und gebügelt wird die Überschussware zu einem strukturbildenden Muster gelegt. Eineinhalb Tage näht Steinwidder an jedem Kleid. Die reliefartige Oberflächenstruktur gibt den Stücken einen zusätzlichen Reiz. Nur aus der Nähe sieht man die vielen Socken.
Besockt in den Herbst
(c) Stefanie Honeder
Toronto. Preloved Clothes
Spezialisten im Kleidung-schöner-Machen sind auch die Kanadier von Preloved Clothes, die seit 1995 zeigen, dass sich Redesign von Second-Hand-Mode doppelt rentiert. Getragene T-Shirts, Pullis und Wollhosen kombinieren die in Toronto ansäßigen Designer mit neuen Stoffen.
Schriller und extravaganter schneidern die Briten Red Mutha. Second-Hand-Kleidungsstücke verziert das Kollektiv mit Aufnähern und Buttons, setzt einzelne Stoffstücke von Fußballtrikots oder Camouflage-Teile ein. Auch Accessoires von Taschen und Gürteln bis zu Ohrringen fertigt Red Mutha, Trash wird zum Stilprinzip erhoben. Zurzeit hängt die bunte Wäsche von der Insel auch in der Boutique Gegenalltag im MQ in Wien.
Preloved schneidern Einzelstücke aus Lieblingsstücken
Re-Shirt!
Wer sich vom kaum je getragenen T-Shirt-Stapel in den Tiefen des Kleiderschranks verabschieden möchte, doch das Souvenir aus Barcelona für die Altkleidersammlung zu schade findet, kann seine T-Shirts zum "Re-Shirt" machen. Bei Re-Shirt greift niemand zur Schere. An Re-Shirt gespendete T-Shirts werden bloß mit einem orangen rechteckigen Label versehen und online veröffentlicht.
Mit Erinnerungen aufgeladene Stoffe können über einen Online-Shop erstanden werden. Jedes T-Shirt kommt mit einer Geschichte: Von verlorenen St. Pauli-Spielen, noch nicht verlorenen fünf Kilos und Wiener Linien-Kontrolleuren namens Hermann. Re-Shirt ist ein Wirtschaftsexperiment. Halten Produkte länger, wenn man ihre Vorgeschichte kennt?
Produkte mit Eigenleben wirft man nicht so leicht weg, sind die Re-Shirt-Betreiber von der Wissensmanagementagentur Shapelifters überzeugt.
Und das Toni Polster-Leiberl wird zumindest kurzfristig vor seinem Putzfetzen-Ende bewahrt.
Graz. Mehr Chamäleons aus dem Kleiderschrank!
Das Kleiderspendendepot der Caritas hat das Team von tag.werk in den letzten Wochen gemeinsam mit slowenischen und österreichischen Modemachern durchforstet. Welche Chamäleons sie diesmal aus gebrauchten Gewand zaubern werden - ich bin gespannt. Mit dabei Kreationen von der Boutique Gegenalltag, Firma, Ingrid Thallinger, MICHAEL, MILCH, ni-ly und von Palo Alto.
Upcycling-Mode zum Anschauen von tag.werk gibt es am 21.11., 20 Uhr in der Postgarage in Graz.